Schwarze Liste invasiver Arten – eine Frage des Blickwinkels

Signalkrebs

Als mein Ausflugskollege Tobias diesen stattlichen Signalkrebs aus der Ahr zog, ahnte ich nicht das der leicht verärgert und bedrohliche Blick dieses Eindringlings, mich nur wenige Monate später in Hamburg im Archiv des Thünen-Instituts für Fischereiökologie sitzen lassen würde. Doch den oft in heimischen Bächen ungern gesehenen Signalkrebs suchte ich vergeblich auf der Liste der 100 schlimmsten invasivsten Arten. Nicht zu übersehen darauf waren aber uns Fliegenfischern besonders nahe stehende Fische.

Der genervte ‚hey lass mich doch in Frieden‘ Gesichtsausdruck des abgebildeten Kerls warf für mich die Frage auf, wie und wann dieses Tier wohl seinen Weg aus den USA nach Europa fand. Und während ich mich so in die Materie einlas erfuhr ich, dieser Eindringling in autochthone Gewässer wurde zur Zeit seiner Verpflanzung als heilbringender Retter betrachtet. Denn als die an der Krebspest dahin siechende  indigene Flusskrebspopulation durch den amerikanischen Signalkrebs gerettet werden sollte wußte niemand: der amerikanische Verwandte war nicht nur resistent gegen die Erreger der Krebspest. Er sollte sich auch als Übertrager der heimtückischen Krankheit erweisen. Somit erzielte die sicherlich gut gemeinte Absicht zur Stützung heimischer Flusskrebse den ungewollten Effekt, die schleichende Ausrottung des europäischen Flusskrebs zu beschleunigen. Pheew – heavy stuff!

Johann Heinrich v. Thünen Institut

Auch wenn der vom Signalkrebs ausgehende Schaden (Insektenlarven – und Fischlaichraub, Rückgang an Koppen, Revierverdrängung von Forelle & Äsche durch vehemente Verteidigung von Unterschlüpfen), in sich selbst einen interessanten Artikel wert wäre, liess ich mich bei meiner Recherche von weiteren Entdeckungen vom eingeschlagenen Weg abbringen. Friedrich von BehrUnd dieser Pfad führte mich letztlich ins Johann Heinrich von Thünen Institut in Hamburg, welches Originalausgaben der Circulare des Deutschen Fischerei-Vereins (gegr. 1870) beherbergt. In der Zeit von 1875 – 1892 lag die Führung des Vereins in den Händen von Friedrich Karl Gustav Felix von Behr, einem laut DFV ‚aktiven und ideenreichen Mann, der eine rege Tätigkeit des Deutschen Fischerei-Vereins bewirkte‘.

Die Zeit seiner Leitung koinzidierte mit der Hochblüte der von Kolonialisten weltweit gegründeten Akklimatisationsgesellschaften, die in der Zeit von 1850 – 1900 ihren Höhepunkt erlebten. Getrieben von der Sehnsucht nach vertrauter Flora und Fauna, machten sich Aussiedler an die Sache die in den neuen Ländern vorgefundene ‚Artenarmut‘ mit bekannten und liebgewonnen Tieren anzureichern. Somit wurden also Pflanzen und Tiere in immenser Anzahl in die verlegensten Ecken der neu beherrschten Welt befördert. Und genau damit begann auch der globale Siegeszug der in Europa heimischen Bachforelle.

Forelle Loch Leven

Von Australien über Neu Seeland und Afrika konnten sich nun Bachforellen unberührte und häufig frei von Feinden befindliche Wassersysteme zu eigen machen. Denn die den letzten europäischen Winkel erfassende industrielle Revolution, hinterliess ihre schmutzigen Spuren selbst in ländlichen Gewässern.

Nur die USA und Südamerika wurden zu der Zeit noch nicht von ‚Fremdlingen‘ heimgesucht, die zusammen gepfercht in Booten, sich zu tausenden auf eine lange, ungewisse Reise machten um neue Lebensräume zu erschliessen.

Fliegenfischen Robert W Hines Bachsaibling

Amerikanische Akklimatisierer waren ihrerseits verantwortlich für einen anfangs transkontinentalen Verkehr von Bachsaiblingen (Brook Trout) und Regenbogenforellen. Erstere erfüllten die Sehnsucht nach kämpferischen Salmoniden an der jüngst erschlossenen Westküste der USA. Letztere füllten aufgrund ihrer Resistenz zu wärmeren Wasser, die von Bachsaiblingen – bedingt durch Rodung und Bergbau und damit verbunden Wassererwärmung, Erosion und Verschmutzung – hinterlassenen Lücken.

Die Reise des Bachsaiblings führte aber nicht nur an die Westküste der USA. 1879 erhielt Friedrich von Behr unaufgefordert eine kleine Ladung an Bachsaiblingeiern welche auf einige wenige Zuchtanstalten im damaligen deutschen Reich verteilt wurden. Der Startschuss zum Aufstieg von Salmoniden auf die globale Liste von invasiven Arten war somit gefallen, und der aufgrund seines schönen Schuppenkleids vielfach geschätzte Bachsaibling findet ebenso Platz auf der ‚Schwarzen Liste invasiver Fische Deutschlands und Österreichs‚, wie die 1882 eingeführte Regenbogenforelle.

Fliegenfischen Robert W Hines Regenbogenforelle

1882 sollte zum Auftaktjahr der Eroberung der USA durch die deutsche Bachforelle werden. Zwei Jahre zuvor wurde Fred Mather als Abgeordneter der U.S. Fish Commission im Auftrag von Spencer Fullerton Baird – beide illustre Figuren der transkontinentalen Salmonidenbesiedelung der USA – zur Fisch & Aquakultur Expo des deutschen Fischereiverbands nach Berlin gesandt. Als begeisterter Fischer liess sich Fred Mather eine Einladung von Behrs zur gemeinsamen Fischerei im Schwarzwald nicht entgehen. Angetan von der Schönheit und Kampfkraft der europäischen Bachforelle, fällte der Fischzüchter Mather die Entscheidung die Route des Bachsaiblings in entgegengesetzte Richtung für die Bachforelle zu öffnen. MS WerraUnd so stach die MS Werra mit 80.000 Forelleneiern an Bord in See um auch amerikanischen Fischern die Möglichkeit zu bieten, ihr Können an der im Gegensatz zur Brook Trout schlauen, manchmal auch kapriziösen German Trout zu messen. Im Februar 1883 landete die kostbare Fracht an sowohl Bach- als auch Seeforelleneiern in New York und wurde unmittelbar an Zuchtanstalten in N.Y. State und Michigan verteilt um dort als erste Generation europäischer Forellen, die Gewässer der neuen Welt ihr eigen zu machen.

Und wie Generationen an Fremden vor und nach ihr war die Bachforelle und ihre Nachfahren aus Deutschland, England und Schottland kein willkommener Gast. Den die Bachforelle setzte in der Fremde fort, wofür sie auch in der Heimat hoch geschätzt wurde. Sie vermehrte sich rasch und wuchs zu stattlicher Größe heran. Wen überrascht es, das sich die Bachforelle anfangs keine Freunde in den USA machte. Stand sie doch im Ruf, dem amerikanischen Bachsaibling mit ihrem aggresivem Gebaren den Lebensraum weg zu nehmen. Und so leicht fangen wie diese liessen sie sich auch nicht.

Schwarzwaldnachkomme im Madison River © Wikimedia: Mike Cline

Schwarzwaldnachkomme im Madison River © Wikimedia: Mike Cline

Doch ähnlich wie die Regenbogenforelle schloss die Bachforelle eine Lücke, die der vermehrte Rückgang an Brook Trouts in den USA hinterliess. Nicht Bachforelle sondern Mensch, angetrieben vom Tempo der Zeit, raubte durch industrielle Nutzbarmachung von Gewässern und Wäldern den Brook Trouts ihren angestammten Raum. Der Bachsaibling, wissenschaftlich Salvelinus Fontinalis – ‚kleiner Quell -Lachs‘ – verlor seinen quellenartigen, kalten und sauerstoffreichen Lebensraum. 1879 prophezeite das amerikanische Magazin Forest and Stream: ‚Wir sehen wahrscheinlich die letzte Generation an Forellenfischern‘. Dieser Unkenruf ging aber nicht auf, denn während der Bachsaibling der erhöhten Wassertemperatur nicht mehr stand halten konnte, blühte die Bachforelle in ihrer neuen Umgebung auf.

Fliegenfischen wie wir es heute aus den USA, Neu Seeland und Argentinien kennen, wäre ohne die Einführung der Bachforelle kaum denkbar. Selbst der große amerikanische Fliegenfischer Theodore Gordon musste 1913 anmerken, dass er und viele seiner Zeitgenossen sich noch an die ‚magere Zeit vor der Einführung der Bachforelle‘ erinnern. Und doch ging die aus fischereilicher Sicht erfolgreiche Besiedelung nicht ohne Blessuren vor sich. Australien, sowie mehrere Staaten der USA rufen immer lauter nach letalen Maßnahmen zur Wiederherstellung einer biologischen Vielfalt die vieler Orts vor der Kolonisation der Bachforelle existierte und durch diese bis an den Rand der Existenz gedrückt wurde.

Sollte in unserer Umgebung also auch einmal nachdrücklich nach unsanften Methoden zur Entfernung nicht heimischer Arten gerufen werden, lasst uns an die von uns lieb gewonnene Bachforelle und ihr mögliches Schicksal anderswo denken. Die oft in guter Absicht getätigte Besiedelung durch allochthone Arten lässt sich schwierig mit einem radikalen Kahlschlag rückgängig machen. Die Schaffung eines Lebensraums, der heimische Arten vor Bedrohung schützt und ihnen das Umfeld gibt sich selbst zu entfalten und gegen Neuankömmlinge zu behaupten, wird wenn auch vielleicht die schwierigere, mit Sicherheit aber die nachhaltigere Lösung sein.

 

 

Comments

  1. Lesetipp zu diesem Thema: „An entirely synthetic fish“, die Story zur Regenbogenforelle.

    • Hallo Christian,

      vielen Dank für deinen Hinweis Anders Halversons faszinierendes Buch in die Thematik aufzunehmen. Die Buchbesprechung von „An entirely synthetic fish“ befindet sich auf meiner Pipeline an zu veröffentlichenden Artikel. Zumal einige Protagonisten des im oben genannten Artikel – Spencer Baird, Livingston Stone – im Detail vorgestellt werden.

      Beste Grüße
      Tankred

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