Megan Boyd: Kiss The Water – exzentrische Fliegenbinderin des englischen Königshauses

Es begann mit einem Nachruf in der New York Times. Filmemacher Eric Steel, der zuvor noch nie fliegenfischte, eine Kunstfliege sah oder Schottland besuchte, fühlte sich gefesselt von der Würdigung einer 86-jährigen Frau. Megan Boyd, zurückgezogen in Sutherland beheimatet, Lieferantin von Lachsfliegen für das königliche Haus, Exponate ihrer Kreationen im American Museum of Flyfishing, hauchte am 15. November 2001 ihren letzten Atemzug. Für Steel begann kurz danach die Faszination mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte, deren filmische Verarbeitung ihm 2013 glühende Huldigungen einbringen soll.

Megan Boyd wurde 1915 als das jüngste von drei Kindern in England geboren. Im Alter von drei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Sutherland, den nordöstlichen Zipfel Schottlands, wo ihr Vater eine Stelle an einem Gutsbesitz annahm. Der Jagd-und Fischereiaufseher des Anwesens nahm sich Megan Boyds an und brachte ihr bei klassische Lachsfliegen zu binden. Vorsichtig liess er sie den Knoten fertig gestellter Fliegen lösen und mit dem so gewonnenem Material, beauftragte er Megan die Fliegen auf einem kleineren Haken nachzubilden.

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Megan Boyd verfügte über geringe Schulbildung, verspürte aber eine enge Verbundenheit mit dem River Brora an dem sie aufwuchs, sodass sie sich alles beibrachte was sie über das Flusssystem und die Lebensgewohnheiten von Lachs und Meerforelle wissen wollte. Mit zwanzig Jahren zog sie in ein kleines Häuschen und widmete sich fortan ihrem Lebensunterhalt der nächsten fünfzig Jahre. Aus Seiden, Federn und Tinseln fantasieanregende Gebilde zu formen, die sowohl Lachse als auch Fliegenfischer in Verzückung geraten lassen sollen. Um jeglichen Verstand gebracht verbissen sich erstere trotz unterdrücktem Appetit an den perfekt abgestimmten Proportionen, während letztere sich die magische Anziehungskraft ihrer Kreationen mit dem Kauf zu eigen machen suchten.

Die nächsten fünfzig Jahre wird Megan Boyd in ihrer bescheidenen Hütte, sieben Tage in der Woche zwischen 14-16 Stunden am nierenförmigen Bindetisch verbringen. Von Kopf bis Fuß in Männerkleidung gehüllt –  Hemd und Krawatte, Wollpullover und und Tweed Sakko, um die Beine ein Paar schwere Militärstiefel, die Haare kurz geschnitten – wird ihr Blick über die Nordsee schweifen. Wird ihre Fantasie sich in Lachse hineindenken, bestehende Fliegenmuster verfeinern, eigene Entwürfe erzeugen. Dort am kleinen Tisch vorm Fenster, im Schein einer Gaslampe. Denn aus Überzeugung verzichtet Megan Boyd bis 1985 auf Elektrizität und Fließwasser, Telefon und Fernsehen.

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Und trotz der Abgeschiedenheit ihrer Existenz, verbreitet sich die Kunde über die Anziehungskraft ihrer Fliegen – anfänglich gebunden für örtliche Fischer – bis eines Tages 1971 Prince Charles of Wales persönlich an der kleinen Hütte klopfte. Wie andere Gäste wird er am klapprigen Holzstuhl Platz genommen haben, um geduldig auf die handgebundene Lachsfliege zu warten. Fliegen die Megan Boyd nie persönlich testete, da sie Zeit ihres Lebens nie eine Angelrute in die Hand nahm. Der Gedanke einen Lachs selbst zu töten, ließ sie erschaudern.

Und so entstand eine Beziehung, die weit über die berufliche Verknüpfung eines Hoflieferanten hinausging. Als Megan Boyd die British Empire Medal überreicht werden sollte, lehnte sie dankend die Einladung ab, da sie an jenem Abend Bridge spielte und keinen Aufpasser für ihren Hund finden konnte. Die Queen höchstpersönlich zeigte Verständnis und der Orden wurde ihr später von Prince Charles in seiner in der Nähe befindlichen Fischerhütte überreicht. Es wird sogar berichtet, die königliche Familie bemühte sich persönlich um eine Augenoperation, für die in ihren letzten Lebensjahren erblindende Megan Boyd. Vergebene Liebesmühe – trotz Prince Charles‘ Besuch am Krankenbett. Duldsam akzeptierte His Royal Highness ihre Eigenwilligkeit.

Für den Filmemacher Eric Steel begann mit dem Nachruf auf Megan Boyd in der New York Times eine zehn Jahre dauernde Faszination mit der zurückgezogen lebenden Fliegenbinderin. Und als der Produzent von ‚Shaft – Noch Fragen‘, und ‚Angela’s Ashes‘, seiner später preisgekrönten Dokumentation ‚The Bridge‘ nachging, liess ihn die mysteriöse Geschichte von Megan Boyd nicht mehr los. Die Geschichte einer Binderin von Fliegen deren Stücke in Sammlerauktionen bis zu $1000 einholten und im American Museum of Fly Fishing ausgestellt sind. Das Märchen von der einsamen Fliegenbinderin, die zu unvorstellbaren Ruhm gelangen hätte können, es aber vorzog sich die Haare selbst zu schneiden und in erster Linie lokale Fliegenfischer mit Bindekreationen zu beliefern.

Während der Dreharbeiten zu ‚The Bridge‘, als Eric Steel mehr als dreihundert Tage die Golden Gate Bridge in San Francisco beobachtete, stellte er fest flüchtige Einsichten zu machen, die dem oberflächlichen Beobachter verborgen blieben. Aus dieser Erkenntnis entstand das Wissen um die Unterschiede zwischen dem öffentlichen, der Allgemeinheit zugänglichen Sicht eines Selbst und dem im Inneren schlummernden, dem verborgenen Teil der eigenen Persönlichkeit. Steel stellte sich über die Jahre die Frage ob der in goldenen Erinnerungen schwelgende Nachruf auf Megan Boyd das Märchen war als das es portraitiert wurde, oder ob er zwischen den Zeilen ein Geheimnis entdecken könnte, das auf den ersten Blick nicht ersichtlich schien.

Und so begab er sich nach Sutherland um die letzten noch lebenden Schüler Megan Boyds zu interviewen, an ihrem Arbeitstisch zu verweilen, und den Blick über die Highlands, den River Brora, die Lochs und die Nordsee schweifen zu lassen. Um sich Meinungen einzuholen, warum Megan Boyds Fliegen gängiger waren als andere. Um sich zuletzt auch die Frage zu stellen, ob hinter der scheinbar genügsamen Fassade der einsamen Fliegenbinderin eine Person befand, mit ihren eigenen Träumen und Sehnsüchten. Sehnsüchten danach, im Tanz herum gewirbelt zu werden wie ihre Fliegen in der Strömung, dem Wunsch danach über die Kraft der Anziehung ihrer verführerischen Fliegen zu verfügen.

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Es ist nicht zu erwarten, dass Kiss The Water – eine Mischung aus Portrait, Fiktion und animierten Märchen über eine begabte Eigenbrötlerin – eine Kinoveröffentlichung im deutschsprachigen Raum erleben wird. Die DVD ist aber auf der englischen/ amerikanischen/ kanadischen Seite eines bekannten Onlinehändlers zu erhalten. Beim Kauf darauf achten, dass die für Nordamerika gültige DVD Kodierung (NTSC) mit Eurem Fernseher/ DVD Spieler (PAL) kompatibel ist: Stichwort Multiregion Codefree DVD Player.

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Comments

  1. Anonymous says:

    Vielen Dank auch von mir. Mir gings genauso wie Volker. Eine schöne Erzählstimme und Fliegenfischen – mehr brauch ich auch nicht.. :D

  2. Danke für diesen Link! Schon die beiden vorankündigenden Filme haben verzaubert! Poesie!
    Werde auf meiner Seite auf Deine Vorstellung hinweisen.
    Gruß Volker

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