Dame Juliana Berners

© Project Gutenberg

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Vor über 500 Jahren, im Jahre 1496, erschien in der englischen Jagdbroschüre ‚Boke of St. Albans‚ ein Anhang, der die Weiterentwicklung des Fliegenfischens in Europa maßgeblich beeinflussen wird. Es kann als Sensation bezeichnet werden, dass der Kunst Fliegenfischen – welches mit ziemlicher Sicherheit sehr weit verbreitet praktiziert wurde – erstmals in einer massenaufgelegten Publikation, begünstigt durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, Ausdruck verliehen wurde. Die allergrößte Überraschung – die diesen Mythos standhaft weiter gedeihen liess – liegt aber in dem Umstand begründet, dass dieses dem männlichen Sport gewidmete Büchlein ‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‚ von einer Frau, der Nonne Dame Julian Berners aus Sopwell im ländlichen Hertfordshire, verfasst wurde.

Wenig ist aus dem Leben Juliana Berners bekannt, doch Überlieferungen nach, zog sie sich früh aus dem weltlichen Leben zurück. Durch eine zu Hof verbrachte Jugend, kam sie in den Kontakt mit aristokratischen Vergnügungen wie der Wild-, Vogel- und Falkenjagd und schließlich der Fischerei. Als spätere Priorin hatte sie ausreichend Gelegenheit sich und ihre Ordensschwestern, mit Fischen für die zahlreichen Fasttage zu versorgen und sich somit in der Fischerei zu üben. Juliana Berners wurde Schönheit, Intelligenz, Mut, Weisheit und Charakterstärke attestiert. Auf die letzteren Attribute wird in ‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‚  vielfach Bezug genommen. So nimmt sich Berners der Tugenden Umwelterhaltung und Anstandsregeln am Wasser an. Konzepte die erst vierhundert Jahre später wieder aufgegriffen wurden und die erst heute zum Fundament der Fischerei zählen, auch wenn man diese doch manchmal an zufälligen Begegnungen am Wasser vermisst.

'Treatyse of fysshynge wyth an Angle' (1496)

‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‘ (1496)

Das Büchlein, welches im 16. Jahrhundert viele Male aufgrund der hohen Nachfrage wiederaufgelegt wurde, beinhaltet nebst Fischkunde und Hinweisen zu Standplätzen unterschiedlichster Fischarten, Anleitungen zum Bau von Ruten, der Verknüpfung von Rosshaar zu Angelleinen, und der Hakenschmiede! Der profundeste und für die Fliegenfischerei nachhaltigste Beitrag waren aber Bindeanleitungen zu zwölf Fliegen zum Fang von Forelle & Äsche, darunter Steinfliegen und Maifliegen. Diese Muster bilden die Grundlage für die Weiterentwicklung von Fliegenmuster durch Charles Cotton, Robert Venables und Thomas Barker. Erstaunlich ist weiters die Tatsache das sich die “Treatyse of fysshynge wyth an Angle“ eindeutig mit der Freizeitfischerei und nicht der Angelei zur Nahrungsversorgung beschäftigt.

Trotz seines Alters ist ‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‚  eine beachtenswerte Veröffentlichung, welche den Weg für Izaak Walton’s ‚The Compleat Angler‚ ebnet. Dem Fischen zur Festigung des Charakters, der Suche nach innerer Ruhe und der Besinnung auf immaterielle Werte, sowie dem Streben nach einem langem, sinnstiftendem  Leben – allesamt einer Priorin gebührend biblische Tugenden – wird der höchste Wert dieser friedvollen, im naturnahen Umfeld stattfindenden Betätigung, beigemessen.

Historiker und Fliegenfischer – allesamt Männer – bezweifeln die Existenz Juliana Berners. Auch wenn wissenschaftliches Streben es nach sich ziehen muss, die Urheberschaft der ‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‚ und die Wahrheit hinter dem Mythos Dame Julian Berners aufzuspüren. Ich fühle mich mich geborgen zwischen den Zeilen dieser Publikation, egal ob verfasst von einer Frau oder einem Mann. Denn der Wert für Fliegenfischer im 21. Jahrhundert dieses wunderbaren Büchleins besteht nicht darin, uns beizubringen wie man fischt, sondern uns zu lehren, unsere Existenz im spirituellen Einklang zu verbringen.

Eine moderne englische Version, der nur wenige Seiten langen ‚Treatyse of fysshynge wyth an Angle‘ findet ihr auf Andrew Herds wunderbarer Homepage, Flyfishing History.

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Ab sofort erhältlich auf www.nymphenfischen.com 

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