Kamera an – und Action: Großforellenjagd mitunter nicht immer fair?

Letzte Woche stellte ich unbedarft und ohne dabei den journalistischen Grundsatz der 5W in Anbetracht zu ziehen, untenstehendes Video vom Fang dieses kapitalen Fisches auf Forelle & Äsche ein. Durch einen sehr anregenden Austausch mit Walter Reisinger, dem Mitautor von ‚Entomologie für Fliegenfischer‘ – siehe Kommentare –  wurde mir plötzlich eine völlig andere Betrachtungsweise dieses Video eröffnet. Also zurück an den Schreibtisch, meine Recherchehausaufgabe wiederholt, widme ich mich nochmals dem Thema ‚Große Forellen = große Streamer?‘

Wer: Matt Heron – Eigendefinition: Old School Traditions, New School Attitude – fliegenfischender Guide am Lake Tahoe (Kalifornien), kursiert mit einem Video vom Fang einer Kapitalforelle auf Vimeo und YouTube.

Was: Eine Großforelle, der gerne fälschlicherweise nachgesagt wird, einzig mit Streamern zu fangen sei, konnte mit einer kleinen Eintagsfliege überlistet werden.

Warum: Fest überzeugt von der Fangbarkeit von Forellen stolzen Alters und Größe mit Nymphen, erschien dieses Video als Beleg meiner Position. Der Wunsch auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, ließ offensichtlich andere kritische Prüfungsfaktoren bei der Entscheidung zur  Veröffentlichung dieses Artikels und Videos in den Hintergrund geraten.

Wo: Der Fangort, laut Video 1:30pm an einem Mittwoch am Lake Tahoe. An der Stelle hätte ein investigativer Instinkt losgetreten werden müssen. Wie aus dem Video ersichtlich erfolgte der Fang in einem kleinen Fluß. Eine neuerliche Recherche auf Matt Heron’s Vimeo Kanal ergab auch, dass die Fangangabe im Video in Heron’s O-Ton nicht exakt Lake Tahoe sei, sondern eher ‚in der Nähe‘. Da wurde wohl mit der Wahrheit etwas großzügiger umgegangen.

Der nächste weitaus eklatantere Hinweis, der mich beim ersten Betrachten des Videos zwar ein wenig ins Staunen brachte, aber nicht ausreichend meine Zweifel regte, ist in der Flussstruktur zu finden. Es ist nicht ungewöhnlich auf Forellen dieser Größe im knietiefen Wasser zu stoßen. In erster Linie werden diese Standorte aber  während der Laichzeit aufgesucht. Dass Forellen zu einer Zeit, die in erster Linie der Vermehrung gilt, jegliches andere Sicherheitsempfinden in den Hintergrund rücken, könnte mitverantwortlich sein, dass Fliegenfischer und Kameramann sich nahe genug anschleichen konnten ohne dabei vom sicherlich sehr ausgeprägten Schutzinstinkt dieser Großforelle wahrgenommen zu werden.

Wann: Genaue Angaben zum Fangzeitpunkt werden im Video nicht gemacht. Nun wissen wir, dass die Lokalität des Fanges auch nicht ganz akkurat mitgeteilt wurde. Der Zeitpunkt des Fanges wurde aber in keiner Weise erwähnt, abgesehen von der Tageszeit. Hochgeladen wurde das Video allerdings vor zum jetzigen Zeitpunkt zehn Monaten. Geht man davon aus, ein Video dieser Art durchläuft keinen mehrmonatigen Post-Produktions Prozess und zieht man die vom mir geäußerte Vermutung hinzu – einen Fang dieser Art so schnell wie möglich publizieren zu wollen – dann: ja dann erfolgte dieser Fang möglicherweise im Herbst letzten Jahres; also während der Laichzeit!

Unter diesen Gesichtspunkten wäre der Fang eines Fisches, selbst ohne gesetzlich vorgegebene Schonzeit, moralisch höchst verwerflich. Es wird kein einfaches werden, der Wahrheit über Zeit und Ort dieses Fangs, auf die Spur zu kommen. Ich hoffe aber sehr, diese Vermutung wird entkräftet.

Es wäre traurig würde sich hinter Matt Heron’s Selbstdefinition auf seiner Homepage ‚Old School Traditions, New School Attitude‘, das Streben nach persönlichen Rekorden ohne Rücksicht auf Fisch und Natur verstecken.

Mein Dank gilt noch einmal Walter Reisinger, der mich in einem sehr konstruktiven Dialog, auf die Zweifelhaftigkeit dieses Fangs und seiner  Dokumentation und Publikation aufmerksam machte. Durch seine Anregung werde ich mich wahrscheinlich nicht mehr so leicht von der Attraktion, von nach Luft schnappenden großen Fischen die zuvor kräftigste Ruten bis ins Handgelenk bogen, beeindrucken lassen.

Advertisements

Kommentar verfassen