Nachhaltige Gewässerunterhaltung – Interview mit Dr. Ludwig Tent

Dr. Ludwig Tent – Autor: Lebendige Bäche und Flüsse

Dr. Ludwig Tent – Autor: Lebendige Bäche und Flüsse

Angeregt durch diese spannende Lektüre – wie viele wissenschaftliche Publikationen können das von sich behaupten – , schickte ich mich an den Autor persönlich kennen lernen zu wollen. Ähnlich unkompliziert wie die Text- und Inhaltsgestaltung von ‚Lebendige Bäche und Flüsse‚, koordinierte Dr. Ludwig Tent ein Treffen mit mir. Ein beruflicher Vororttermin von mir in Hamburg wurde dazu genutzt, vor der Heimreise nach Köln einen Abstecher nach Tostedt im Kreis Harburg zu machen.

Im Nadelstreif und Trenchcoat fand ich mich bei Ludwig Tent ein, um ein Interview zum Thema Gewässerunterhaltung zu führen. Das ich wenige Minuten nach meiner Ankunft im Hause Tent, Chelsea Boots durch Gummistiefel ersetzte und wir uns in die Lüneburger Heide begaben, spricht für die Praxisnähe des Hydrobiologen, der zu seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und der Leitung der Abteilung für Umweltschutz im Bezirksamt Wandsbek, sich für Natur-und Gewässerschutzbelange der Edmund Siemers-Stiftung verantwortlich zeigt.

Este Topfquelle

Topfquelle Bötersheim

Nach faszinierenden Stunden entlang des Verlaufs der Este, an denen ich einen Crashkurs an Flussverbesserungsmaßnahmen erhielt – Tothölzer, Kiesaufschüttungen – erklärte sich Ludwig Tent bereitwillig einverstanden, meine Fragen zu ‚Lebendige Bäche und Flüsse‚ zu beantworten.

Für das mir entgegen gebrachte Vertrauen, die freundliche Aufnahme und Führung entlang der Este, sowie die detaillierte Beantwortung meines Fragebogens, möchte ich mich ganz herzlich bei Dr. Ludwig Tent bedanken.

F & Ä: Der Mensch hat seit Jahrtausenden Flüsse als Hilfsmittel zur Ausübung ökonomischer Tätigkeit genutzt.

Wenn in ihrem Buch Renaturierungsmaßnahmen für Flüsse dargestellt werden, welche künstlichen Eingriffe sollten in erster Linie behoben werden?

Dr. Tent: Was es zu verändern gilt, ist 12 Jahre nach Inkrafttreten der EG-Wasserrahmenrichtlinie und Einbeziehung in das Wasserrecht aller EU-Länder gut beschrieben. Primär im Gewässer sind es die Durchgängigkeit für wandernde Organismen (und das sind je nach Raumgrößenordnung, die wir betrachten, eigentlich alle Lebewesen) und die Verbesserung bzw. Wiederherstellung ihres Zuhause. Das Zuhause wird in Fließgewässern meist „reich strukturierte, standorttypische Gewässersohle“ genannt. Dazu gehören aber auch Strukturen in der 3. Dimension sowie Seitenräume – also z.B. Totholz, unterspülte Ufer und reichhaltig dreidimensional wirksame Wurzelbereiche.

Darüber hinaus gilt es, Ufer- und Randstreifen standorttypisch zu entwickeln bzw. sich entwickeln zu lassen. Und selbstverständlich – wir müssen uns diese Selbstverständlichkeit erst wieder erarbeiten – gehört das Verhalten innerhalb des gesamten Einzugsgebiets dazu. Um es an einem internationalen Beispiel zu verdeutlichen: In Seattle fragt der Lachs in einem Umweltberatungs-Flyer den Gartenbesitzer, ob ihm klar ist, dass er in seinem – des Lachses – Lebensraum aktiv ist. Bei zukunftsfähigem Gewässerschutz geht es immer auch um das verträgliche Handeln im gesamten Einzugsgebiet des Gewässers.

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F & Ä: Ein häufig genutzter Begriff in Ihrer Publikation ist ‚Harte Gewässer- unterhaltung‘.

Könnten Sie diesen Begriff etwas sezieren und Prozesse oder Eingriffe beschreiben oder verbildlichen, die diesem Begriff zuzuordnen wären?

Dr. Tent: „Hart“ wird eine Gewässerunterhaltung genannt, die ohne Rücksicht auf die Lebensgrundlagen ihren (z.T. lediglich vermeintlichen!) Aufgaben nachgeht. Das gilt z.B. für die in den meisten Bundesländern von den meisten Zuständigen noch immer Meter für Meter bis in die Quellbereiche durchgeführten Mähkorbeinsätze.

Bei den Überlegungen zum Verlust der Art Aal (viel gesprochen wird über die sukzessive Vernichtung aller Individuen bei der Flussab-Passage von Kraftwerksketten wie am Rhein Richtung Sargassosee via Rheinmündung) könnte man auch ein Gedankenexperiment machen, welchen Anteil der jahrzehntelange Mähkorbeinsatz an der Aalvernichtung hat – von anderen Organismen einmal ganz zu schweigen.

„Hart“ ist die Nichtberücksichtigung von Laichzeiten, von Laich- und Aufwuchsgebieten. Hart ist auch ein gedankenloser Maschineneinsatz, der vielerorts rein nach Vorhandensein des Geldes gesteuert scheint. Und das Geld ist ja vorhanden – der Steuer- bzw. Beitragszahler ist rechtlich zwangsveranlagt. So staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, dass in sehr vielen Bächen und kleinen Flüssen NACH schadlosem Durchlauf von Winterhochwässern Uferstrukturen durch Mähkorbeinsatz beseitigt, also vernichtet, werden.

Weniger wäre bei den meisten Arbeiten meist mehr, wie das in jüngerer Vergangenheit einige wenige Pioniere zeigen konnten.

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F & Ä: Relativ zu Anfang in Ihrem wunderbaren Buch stellen Sie folgende Aussage in den Raum: Veränderungen können natürlich nur schrittweise stattfinden und hängen nicht nur ab von der Lern-, sondern auch der Handlungsbereitschaft der Beteiligten: über politische Gremien, technische Mitarbeiter von Firmen und Verwaltungen bis hin zu jedem Einzelnen in der Gewässerunterhaltung Beschäftigten und zu den Grundbesitzern. Dies hat in vielen Fällen bereits zu dem notwendigen, neuen Bewusstsein im Umgang mit unseren Gewässern geführt, jedoch stehen flächendeckende Veränderungen weitestgehend aus.

Könnten Sie bitte auf diesen Vermerk näher eingehen und vielleicht Veränderungsschritte nennen, die aus Ihrer Sicht und Ihrer Kenntnis um den Zustand heimischer Flüsse, dringend notwendig wären.

Dr. Tent: In unserer meist flächenhaft intensiv genutzten Landschaft wäre die Rücknahme überzogenen Handelns (vgl. vorige Frage) bereits ein erster Gewinn. Daneben gilt es bei Wasserbaumaßnahmen, nur geschultes Personal am Lebensraum Gewässer handeln zu lassen. Noch immer wird gedankenlos herumgepfuscht.

So sind solch scheinbar simple Dinge wie Rohrüberfahrten, Brückenbauten leicht durchgängig für wandernde Organismen herzustellen. – Sehen Sie sich einmal an, was Bauhöfe, auch unter Anleitung (z.T. junger) Wasserbauingenieure in den Kommunen anrichten. Regenrückhaltebecken im Hauptschluss von Bachoberläufen gehören zu den Schadtaten dazu. So wird das den Naturzustand garantierende Fließkontinuum bereits kurz unter den Quellen thermisch zerstört: Überhitzung im Sommer und – meist gedanklich nicht verinnerlicht – Unterkühlen im Winter stören die Entwicklung der empfindlichen Organismen.

Das gute Beispiel ist leider nach wie vor die Ausnahme. – An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass die Wasserrahmenrichtlinie nicht vom Himmel gefallen ist. Deutschland war maßgeblich an ihrem Zustandekommen beteiligt – und das zu Zeiten, wo die heutigen Regierungsparteien regierten. Man fragt sich also, wer da heute Wesentliches vergessen hat.

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F & Ä: Das Buch ‚Lebendige Bäche & Flüsse‘ wurde 2000 veröffentlicht. Die vorgestellten Beispiele stammen allesamt aus Dänemark und der dortigen Wasserbehörde.

Müssten Sie heute eine Neuauflage gestalten, könnten Sie in der Zwischenzeit Best Practice Beispiele aus Deutschland aufzeigen?

Dr. Tent: Verbesserungen wären einfach, Handreichungen liegen hinreichend vor. Was in „Lebendige Bäche und Flüsse“ komprimiert vorgestellt ist, sind Grundlagen, die weiter gelten. Die Umsetzungsbeispiele können überall in vergleichbaren Situationen angewandt werden. Insofern braucht das Buch keine Neuauflage – es bleibt auch weiter am Markt.

Best practice in Deutschland findet sich bei geeigneter Suche vielfältig im Internet. Allerdings muss man abwägen, was in der eigenen Situation passt und was nicht. Auch muss man – schlechtes Beispiel leider gerade publiziert – prüfen, ob – schon beginnend bei der Zielfindung – falsch gedacht wird. So hat gerade ein Kollege, ohne Berücksichtigung der für sein angewandtes Modell geltenden Randbedingungen, eine Aussage quer über die Gewässer von ganz Deutschland gemacht. Da tauchen dann Bäche im Norddeutschen Tiefland mit der Bemerkung auf, dass die sommerkühle Quellschüttung eine Anomalie sei. – Ich will das gar nicht weiter kommentieren – weiss auch nicht, was anomal ist: der Regen, der in den Boden sickert und aus der Quelle sommerkühl und winterwarm austritt, oder vielleicht der Autor des Berichts? Ich weiss es nicht.

Zurück zu best practice: Das Internet bietet z.B. www.wasserblick.net, die Seite mit den offiziellen Daten der Wasserwirtschaftsverwaltung. Kommunales findet sich z.B. bei www.wrrl-kommunal.de und anderswo. Eine schöne Sammlung an Steckbriefen hat auch der Umweltverband Grüne Liga www.wrrl-info.de . – In den Bundesländern, in Regional- und Kommunalverwaltungen, bei den ökologischen Landesämtern, die Aus- und Fortbildung anbieten, finden sich weitere gute Beispiele, z.B. in Form von Vortrags-pdf-Dateien.

Verbesserungen bei weichem Gewässergrund sind kompakt zusammengefasst im Gewässerwartblog , zwei meiner jüngeren Vorträge handeln von Wanderfischen  und dem Restaurieren.

Wer Neues von mir selbst sehen möchte, findet das auf meiner Internetseite Salmonidenfreund und in meinem Blog.

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F & Ä: Zur Zeit der Veröffentlichung ihres Buches im Jahr 2000 behaupten Sie, ‚Erste Schritte zur gewässerschonenden Landnutzung und Gewässer-unterhaltung wurden in Süd-und Ostdeutschen Ländern unternommen.‘

Welchen Aufholbedarf sehen Sie für andere Bundesländer und wie können diese Unterschiede ausgeglichen werden? Worin sehen Sie dieses gesteigerte Bewusstsein in jenen Bundesländern begründet?

Dr. Tent: Es ist wohl eher keine Frage von Bundesländern, sondern nach dem Vorhandensein besonders Engagierter und Handlungswilliger. In Süddeutschen Bundesländern kam den Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie das Vorhandensein einer ausgezeichnet ausgebildeten und organisierten Wasser-wirtschaft im Öffentlichen Dienst, zusätzlich gestützt auf qualifizierte Ingenieur- büros sowie hervorragend interdisziplinär ausgerichtete Universitäten zu Gute.

Leider muss festgestellt werden, dass parallel zu den fachlichen und rechtlichen Anforderungen die Politik geradezu alles daran setzte, derlei funktionsfähige Verwaltungen zu stören, gar zu zerstören. Das Negativbeispiel für Deutschland ist das Bundesland Niedersachsen, in dem ein einer kleinen Partei (Abkürzung entspricht „Fast Drei Prozent“) frisch ernannter Umweltminister schon kurz nach Amtsantritt verkündete, er wolle das Landesamt für Ökologie abschaffen.

Wundern durfte man sich in der Folge nicht, dass im Rahmen einer Wasserrechtsnovellierung ein neuer Paragraph in die Welt kam (Nieder-sächsisches Wassergesetz (NWG) vom 19. 02. 2010, Nds. GVBl. 2010, 64):

„ § 58 Gewässerrandstreifen

(1) An Gewässern dritter Ordnung besteht kein Gewässerrandstreifen.

(2) Soweit dies im Hinblick auf die Funktionen der Gewässerrandstreifen nach § 38 Abs. 1 WHG erforderlich ist, kann die Wasserbehörde anordnen, dass Gewässerrandstreifen mit standortgerechten Gehölzen bepflanzt oder sonst mit einer geschlossenen Pflanzendecke versehen werden, die Art der Bepflanzung und die Pflege der Gewässerrandstreifen regeln und die Verwendung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf Gewässerrandstreifen untersagen. “

Damit wird (§ 58, Absatz 1), vom obersten Bereich unserer Flusseinzugsgebiete, den empfindlichen Quell- und Bachoberlaufregionen beginnend, Meeresverschmutzung quasi wasserrechtlich festgeschrieben. – Bleibt zu erwähnen, dass das in Absatz 2 ermöglichte Schaffen von Pufferzonen mit standorttypischen Gehölzen zwischen Landnutzung und Gewässern durch die Wasserbehörden so gut wie nie gefordert wird.

Was die Landnutzung angeht, hat sich die Situation nahezu überall verschlimmert, seit die Subventionen auf GPS-Bezug umgestellt wurden. Man hat den Eindruck, jeder Quadratzentimeter wurde unter den Pflug genommen, um in Euro umgewandelt zu werden. Leider kann sich der Steuerzahler nicht wehren und die Agrarfunktionäre finden in der Politik Brüssels und Berlins allzu offene Ohren. Man wundert sich. – Wo noch vor kurzer Zeit Reste von Wege- und Gewässerrandstreifen vorhanden waren, ist heute „Landgewinnung“ sogar im öffentlichen Eigentum zu verzeichnen. – Wo sind die Bürgermeister, die diesem Treiben Einhalt gebieten?

Getoppt worden ist diese Negativentwicklung durch die Verwerfungen des Erneuerbare-Energie-Gesetzes. Es tritt  nun nicht mehr der Fluss bei Hochwasser in die Agrarlandschaft, sondern die Agrarlandschaft hat mit ihrem Mais-Übertreiben vielerorts den Fluss betreten.

Wir befinden uns also nicht, wie Ihre Frage beinhaltet und wie das zu Beginn der 2000er noch schien, in einer Aufholjagd der besser Werdenden, sondern in einer Notwendigkeit, das Gute überhaupt wieder als Ziel zu akzeptieren.

Insofern gibt es heute einen hohen Aufholbedarf geradezu überall bzw. bei denen, die in den Anfängen der 2000er führten, einen notwendigen Neustart.

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F & Ä: Nicht nur die von der dänischen Wasserscheide zur Ostsee abfliessenden, vergleichsweise kurzen Bäche, sondern auch die nach Westen mit weit geringerem Gefälle verlaufenden Fliessgewässer gehören zu ihrem über- wiegenden Streckenanteil zur Forellen- und Äschenregion. Im Gegensatz zu Deutschland ist dieses Wissen in der dänischen Wasserwirtschaft, aber in den vergangenen Jahrzehnten die Grundlage für Zielsetzung und Handlung gewesen.

Welche Maßnahmen sehen Sie als dringend notwendig an, um dieses erneute Bewusstsein zu schaffen?

Dr. Tent: Glücklicher Weise ist über die Vermittlung der Eiszeitgeographie im Norddeutschen Tiefland inzwischen einiges erreicht worden. Zu nennen wäre hier als ein Durchbruch die Veröffentlichung von Altmüller & Dettmer 1996[1]. Programme wie „Forelle 2010“ konnten in der Praxis belegen, dass auf Moräne der Stein-/Kiesbach und damit die Region der kieslaichenden Fische, beginnend mit der Forelle, den Standorttyp stellt. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass bereits mit aktiven Bürgerinnen und Bürgern der Lebensraum Forellenbach sogar in der Großstadt wieder herstellbar ist. Hierauf aufbauend haben inzwischen viele Gruppen verstreut über ganz Norddeutschland mit hoffnungsvollen Projekten neue Schlaglichter gesetzt.

Selbstverständlich suchen Fort- und Weiterbildung wie zu jedem Thema auch hier Interessierte. Ignoranten gibt es überall. – Und Irrungen und Wirrungen wurden ja bereits bei der „Neuauflage-Frage“ oben gestreift. Leider zeigt sich jüngst mancherorts in der teils offenbar noch immer (oder wieder) allzu technisch ausgerichteten Wasserwirtschaft, dass die Hochwasserschutzrichtlinie, die ja eine Schwester der Wasserrahmenrichtlinie für Verbesserungen sein sollte, für Rückschritt sorgt.

So scheinen die Überbreite und Übertiefe unserer heutigen, jenseits von einst wasserrechtlich Erlaubtem zerstörten Gewässerprofile als Grundlage für HQ-Modellierungen genommen worden zu sein – an Stelle der wasserrechtlichen Ausbauprofile. – Schon gibt es Stimmen, die instream-Restaurieren, also das Rückgewinnen der angepassteren, wasserrechtlich genehmigten Querschnitte, unter Genehmigungsvorbehalt stellen. Dies wäre ein schrecklicher Rückschlag nicht nur für das Restaurieren, sondern auch ein Hinweis auf grundsätzliches Missverstehen der fachlich und rechtlich definierten Handlungsnotwendigkeiten – hin zu lebendigeren Gewässern.


[1] Altmüller, R.; Dettmer, R., 1996: Unnatürliche Sandfracht in Geestbächen – Ursachen, Probleme und Ansätze für Lösungsmöglichkeiten – am Beispiel der Lutter. Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 16(5), 222-237.

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F & Ä: Sie stellten fest, dass Grundinstandsetzung in mehreren Schritten erfolgen muss.

1. Verbesserung der Wasserqualität

2. Landwirtschaftliche Leckagen und Gülle- und Jaucheinfluss verhindern.

3. Veränderung in der Gewässerhaltungspraxis und bei Bodennutzung

Andere Teilziele sind jedoch noch nicht erreicht, obwohl die Wassergesetze prinzipiell seit mittlerweile über 30 Jahren ihre Bearbeitung fordern. So sind insbesondere Veränderungen bei Schritt 3 erforderlich, um eine gute Gewässerqualität zu erzielen.

An welchen Stellen gilt es hier insbesondere den Hebel anzusetzen, um diese Veränderungen in Gang zu bringen.

Dr. Tent: Ich glaube nicht, dass die Nummern 1.-3. eine zu fordernde Abfolge darstellen, sondern eher eine historische Entwicklung. Die für den Laien sichtbare schlechte Wasserqualität mit trüben, schäumenden Flüssen führte zur Ökologisierung des Wasserrechts in den 1970ern mit der folgenden, sehr zielgerichteten Abwasserwirtschaft und immer steigenden Leistungen – angesichts der weiter sichtbaren Handlungsnotwendigkeit nach ersten Teilschritten.

Von da ausgehend kamen andere Punktquellen in den Blickpunkt wie die unter 2. genannten Agrar-Emissionen.

Kaum war die Chemie der Gewässer halbwegs messbar verbessert, stellte sich heraus, dass da immer noch etwas fehlte: die Gewässerorganismen zeigten nicht den „Gewinn“, den man erwartet hatte.

So wurde deutlich, dass das Zuhause der Organismen, fachlich Biotop und „als Wohnadresse“ „Habitat“ genannt, zerstört war. Nur die Wiederherstellung aller Teillebensräume der für die Existenz zwischen Geburt und Tod notwendigen Prozesse (dazu gehören auch so übertragbare Begriffe wie Ess-, Wohn-, Schlafzimmer, Kindergarten, Krankenhaus) wird wirklich lebendige Bäche und Flüsse zurückbringen – und damit auch eine natürliche Produktionskraft, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Einer angepassten Gewässerunterhaltung und Bodennutzung kommt hierfür besondere Bedeutung zu.

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F & Ä: Inhalt des Gewässerrestaurierungs-Paragraphen (§ 37) aus dem dänischen Wassergesetz sei hier als Beispiel für Handlungshinweise wiedergegeben.

1. In öffentlichen Fliessgewässern, deren Bedingungen nicht den regionalen Gewässerqualitätszielen entsprechen, werden die Wasserbehörden ermächtigt, die Bedingungen durch folgenden Maßnahmen zu verbessern:

a. das künstliche Schaffen von überhängenden Ufern

b. das Auslegen großer Steine

c. das Auslegen von Baustämmen o.ä. auf dem Gewässergrund

d. das Einrichten von Strömungslenkern und

e. das Anlegen von Laichbetten

2. Die Wasserbehörden tragen die Kosten dieser Restaurierungen.

3. Das Amt für Umweltschutz kann Großprojekte finanziell unterstützen.

4. Jeder, der aus Restaurierung Nachteile erleidet, hat ein Recht auf Entschädigung.

Werden auch in Deutschland diese Kosten von den Wasserbehörden getragen? Kann jeder man/frau dies einfordern?

Dr. Tent: Eine solch konkrete Verpflichtung der Wasserwirtschaft gab und gibt es (leider, angesichts zu schwacher naturwissenschaftlich-ökologischer Kenntnis wäre dies hilfreich) in Deutschland nicht. Im Grundsatz gelten die Inhalte aber analog. Wer sich konstruktiv mit den Anforderungen auseinandersetzt, wird Wege und Möglichkeiten finden, all das im Dänischen Ausformulierte selbst mit hinreichenden Mitteln umzusetzen.

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F & Ä: Gibt es behördliche Widerstände oder aus der Gesellschaft z.B. Landwirten bezüglich der Renaturierung von Bächen und Flüssen.

Dr. Tent: Es wäre zu hoffen, dass Rückwärtsgewandte ihren Rückhalt in Politik und Verwaltung verlören. Wie die Realität zeigt, ist dies nur punktuell, manchmal sogar nur zeitweise der Fall.

Es gilt also, für eine bessere Umwelt ständig aufmerksam und – zur Not tatkräftig – hartnäckig die vorliegenden Anforderungen zu verdeutlichen und entsprechendes Handeln anzumahnen.

Este12

F & Ä: Sie stellen weiters jene interessante Feststellung in den Raum: Eine vorangehende Prüfung, ob überhaupt noch ein Staurecht besteht, hat manche Situation auch ohne kostenträchtige Baumaßnahme bereinigen können.

Aus welchen Gründen erhält jemand das Staurecht bzw. welcher Nutzen muss erfüllt werden um dieses Recht zugesprochen zu bekommen.

Dr. Tent: Zum Einen bestehen „alte Rechte“, die auch mit neuem Recht möglicher Weise nicht einmal mit Auflagen versehen werden können. Daneben bestehen Situationen, bei denen eine Anpassung an den Stand der Technik einzufordern ist.

Es gibt aber durchaus auch Rechtssituationen, nach denen bestimmte Rechte erlöschen, z.B. bei allzu langer Nichtnutzung. Vielerorts zeigte sich, dass das Studium alter Akten lohnt.

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F & Ä: In Ihrer Publikation stellen Sie sehr praxisnahe Beispiele dar, wie mit relativ einfachen manchmal sicher auch kostengünstigen Maßnahmen sehr große Effekte erzielt werden können.

An welche institutionellen Anlaufstellen wendet man sich um Verbesserungen ggf. Veränderungen an Flussläufen vorzunehmen

Dr. Tent: Grundeigentümer, ggf. Pächter, sowie der Unterhaltungspflichtige können erste Anlaufstellen für freiwillige Übereinkünfte sein. Wasser- und Naturschutzbehörden werden in ihrem Verhalten dann zeigen, ob das Vorhaben „schlank“ oder bürokratisch abzuwickeln ist. Letzteres sollte angesichts klarer fachlicher und rechtlicher Handlungsnotwendigkeiten eigentlich der Vergangenheit angehören – handelt es sich doch um eine gemeinsame Zielsetzung.

Liegen Verstöße gegen Fachlichkeit und Recht vor, mag der direkte Gang zur zuständigen Verwaltung oder zur Umweltpolizei der richtige Start sein. Bedenken, hierdurch vor Ort die Stimmung zu verderben, sind in diesen Fällen fehl am Platz, hat doch der Verursacher „die Stimmung“ bereits durch sein zu korrigierendes Handeln verdorben.

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F & Ä: Öffentlichkeitswirksame Programme wie LACHS 2000 werden keine dauerhaften Lachsbestände und zugehörige Lebensgemeinschaften hervorrufen, wenn nicht konsequent die früher großflächig vorhandenen Geröll- und Kiesflächen (Laichplätze) wieder hergestellt werden.

Müssen in auch scheinbar naturbelassenen Flüssen des deutschen Mittelgebirges oder des Alpenvorlands Maßnahmen für die Einrichtung von Laichplätzen vorgenommen werden?

Dr. Tent: Ich bin im Einzugsgebiet der Eder, des ehemaligen Haupt-Lachslaichflusses der Weser, geboren. – Wer einmal die großflächigen Stein-, Geröll- und Kiesflächen der oberen Eder in noch halbwegs erhaltenen Strecken gesehen hat, kann sich in etwa ein Bild machen, wie so etwas in Struktur und Turbulenz aussieht. Und man wundert sich dann nicht, dass nach Bau der Edertalsperre keins der Jahrzehnteprogramme mit künstlicher Aufzucht anschließend von Erfolg gekrönt war.

Ja, die Strukturen und deren Erwanderbarkeit durch die Gewässerorganismen (= Durchgängigkeit) müssen als Handlungsziel erkannt und angestrebt werden.

Das Buch Madsen & Tent „Lebendige Bäche und Flüsse“ beschreibt die Handlungsnotwendigkeiten und –möglichkeiten an Tieflandgewässern. Aus Bayern wurde ich gefragt, warum der Titel nicht „Flachlandgewässern“ heisse. Meine Antwort: „Weil die Praxisbeispiele aus Tieflandgewässern stammen. Wenn sich das auf Flachlandgewässer höherer Lagen übertragen liesse, um so besser.“

Im Mittelgebirge und im Alpenvorland hat sich inzwischen heraustgestellt, dass dort an Flachlandgewässern gleichartig erfolgreich gehandelt werden kann (und muss).

Gefällereiche Strecken in Mittelgebirge und Alpenvorland, die nicht unzuträglich verbaut sind, brauchen derlei Handeln aber wohl nicht. Hier wäre bei vorhandenem Verbau in vielen Fällen, so weit irgend möglich, ein Befreien vom Korsett und Zulassen der eigendynamischen Kräfte des Fließgewässers ausreichend, um das benötigte grobe Strukturmaterial „aus der Landschaft“ zu holen.

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F & Ä: Sehr interessant finde ich auch Ihre Meinung, dass nicht die Bekämpfung von Fressfeinden wie Graureiher, Kormoran oder Hecht die Fischerträge steigen lässt, sondern primär die Verbesserung des Lebensraum für Forelle & Äsche.

Peripher nehmen Sie sicherlich die Auseinandersetzung und durchaus auch die Verhärtung der Fronten zwischen Fischern und dem NABU wahr. Könnte in dieser Behauptung die Lösung dieses Konflikts liegen?

Dr. Tent: Als Biologe bin ich ein Freund von Tier (so auch des Menschen) und Pflanze. Das gilt auch für den Kormoran. Ökologische Forschung zeigt immer wieder, gerade da in der Frage auch der Hecht erwähnt ist, dass Ökosysteme „top – down“ ihre Struktur und – variierende, oszillierende – Stabilität erhalten.

Insofern gilt für mich auf die Frage „Wie hältst Du`s mit dem Kormoran.“: „Der Kormoran hat einen Beruf und den übt er ordnungsgemäß aus.“ – Es gibt Situationen, in denen muss man sich Gedanken machen, was es zu verbessern gilt. Dazu mag in Einzelfällen die Vergrämung, vielleicht gar der Abschuss von Kormoranen zählen. Der Glaubenskrieg, mit dem „schwarze Vögel“ generell mit Hass überzogen werden, ist meines Erachtens in einer aufgeklärten Gesellschaft völlig unpassend. – Vielleicht müssen wir stärker an einer aufgeklärten Gesellschaft arbeiten.

Zum Thema und zur Gewässerrealität: Unsere Fließgewässer sind nach wie vor in den meisten Strecken wahre ökologischen Wüsten. Wer erleben durfte, wie bereits durch kleine Maßnahmen die Wirlbellosenzahl von nahe Null auf 100 m² auf über 10.000 (mit dem Auge sichtbare!) Organismen auf 1 (!) m² ansteigt, hat eine „Speisekammer“ für Fisch kennengelernt, die er sich vorher nicht vorstellen konnte. – Nun noch das Zuhause ergänzt, zu dem auch der Kronenschluss uferbegleitender Bäume in Bächen und kleinen Flüssen gehört einschließlich des reichhaltig im Wasser flottierenden Wurzelwerks, und der „predator“ – der „Fressfeind“ hat die Bedeutung die ihm zukommt. In der Natur ist er der „Doktor“, der die Gesundheit des Systems kontrolliert.

Es war mir eine besondere Freude von Herrn Dr. Ludwig Tent am 23.10. 2012 empfangen worden zu sein, und zu dieser ausführlichen Tour entlang der Este durch die Lüneburger Heide mitgenommen zu werden. Ausgesprochen dankbar bin ich dem Fliegen- und Spinnfischer Dr. Tent für seine Einwilligung den hier vorliegenden Fragebogenkatalog enorm detailreich zu beantworten. Bleibt zu hoffen, dass wir alle von Dr. Tents Engagement angesteckt werden, um stetig verschlechterte Lebensbedingungen und abhanden gekommene Lebensräume für Forelle & Äsche rückgängig zu machen. Die Zeit ist reifer den je!

Ein Netzwerk an tatkräftigen Unterstützern zur Wiederbelebung der Heidebäche Norddeutschlands, sorgt für diese erfreulich als auch abscheulichen Videos, die von Rainer Stamm der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden.

VEERSE: Laichende Meerforellen auf den Kiesbetten

WÜMME: Meerforellen scheitern an Wehren der Scheeßeler Mühle

BÖTERSHEIM: Trippige chemische Reaktion an einer Topfquelle

Comments

  1. Danke für das interessante Interview mit Ludwig. Nach dem ersten Satz habe ich die Lektüre unterbrochen, um mir zwei Exemplare ‘Lebendige Bäche und Flüsse‘ zu bestellen, eins zum Verschenken. Schon lange kenne ich seinen Blog. Wieso also nicht auch sein Buch lesen? Bei uns in der Schweiz wehren sich Kantone und Bauern gleichermassen gegen die Revision des Gewässerschutzgesetzes (Renaturierung/Gewässerraum), das vor einem Jahr in Kraft trat. Auch die Pufferstreifen sind ein leidiges Thema: Es wird gedüngt, gepflügt und gespritzt, wo es von Gesetzes wegen verboten ist. Kontrolle fehlt!
    Herzliche Grüsse
    Heidi

    • Hallo Heidi,

      Herr Tent wird sich darüber freuen, dass Du gleich zwei Exemplare bestellt hast.

      Es ist bedauerlich, dass Landwirte den Wert von Natur und Naturstreifen so wenig zu schätzen wissen. Man wünscht sich mehr Erkenntnisse und Einsicht über die Zusammenhänge.

      PS: Das Interview liesst sich auch nach dem ersten Satz noch gut. Die Wartezeit bis zum Erhalt der Bestellung lässt sich damit gut vertreiben.

      Freundliche Grüße
      Tankred Rinder

  2. Anonymous says:

    Very interesting, thanks for sharing.
    CJ

    • You’re welcome CJ. Third sector work to preserve and restore long neglected rivers, that got abused by industry and agriculture, is definitely a very exciting and engaging prospect. There’s a grassroots movement bubbling to the surface, caring for on your doorstep waterways. Serious topic, maybe somewhat overlooked though.

      Best regards, Tankred

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  1. […] etwas kennen wir doch aus wohnortnahem Gefilde – die Topfquelle bei Bötersheim, […]

  2. […] Der Forellenbachliebhaber und Fliegenfischer Tankred Rinder hat mich interviewt und das steht hier. […]

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