R.I.P. Lefty Kreh – hast uns immens viel hinterlassen

“Alle Amerikaner denken, geborene Angler zu sein. Ablehnung gegenüber Anglern einzugestehen ist gleichzusetzen mit dem Leugnen der Existenz von Mutterliebe, oder Ekel vor Mondschein zu empfinden.” – sagte John Steinbeck. Amerikanischer Autor und Literaturnobelpreisgewinner der für seinen Roman ‘Früchte des Zorns’ 1940 den Pulitzerpreis erhielt. Jener bitteren Schilderung des Schicksals verarmter amerikanischer Landwirte während der ‘Großen Depression’, die dem verheißenden, letztlich jedoch verheerenden Ruf nach einer besseren Zukunft folgten. 

Ebenfalls erfasst von der Depression, die mit dem Börsencrash im Oktober 1929 begann und bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs andauerte, wurde der 1925 geborene Lefty Kreh durch den frühzeitigen Tod seines Vaters. Für seine drei Geschwister und Mutter war das Leben nicht einfach danach. Vom Sozialprogramm Franklin D. Roosevelts Gebrauch gemacht, siedelte die Mutter Lefty und den Rest der Kinder in einem ärmlichen, aber von Zusammenhalt geprägten gemischtrassigen Bezirk in Frederick nahe Baltimore an.

Um dem Geldmangel etwas entgegenzuhalten und den Traum vom Collegebesuch wahr werden zu lassen, begann Lefty im Alter von 12 im nahegelegenen Monocacy River Muscheln zu sammeln, Zwergwelse zu fangen und das Fell von selbstgejagten Bisamratten und Nerzen zu verkaufen. Und dann gerade mal mit dem College fertig, fand er sich auf einem Truppentransporter wieder der den Atlantik überquerte. Mehr oder weniger unversehrt die Ardennenoffensive überstanden, nahm der Krieg auch für ihn in Deutschland an der Elbe ein Ende. Denn nichtsahnend auf kurzem Heimaturlaub vor der Entsendung ins pazifische Einsatzgebiet, warfen die USA die ersten Atombomben ab. Fortan konnte er sich wieder seinen geliebten Schwarzbarschen am Potomac River  widmen.

Die Schichtarbeit als Anlagebetreiber im US-amerikanischen Zentrum für biologische Kriegsführung kam ihm recht und die Tage zur Regenerierung wurden dazu genutzt, ununterbrochen den Fischen nachzustellen. Ein örtlicher Reporter – die spätere Legende Joe Brooks – wurde auf den angelnden Lefty aufmerksam und 1947 beschlossen die beiden einen ersten gemeinsamen Gang ans Wasser. Als Brooks mit einer Fliegenrute am Wasser erschien, zarte Ringe anwarf und Fisch um Fisch fing, war es um Lefty geschehen. Bereits am nächsten Tag wurde gemeinsam der nächstgelegene Tackleshop angesteuert und eine Grundausstattung zum Fliegenfischen angeschafft.

Doch Lefty Kreh und die Fliegenrute brauchten lange um miteinander warm zu werden. Zu einschränkend empfand er den seit Jahrhunderten einzig mit Armgelenk und Arm praktizierten starren Rhythmus des Fliegenwerfens. Nach und nach entwickelte er einen für ihn geeigneten, einen eigenwilligen Stil der den ganzen Körper – Schulter, Hüfte – beim Wurf zum Einsatz bringt und der Kunst des Werfens eine besondere Leichtigkeit verlieh.

„Most fishermen use the double haul to throw their casting mistakes further“  

Und weil ‘…alle Amerikaner denken, geborene Angler zu sein…’ unterhielt beinahe jede Lokalzeitung eine wöchentliche, wenn nicht sogar eine mehrmals wöchentlich erscheinende Angelkolumne. Schon bald also teilte Lefty Kreh sein Wissen um das Fliegenfischen mit den Lesern der Frederick News Post, Towson County Paper, dem Montgomery County Sentinel und dem Winchester Star. Sein Ruf eilte ihm bald über die Grenzen des Bundesstaats hinaus vor und ‘Casting Clinics’ auf und ab im Land sollten folgen. Auch wenn sein modifizierter Wurfstil bis lange in die 60er Jahre nicht von allen Fliegenfischern geschätzt wurde. Dem Vorwurf des Frevels entgegnete er auf seine für ihn typische Art:

“Tradition is only good as long as it don’t stand in the way of improvement.”

Diese Worte konnten zu der Zeit nur aus dem Mund eines Fliegenfischers kommen, der mehr Zeit damit verbrachte Schwarzbarschen (Smallmouth Bass) mit Poppers nachzustellen und es gezielt auf Felsenbarsche (Striped Bass) mit Köderfischimitationen in der Chesapeake Bay nahe Washingtons und Baltimores abgesehen hatte. Noch in den 50er Jahren wurden ihm die Einschränkungen gängiger Streamers für das Salzwasserfischen bewusst und er beschloss einen neuen Fliegentyp zu entwerfen. Ein Design wie er sagte – kein Muster:

I’m going to design a fly that won’t foul on the cast. It will have a fish shape but can be made in many lengths. You can vary the colour combination. It will also swim well but when lifted for the back cast it will be sleek and have little air-resistance.

Das waren also die eigenen Vorgaben für Lefty’s Deceiver, der 1991 vom U.S. Postal Service mit einer eigenen Briefmarke gewürdigt wurde. Die von Bass bis Schwertfisch beinahe hundert Fischarten gefangen hat. Nachzulesen in 101 Fish: A Fly Fisher’s Life List.  Eines von mehr als dreißig Büchern das er geschrieben haben wird. Darunter eines der ersten wegweißenden Bücher zum Fliegenfischen im Salzwasser. Fly Fishing in Saltwater (1974). Denn der Suche nach taktischer Hilfe für den Fang von Tarpon und Co. in seiner Wahlheimat Miami ab den 60ern, musste Abhilfe geleistet werden.

So erfahren und erfolgreich wurde er im Umgang mit Rute und Schnur, dass die Literatur-, Sport-, Politik- und Wirtschaftselite des Landes seine Nähe suchte, um eingeweiht zu werden in Leftys Geheimnisse: Jimmy Carter, Georg W Bush (sen), Fidel Castro und Ernest Hemingway, Thomas McGuane, Jack Nicklaus, Yvon Chouinard und viele, viele mehr wurden von Lefty Kreh geguided und so manch Prominenz wurde zum Freund. Dass er so nebenbei Einladungen in alle Ecken der Welt erhielt, versteht sich von selbst. Von New Guinea, Kamtschatka, Norwegen, Island, Weihnachtsinsel, Belize usw.

© flickr: Maryland GovPics

Doch weder erhob er sich in den Status einer besonders ausgewählten Person – dass sein Name einen Wanderweg um einen See in Maryland trägt, beschämte ihn anfangs zutiefst – noch behandelte er all die Persönlichkeiten die Schulter an Schulter mit ihm Zeit verbringen wollten, anders als den Fliegenfischer von nebenan. Während manch anderem die Anerkennung leicht zu Kopf gestiegen wäre, gelang es Lefty Kreh trotz seines  fischereilichen Talents und der Nachfrage nach seinen unterschiedlichsten Fähigkeiten, Bescheidenheit zu bewahren. Andere bezeugen, dass abseits seines immensen Wissens um Wurftechnik und den Fang von Fischen, vor allem seine Bodenständigkeit und sein Humor Menschen um ihn scharrte, die ihn zu Angelreisen mitnahmen und auf ihre Hochzeiten einluden.

„There’s more B.S. in fly fishing than there is in a Kansas feedlot“ 

1972 zog es ihn zurück nach Baltimore wo er die nächsten 18 Jahre drei mal wöchentlich eine Angelkolumne verfasste. Für TFO (Temple Fork Outfitters) wird er Ruten entwerfen. Er wird Wurfdemos und Casting Kliniken im ganzen Land abhalten und die Welt und ihre Flüsse, Meere und Seen für den nächsten Fang bereisen. Was sollte ein Typ der seit seinem zwölften Lebensjahr Geld verdienen musste auch tun? Kurz vor seinem Tod am 14.03.2018 nach seinem geschäftigen Leben befragt antwortete Lefty Kreh in charakteristischer Manier:

“I had so many irons in the fire. I was busier than a Baltimore homicide detective.”

Kaum vorzustellen wenn man die beste Krimi-Serie der letzten Jahre gesehen hat.

Comments

  1. Heribert Hahne says:

    Hallo Tankred! Schöne Geschichte. Ja, der Lefty war schon einer… Habe ihn mal auf einer Veranstaltung in Victoria, BC kennen gelernt und mir Tage später am Airport von Vancouver eines seiner Bücher gekauft. Habe es mehrfach gelesen und viel daraus gelernt. Würde es gerne jemandem verkaufen, der am Fliegenfischen im Salzwasser Interesse hat. Seine Beschreibungen finden natürlich an der Ost-, Süd- und Westküste von Nordamerika statt. Ein großer Abschnitt ist der Technik und den Fliegen gewidmet. Man sollte schon etwas der Englischen Sprache mächtig sein um alles verstehen zu können. Wer will, kann mir ein Angebot machen. Es hat vor 30 Jahren knapp 30 Dollar gekostet. (bc.herbiehoss@yahoo.ca)
    Lieben Gruß nach Deutschland, Heribert Hahne

    • Hallo Heribert,
      welch Privileg Lefty Kreh in Aktion gesehen zu haben! Ich besitze das Buch bereits, wünsche mir aber, dass MitleserInnen dieses Beitrags mit einem Angebot auf Dich zukommen.
      Viele Grüße nach BC
      Tankred

  2. Fabian Gier says:

    Sehr, sehr schön geschriebener Bericht. Weiter so!!
    Viele Grüsse
    Fabian

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