TLT Wurfkurs in den österreichischen Alpen – Roberto Pragliola

© Emanuele Costamagna

Tecnica di Lancio Totale (TLT) hat aufs erste wenig Klingendes gemeinsam mit Il Dolce Far Niente. Denke ich bei letzterem – Ende 68 und somit weit über einem Jahrzehnt nach dem ersten großen Italien Boom des deutschsprachigen Raums geboren – zuallererst an Vespa fahren, Ornella Muti Filme schauen und Frühstücksespresso mit Zigarette in der Hand, sind die Assoziationen bei der Begrifflichkeit Tecnica di Lancio Totale allgemein dunklerer Natur.

Bei der ’totalen Wurftechnik’ werden gezwungenermaßen Erinnerungen an den Geschichtsunterricht wach – an die ‘Römer Protokolle’ und das ‘Juliabkommen’ z.B. Von geringerer Tragweite, für manche sicherlich ebenso schmerzvoll – aus deutscher Sicht zumindest – Erinnerungen an so manch ein Fußballspiel gegen die Squadra Azzurra. Nur aus Schweizer Sicht – verzeiht meine Ignoranz – mag sich bei ’Tecnica di Lancio Totale’ keine schreckliche Verbindung an Italien oder italienischstämmiges einstellen: Von den Charterfolgen Vico Torrianis abgesehen vielleicht.

Dabei steht der von Roberto Pragiola geschaffene Begriff TLT, wenn schon nicht für die italienische Leichtigkeit des Seins, zumindest für die Lockerheit mit der es gelingen kann, unter widrigsten Umständen seine Fliege zwischen tief überhängenden Ästen und Gebüsch am Flussufer zu platzieren. Denn die Technik wurde aus Sicht ihres Gründers – des in Italien mit ähnlichem Kultstatus versehenen Roberto Pragliola, wie Österreichs Hans Gebetsroither – entwickelt, um sich an typischen italienischen Flüssen einen Vorteil zu schaffen. An Flüssen wo der klassische FFF (Federation of Fly Fishers) Überkopfwurf, wie auch der österreichische elliptische Wurfstil aus Sicht seines Entwicklers an seine Grenzen gerät: Klein- bis mittelgroße, turbulent und schnell fließende Flüsse mit dicht bewachsenen Ufern. Wo sich im Schatten überhängender Sträuche und Bäume Forellen sammeln. An Stellen die sich werferisch den wenigsten Fliegenfischern erschließen, aufgrund der Schwierigkeit künstliche Fliegen am Wasser anstatt im Geäst zu platzieren.

© Peer Doering-Arjes

Im zu vielen Themen besonders kritischen deutschsprachigen Raum, wird in einschlägigen Foren heftig diskutiert ob TLT ein eigenständiger Wurfstil sei, oder einfach eine technische Erweiterung. Im von internationalen Wurfexperten besuchen Portal Sexy Loops hingegen, wird die Diskussion dazu weniger emotional geführt und auf hauptsächlich mechanische Unterschiede und die daraus resultierenden Fakten eingegangen. Mein werferisches Können ist viel zu mittelmäßig, um mich in diese Diskussion einzubringen. Als Zaungast erschließen sich für mich jedoch folgende fundamentalen Unterschiede, zu dem in unseren Breiten gängigen Würfen.

der Wurf ist gedacht für relativ kurze, steife Ruten (typisch 7ft 6in oder 228cm) der Schnurklasse 1-3

bei Ruten mit höherer Gewichtsklasse, wird die Schnurstärke um bis zu drei Klassen heruntergesetzt (z.B. Rute 6# mit Schnur 3#)

die Rute wird beim Wurf nicht gestoppt sondern befindet sich in permanenter Bewegung

das führt zu mehr Schnurgeschwindigkeit

Würfe erfolgen zumeist seitlich

die Fliege landet vor dem Vorfach und der Schnur auf dem Wasser

© Italian Bamboo Rodmakers

Es mag an der sprachlichen Herausforderung liegen, dass italienische  Errungenschaften und Beiträge zur Entwicklung des modernen Fliegenfischens, im deutschsprachigen Raum weniger Beachtung finden als ihnen gebührt. Schade, denn abgesehen von der Vermittlung dieser nun seit vierzig Jahren eigenständig entwickelten Technik, hat Italien auch medial so einiges zu bieten. Zumindest war das bisher mein Eindruck, wenn ich auf der EWF die Stände von Fly Line Ecosistemi Fluviali und H2o Magazine besuchte.

Um jetzt aber den TLT interessierten Fliegenfischern die Gelegenheit zu geben, sich mit dieser für spezielle Herausforderung gedachten Wurftechnik vertraut zu machen, veranstaltet Springforelle – der Berliner Tackle Shop für feine Gebrauchsgegenstände – in diesem Herbst bereits zum zweiten Mal, in Kooperation mit der Accademia Italiana di Pesca con la Mosca und dem Hotel Bräurup in Mittersill (Österreich), einen Wurfkurs unter der Leitung des Meisters Roberto Pragliola selbst. Damit das Problem der Verständigung umschifft wird, findet sich Peer Doering-Arjes – seines Zeichens Geschäftsführer von Springforelle – ebenfalls vor Ort ein, um simultan zu übersetzen.

© Peer Doering-Arjes

Für diejenigen unter uns, die an ihrem Heimgewässer vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie viele unserer italienischen Kollegen  – rasch und turbulent fließende, klein bis mittelgroße Flüsse mit dicht bewachsenen Ufern – und zudem besonders gerne mit kürzeren Ruten fischen, könnte TLT genau die Technik sein die es kontinuierlich ermöglicht, die kleine Trockene sicher zwischen engen Lücken im Gestrüpp abzulegen. Und sollte keine Forelle dort stehen, so kann man zumindest die Vereinsmitglieder mächtig mit diesen Präzisionskünsten beeindrucken. Für wen die Anreise nach Italien näher oder attraktiver als ins salzburgerische Mittersill erscheint, der kann im Juni in Castel San Felice in Umbrien am Fluss Nera – quasi dort wo alles begann – bei Roberto Pragliola und Peer Doering-Arjes einen TLT Wurfkurs besuchen.

Peer Doering-Arjes, vormals Zoologe/Biologe an der Humboldt Universität Berlin, betreibt seit 2003 Springforelle. Die Adresse für handgefertigte Fliegenfischer Produkte im Norden Deutschlands. Für das Werfen interessiert sich Peer schon seit langem  und zeigte sich verantwortlich für die Übersetzung von Mel Kriegers essentiellen Werk „Die Quintessenz des Fliegenwerfens“. Wurfkurse mit herausragenden Persönlichkeiten des Fliegenfischens gehören zur Servicephilosophie.

 

 

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