Negley Farson: Going Fishing – Auf Fischerpfaden durch die Welt

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Bücher wie Negley Farsons ‚Going Fishing‘ werden heutzutage nicht mehr geschrieben. Auf Menschen wie Negley Farson trifft man mittlerweile auch immer seltener. Nicht dass diese einfach nicht geboren werden. Männer und Frauen wie Farson, die wenig angepasst ihr Leben führen, sich nicht bei dem leichtesten Gegenwind sofort in die Reihe der gesellschaftlichen Vorgaben ordnen, haben es ungleich schwerer in der heutigen Zeit ein Auskommen zu finden. Egal wie viel Individualismus uns vorgepredigt wird. Hinter dem schrillen Äußeren und dem geduldeten Substanzenmißbrauch, versteckt sich nicht selten eine Akzeptanz der vorherrschenden Ordnung. Alleine die Regeln zu hinterfragen, führt nicht selten aufs berufliche oder gesellschaftliche Abstellgleis.

1890 in New Jersey geboren, wurde Farson von seinem exzentrischen Großvater – einem ehemaligen Bürgerkriegsgeneral – groß gezogen. Dieser traf in seinen letzten Lebensjahren auf schwere Zeiten und Negley Farsons Jugend war alles andere als harmonisch. Nach wenigen Semestern an der Universität of Pennsylvania wurde Farson vom weiteren Besuch ausgeschlossen. Kurzerhand packte er seine Sachen und zog mit seiner Frau von der Ostküste Amerikas in den Westen Kanadas. An einem abgelegenen See in British Columbia – umgeben von Holzfällern und anderen selbstexilierten Seelen auf der Suche nach Frieden in den relativ unberührten Wäldern – baute er eine Holzhütte und versorgte sich und seine Frau mit dem was Land und Wasser hergaben.

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Jagen & Fischen – Zeitvertreibe die ihm als Jugendlichen als Faulpelz und Nichtstuer abstempelten – wurden in British Columbia zum Lebenserhalt.  Im puritanischen Osten der USA wurde bis ins frühe 20. Jhdt. jegliche Aktivität – ob fischen, jagen, segeln – die nicht der Anhäufung materieller Werte diente, als vergeudete Zeit betrachtet. Die gesammelten Erfahrung beim Brandungsangeln an der Küste New Jerseys und dem Spinnfischen auf Bass, lieferten Farson die Basis, um später mit seinen Fängen von Lachsen, Steelhead, und Saiblingen sich und seine Frau, selbst durch die harten kanadischen Winter zu bringen. Auch wenn beide ihre Mägen manchmal zu Knurren anfingen.

Die langen Stunden während Ruten und Gewehre ruhten wurden dazu genutzt, Reportagen über  Holzfäller und andere Gestrandete in den Wäldern British Columbias zu verfassen. Aufträge für Zeitungen mehrten sich und nach einigen Jahren liessen Negley Farson und seine Frau 1914 die harte Idylle des Wald Lebens zurück und begaben sich auf die lange Reise nach England. Dort befand sich Farson in seiner Rolle als Reporter für die Chicago News in seinem wahren Element. Auf Abenteuerreisen durch ein von Krieg und Revolution gebeuteltes Europa – Frau und später auch Sohn an seiner Seite – wurde die Ruten, neben der Schreibmaschine zu den wichtigsten Utensilien auf seinen langen Reisen.

NPG x12100; (James) Negley Farson by Howard Coster

© National Portrait Gallery, London

Farson besaß das unglaubliche journalistische Geschick – in Zeiten mühevoller Tagesreisen per Schiff, Bahn oder Pferd – sich im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu befinden. Und so wurde er Zeuge als die russische Revolution in St. Petersburg ausbrach. Er interviewte Gandhi mehrere Male und musste dessen Festnahme in Poona beobachten. Vor seinen Augen lag der nackte, aufgebahrte Körper des berüchtigten Bankräubers John Dillinger, erschossen von Edgar J. Hoovers Männern. Er befand sich im irischen Parliament am Abend der Stimmabgabe, als dieses die Allianz mit der britischen Krone kündigte. Auf seinen Reisen traf er Hitler und Roosevelt und mit Scott F. Fitzgerald trank er durch die Nacht und Ernest Hemingway gar unter den Tisch.

Negley Farson- Going Fishing - Auf Fischerpfaden durch die Welt

‚Going Fishing – Auf Fischerpfaden durch die Welt‘ ist eine Sammlung Negley Farsons Reiseerzählungen, die berufliches (Journalismus) mit vergnüglichem (Fischen) verbinden.  Eine packende Sammlung an Reportagen mit Rute und Rolle, die sein Leben und seine Erfahrungen, inmitten gesellschaftlicher und politischer Unruhen dokumentieren. Sei es das Brandungsangeln an der Ostküste Amerikas während seiner Jugend, der mühsame Familienerhalt an den Seen und Flüssen British Columbias, Forellenfischen im tiefsten Kaukasus nach den Ereignissen der russischen Revolution, Meerforellenfischerei auf den kargen, fast völlig ohne Baumbewuchs auskommenden Shetland Islands, Regenbogenforellenfischen in chilenischen Flüssen im Angesicht speiender Vulkanen, Lachs- und Äschen Fischerei in Norwegen und Frankreich, das Wildern von Marmorateforellen im damals slowenischen Teil Jugoslawiens.

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Das Buch ist eines der wenigen Titel aus diesem spitz zugeschnittenem Segment der Unterhaltungsliteratur – Angeln & Fischfang – an dem selbst Nichtfischer großen Gefallen finden. Denn im Kern sind die Erzählungen aus ‚Going Fishing‘ die Erinnerungen eines wanderlustigen Abenteurers, der die Verunsicherung seiner beruflichen Zeit (1914 – 1960) dazu nutzte, ohne Sentimentalitäten diese Veränderungen zu dokumentieren. Dem Zerfall existierender Ordnungen und der Unsicherheit über die Zukunft, begegnete Farson mit der Rute in der Hand – manche Gewohnheiten und Traditionen sind einfach nicht über Bord zu werfen.

Nach ihren Lieblingsbüchern über die Fliegenfischerei befragt, toppt ‚Going Fishing‘ zu Recht oft die Listen angloamerikanischer Fischer. Neben Clive Gammon und Roderick Haig-Brown zählt Negley Farson ohne Zweifel zu den ganz Großen der Fischereiliteratur des 20. Jahrhunderts, die ihre Gabe dazu nutzten, in schriftlichter Form Bewunderung und Anerkennung auszudrücken für ihre Leidenschaft. Ergänzt wird der Titel durch Zeichnungen des englischen Künstlers C F Tunicliffe, die das ihre dazu beitragen – trotz all seiner Spannung, Jubelmomenten und abgrundtiefer Enttäuschungen – die geruhsame Stimmung unseres Lieblingshobbies zu vermitteln. Als eines der wenigen Bücher über das Fliegenfischen die mir sehr am Herzen liegen, wurde ‚Going Fishing‘ 1954 auf Deutsch veröffentlicht unter dem Titel ‚Auf Fischerpfaden durch die Welt‘.

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Comments

  1. Lieber Tankred,
    wiedermal eine sehr lesenswerte Rezension, die – wie so oft – nicht nur Lust auf das präsentierte Buch macht, sondern auch auf deinen nächsten Blogeintrag. Weiter so!

    Vielen Dank und tightlines
    Boris

    • Hallo Boris,
      schön dass Du dich bereits auf den nächsten Beitrag freust. Kann es selbst kaum erwarten diesen fertig zu stellen – ich denke dass Thema wird Deinen Geschmack treffen. Danke für das tolle Lob – bemühe mich weiterhin interessante Beiträge zu erstellen.

      Ein erfolgreiches, glückliches 2014 und ein kräftiges tight lines! Tankred

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