Clive Gammon – ‚I Know A Good Place‘ Schwergewichtige Reiseberichte

Forelle Äsche Fliegenfischen Literatur Clive Gammon I Know A Good PlaceIch kenne einen guten Ort – einen Ort an dem ich frei von redaktionellen oder kommerziellen Überlegungen und Zwängen, meine Interessen kundtun und verfolgen kann. Und doch geht mit dieser Freiheit die Verantwortung einher, mit dem Verfassen der wöchentlichen Zeilen für Forelle & Äsche – Euch meinen geschätzten Lesern – relevante, informierende, unterhaltsame Beiträge zu liefern. Das ein oder andere Mal ertappte ich mich aber dabei, mir die Frage zu stellen, inwieweit Besprechungen englischer Bücher die unter Umständen längst nicht mehr aufgelegt werden, dass allgemeine Leserinteresse im Visier haben.

Kürzlich jedoch erhielt ich unerwartete Ermutigung in Form von Emails und Kommentaren, die bestätigten dass die Vorstellung anglo-amerikanischer Literatur sehr geschätzt wird. Die Verfasser der Zeilen, teilten ebenso meine Meinung, dass vergleichbare literarische Schätze im deutschsprachigen Raum dünn gesät sind. Somit kommt der lesefreudige Fliegenfischer schwer umhin, sich auf globalen Handelsplattformen herum zu treiben, um die in erstaunlich hoher Anzahl kursierenden Titel aus zweiter, dritter oder vierter Hand zu erstehen. Mit Stempeln von Universitätsbibliotheken versehen, mit Widmungen an das liebste Familienmitglied, in durchsichtigen Schutzumschlägen oder ohne. Nach der Hausauflassung oder dem ungewollten Nachlass, gelandet in verstaubten Archiven kleiner Buchhändler, sorgen selbst obskurste Themen am globalen Buchmarkt für geschäftiges Treiben. Und so stieß ich beim Stöbern im Long Tail bekannter Händler, auf Clive Gammons ‚I Know A Good Place‘.

Clive Gammon, walisischer Autor und Journalist der im Juni 2012 im Alter von  83 Jahren verstarb, kannte nicht nur gute Orte, sondern vor allem auch gute Angelplätze. Stellen an denen er seit seinem sechsten Lebensjahr die Rute auswarf, als auch weit entfernte Orte von denen er träumte. An der Küste aufgewachsen, legte er dort das Fundament für eine Leidenschaft die mitbestimmte, dass er in späteren Jahren die entlegensten Flecken unserer Erde bereisen wird, um mit Fliege, Blinker oder Lebendködern den größten unter den Raubfischen nachzustellen. Meerforelle, Lachs, Huchen, Hecht, Dorsch, Mahseer, Permit, Striped Bass, Tarpun – der Stoff für große Träume – entsandten ihn um die ganze Welt, um seine Verwirklichung dieser Träume auf Papier festzuhalten. Und du meine Güte, besaß dieser Mann ein besonderes Geschick, Erlebnissen und Schilderungen Leben einzuhauchen.

Im Alter von sechzehn Jahren errang Clive Gammon eine Aufnahme an der Oxford University. Die Universitätsleitung sah sich damit plötzlich vor der Herausforderung,  einem Minderjährigen ihre intellektuellen Pforten zu öffnen und entschied sich in letzter Minute, die Aufnahme auf das kommende Jahr zu verschieben. Gammon nützte dieses Jahr um sich an der Swansea University einzutragen und seine Dissertation über Izaak Walton zu schreiben.

Nach dem Abschluss in Oxford trat er anfangs in den Lehrdienst in Manchester um kurz danach wieder in sein geliebtes Wales zurück zu kehren. Und während er seinen Schülern moralische Richtlinien anhand der machtdurstigen Verfehlungen MacBeths mit auf den Weg gab, schweifte sein Blick auf die Mündung des Pembroke Rivers und dessen Meerforellen, Meeräschen und Wolfsbarsche. Um das bescheidene Lehrergehalt aufzubessern,  schrieb er bald Kolumnen für die Zeitschriften Angling Times, The Field und Creel.

Sein Talent zum Schreiben blieb nicht lange verborgen und Gammon wurde mit einer wöchentlichen Kolumne über das Fischen im Daily Express beauftragt. Die größere Reichweite des Express, ließen Clive Gammons Popularität als Schreiber sprunghaft ansteigen und innerhalb kürzester Zeit berichtete er für die Sunday Times über unterschiedlichste Sportarten und –themen. Sein lebendiger Stil, die Fähigkeit nicht nur über Dinge zu berichten, sondern Lesern das Gefühl zu vermitteln, jeden Atemzug der Athleten zu spüren, sich inmitten der Zuschauer zu befinden und Sportler selbst anzufeuern, machten ihn rasch zum Starreporter.

Als in den 70er Jahren Fußball durch Pele und Beckenbauer in den USA populär wurde, klopfte die amerikanische Sports Illustrated an Clive Gammons Tür und legte ihm einen Vertrag vor, der Leistungsanreize beinhaltete, die für viele Journalisten der Jetztzeit für immer Feuchträume bleiben werden. Umzug nach New York, eine Wohnung gegenüber von Frank Sinatra und schier unbegrenzte Budgets zur Umsetzung interessanter Berichterstattungen. Im Sturm eroberte Gammon die Leserschaft der Sports Illustrated, die damals in einer Auflage von 13 Millionen erschien. Mit Ausnahme der Kern US-Sportarten (American Football, Baseball, Basketball, Eishockey) berichtete er über beinahe all Sportarten darunter fünf Fußballweltmeisterschaften und einige der Muhammad Ali Kämpfe z.B. ‚Thrilla in Manila‘ ‚The Rumble In The Jungle‘. Mit Sicherheit keine geringe Errungenschaft im Vaterland der Kommerzialisierung des Boxsports.

Gammons Berichterstattung für Sports Illustrated – verlangte von ihm zwölf Beiträge pro Jahr – zumeist recherche- und reiseintensive mehrseitige Bonusbeiträge auf den Schlussseiten der Zeitschrift. Das Fischen jedoch blieb immer Clive Gammons erste Liebe und nach jedem größeren Auftrag, wurde er ins unternehmenseigene Reisebüro geschickt um eine Abenteuerreise anzutreten und von dieser für die Zeitschrift zu berichten. Und keine seiner Ideen erschien zu ausgefallen. Auf die Frage der Geschäftsführung wo er gerne als nächstes Fischen möchte, antwortete Gammon im Spass ‚Äußere Mongolei‘, woraufhin er sich eine Stunde später über Visaanträge gebückt sah. Und so verschlug es Clive Gammon als ersten Angeljournalisten dorthin, sowie auf die russische Halbinsel Kola, die Falkland Inseln, Christmas Inseln, Alaska, Argentinien. Kein Ziel war zu ausgefallen, keine Vorbereitung – trotz des Kalten Kriegs – zu aufwendig.

Wie kaum ein ander Autor besass Clive Gammon die Begabung, in seinen Lesern das Gefühl hervor zu rufen, an seiner Stelle die Rute zu werfen, den Lauf des Köders durchs Wasser zu verfolgen, den Biss als wuchtigen Schlag an der Verlängerung des Korkgriffs zu spüren. Sein Sinn und Gespür für das Außergewöhnliche lotsten ihn in die Nähe von Fischern und Guides, die auf ihre Art eine besondere  Verbundenheit mit ihrer natürlichen Umgebung und der darin lebenden Beute aufbauten. Charaktere – meist in Überlebensgröße – die durch Gammons Beobachtungs- und Wahrnehmungsgabe ihre innerlichen Dramen vor einem interessierten Publikum ausstülpen.

‚I Know A Good Place‘ ist kein Buch für Puristen des Fliegenfischens. Denn Gammon wirft seinen Köder weit aus – im wahrsten Sinne des Wortes  – und scheut nicht davor zurück zu blinkern und zu trollen. Eine Eigenschaft die er mit vielen Küstenfischern teilt. Doch wie sein guter Freund Muhammad Ali, war Clive Gammon ein Schwergewicht seines Fachs – dem Schreiben.  Und von schwergewichtigen Erlebnissen – Sammlungen seiner Erzählungen für Sports Illustrated – handelt ‚I Know A Good Place’. Ein guter Ort, an dem man unberührt vor menschlichen Eingriffen seiner Leidenschaft, in atemberaubender Landschaft nachgeht. Ein Ort an dem man nicht nur viele Fische in beachtlicher Größe fängt, sondern ein Fleck an dem Triumphe in sich gekehrt gefeiert werden. Wohl wissend dass das eigene Geschick, vor den Herausforderungen die eine Leidenschaft wie das Fischen mit sich bringt, gelegentlich kapituliert.

Ich weiss auf jeden Fall wo ich in wenigen Monaten, wenn die Temperaturen abgekühlt, die Tageslichtzeiten verkürzt, einen guten Ort vorfinde. In der Gemütlichkeit des zu Hauses, den süßlich warmen Duft der an die Jahreszeit angepassten Küche in der Nase, entspannt zurückgelehnt im Lesesessel, Clive Gammons ‚I Know A Good Place’ aufgeschlagen auf den Knien. Um mich an seine Seite entführen zu lassen und gespannt jedem einzelnen Biss mit ihm entgegenzufiebern, die Krümmung der Rute und jeden Tropfen Wasser der von der Fliegenschnur gischt, vor mir zu sehen. Denn Clive Gammons Erzählungen ob in ‚ I Know A Good Place’, oder ‚Castaway’ zählen zu den bildlichsten und aufregendsten Darstellungen einer Leidenschaft, die nur wenige Schreiber in sich einbrennende Geschichten zu fassen verstehen.

Comments

  1. Lieber Tankred,

    hab dank für diese interessante und aufschlussreiche Vorstellung des Autors. Ich werde mich dir anschließen und in der wohligen Wärme des winterlichen Heims dieses Buch lesen.

    Danke und Tight Lines,
    Boris

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