Unter Freunden – an der Gmundner Traun

Unter Verpflichtungen und dem Druck des Alltags sind Ausflüge und Reisen in den letzten Monaten dünn gesät gewesen. Die Hitzewelle und der Wassermangel der letzten Monate haben es mir erleichtert, über die geringe Zeit am Wasser hinwegzusehen. Wozu auch die ohnehin unter fürchterlichem Stress leidenden Fische, mit dem Versuch sie zu fangen zusätzlich zu belasten. Da blicke ich also wehmütig zurück auf das letzte erinnerungswürdige Wochenende im Mai, zufällig auch der Beginn der langanhaltenden Trockenperiode. Auf Einladung von Albert Pesendorfer, einem bekannten Naturfotograf und der Obmann der Freunde der Gmundner Traun, nahm ich als Vortragender an der Mitgliederversammlung 2018 teil.

Alber Pesendorfer © Josef Stöger

Es ist mit Sicherheit nicht unangemessen zu behaupten, dass die Gmundner Traun für die Entwicklung des Fliegenfischens im deutschsprachigen Raum das geschichtsträchtigste Gewässer ist. Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde die Gmunder Traun international bekannt. Der Ruf des absoluten Traumgewässers wurde ihr spätestens dann zu Teil, als im frühen 20. Jahrhundert sich angesehene internationale Persönlichkeiten die Türklinke reichten. Von Dr. Duncan der aus seiner Heimat Großbritannien Mitglieder des englischen Königshauses an die Traun lotste. In deren Sog wiederum das belgische Königshaus folgte. Über den Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungstruppen und späteren Präsidenten Dwight Eisenhower bis zum Hoteliersohn und fanatischem Fliegenfischer, Werfer, Rutenentwickler und Autor Charles Ritz.  

Sie alle folgten dem Ruf der Gmundner Traun. Eines fischreichen Gewässers das so unglaublich viel zu bieten hatte. Mit dem nahegelegenen Salzkammergut eine spektakuläre, atemberaubend schöne Naturlandschaft, Gastfreundlichkeit, Handwerkstradition (Gmundner Keramik), Kulinarik und wahrscheinlich am allerwichtigsten: interessierte Einheimische die das Gewässer wie ihre Westentasche kannten. Die wiederum die von außen mitgebrachte Angelform des Fliegenfischens und ihre Techniken wissbegierig aufsogen und zu neuen Formen weiterentwickelten. Mitte des 20. Jahrhunderts reisten somit betuchte Fliegenfischer nicht nur wegen der massig vorhandenen Äschen, Bach- und Seeforellen an die Gmundner Traun. 

Sondern auch um sich vom damals bekanntesten Sohn der Region – Hans Gebetsroither – einen neuen, effizienteren Wurfstil mit kurzen schnellen Ruten beibringen zu lassen. Unter der Riege Gebetsroither wiederum entwickelten sich spätere Größen wie Roman Moser, der wie kein anderer deutschsprachiger Fliegenfischer der Neuzeit, die ‘Gmundner Schule’ in die Welt trug und neue Fliegendesigns entwickelte (Goldkopfnymphe). Und im Umfeld der beiden Größen entstand ein umtriebiges Biotop an Wurflehrern, Rutenbauern, Fliegenbindern und Fliegenfischern, wie man es nur an wenigen Ort dieser Welt in jener Konzentration vorfindet. 

Roman Moser © Josef Stöger

Dass ich mich richtig auf dieses Wochenende freute, kann man mir nicht verdenken. Zumal mir Roman Moser eine Einführung in den von ihm bewirtschafteten Abschnitt der Ager – ein Nebenfluss der Gmundner Traun – anbot. Meine Vorfreude erlitt am Tag der Abreise einen gehörigen Dämpfer. Bis zur letzten Minute musste ich meine Zeit in der Redaktion verbringen ehe es nach Hause ging, um mich von meiner Familie zu verabschieden, meine Sachen zu schnappen und meinen Begleiter Veit zum Nachtzug nach Linz am Kölner Bahnhof zu treffen. Der Abschied von meiner eineinhalbjährigen Tochter fiel mir besonders schwer, da sie just an diesem Tag an einer schweren Erkältung erkrankte. Immer wieder nahm ich sie in den Arm wenn sie sich an mich dückte, sah in ihre blutunterlaufenen Augen, wischte ihr den Rotz aus dem Gesicht und hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, sie in ihrem Leid mit meiner Frau allein zu lassen.

Am Bahnhof angekommen, Proviant für die Reise gekauft, sackte mein Herz beim Bahnhofsbäcker in die Hose – meine beiden Ruten lagen zu Hause. Zugabfahrt in fünfzehn Minuten. Zum Glück hatte Veit einen Havana Club im Gepäck. Anders hätte ich im Liegewagen wohl kein Auge mehr zugedrückt. Nicht dass ich mir Sorgen machen mußte vor Ort eine Rute leihen zu können. Davon war ich überzeugt. Aber wie peinlich, welch Supergau. Da kommt er angereist für einen Vortrag der Verleger, Autor, Fliegenfischer, und hat keine Rute im Gepäck. Mit dieser Gefühlslage machte ich mich auf den Weg.

Mein Kater vom Trostspenden hielt sich in Grenzen und früh morgens standen wir am Zugfenster und blickten auf die vorbeiziehende Landschaft. Aus Köln bin ich den Anblick von Karnickeln gewohnt, die sich hier in der Stadt wie die sprichwörtlichen vermehren. Dass wir aber bei der Anfahrt auf Linz eine Stunde nach Sonnenaufgang gleich drei Feldhasen sehen konnten, ein immer seltenerer Anblick wenn ich an meine Jugend zurückdenke, stellte meine Freude über das bevorstehende Wochenende wieder her. 

Am Linzer Bahnhof fragt uns ein von der Nacht zuvor sichtlich gekennzeichneter Punk mit Schottenrock – ich denke den trägt er seit 1976 – beim Anblick von Veits Ruten ob wir angeln gehen. In sicherem oberösterreichischen Dialekt mit britischer Färbung, erzählt er, dass er Fliegenfischer sei. Viele Jahrzehnte ist er schon in Linz und mit dem Fliegenfischen hat er in Schottland begonnen. ‘Wohin es ginge’, möchte er wissen. ‘An die Gmundner Traun und die Ager’, sagen wir. ‘Zu Roman Moser’ fragt er, während seine Arme sich immer weiter öffnen und erst wieder stoppten, als er respektvoll und mit langsam nickendem Kopf beteuerte: ‘Große Forellen!’ 

Wirt am Bach © Veit Dresmann

Als wir später beim Wirt am Bach in Laakirchen einkehren, treffen wir bereits auf die ersten Gäste der Mitgliederversammlung. Unsere Zimmer zugeteilt, besichtigen wir den einladenden Gasthof, wo an allen Ecken und Enden die Verbundenheit mit dem Fliegenfischen anschaulich wird. Ein Frühstücksraum geschmückt mit Präparaten das uns schwindlig wird. Lektüre in den Ecken, Fotos der Traun-Größen an den Wänden. Am Haupteingang eine Vitrine mit edlen Gespließten zwischen erlesenen Weinen. Hier kann man es sich gut gehen lassen und zugleich Tages- und Wochenkarten für die Gmundner Traun kaufen.

Im überdachten Gastgarten werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Von weiten kann ich ihn schon erkennen, seine imposante Größe ist nicht zu übersehen – Albert Pesendorfer. Manchen wird seine Erscheinung vielleicht von der EWF oder anderen Veranstaltungen geläufig sein. Wo die Freunde der Gmundner Traun regelmäßig vertreten sind, um den Freundeskreis zu erweitern für ein Gewässer, an dem wie an beinahe allen Gewässern Europas die Zeichen der Modernisierung nicht halt gemacht haben – Kraftwerksbau mit seinen Konsequenzen. 

Um den ‘beschützen’ Bereich der Freunde der Gmundner Traun noch länger zu bewahren und sogar zu erweitern, haben sich die Freunde zusammengeschlossen. Ich kann die Mitgliedschaft nur empfehlen. Trägt doch der bescheidene Beitrag von 50€ zum Erhalt eines Ausnahmegewässers bei und durch die Mitgliedschaft erhält man ermäßigte Tages-, Wochen-, oder Jahreskarten. Eine Ausnahme wollte die Traun für uns aber an diesem ersten Maiwochenende nicht machen. Zwar floß sie klar, doch viel zu hoch um vernünftig darin zu fischen. Zum Glück befindet sich die Ager in der Nähe.

Die Mitgliederversammlung – ein zweitägiger Event – war gut besucht. Nach meinem Vortrag über das Nymphenfischen, unterhielt Roman Moser mit seinem Showtalent den gefüllten Raum, mit einem Beitrag über die Wiesent. Danach folgte mein Canossagang und ich gestand ihm, dass meine Ruten in Köln zurück blieben. Ohne viel Aufsehen wurde mir ein Ersatz für den kommenden Tag in Aussicht gestellt. Und nicht nur eine Rute, sondern das komplette rundum-sorglos Paket mit Rolle und Schnur dazu. Schon soviel jetzt vorweg – eine perfekt aufeinander abgestimmten Kombo von einem der besten Werfer hierzulande, macht viel Spaß! Der gerne zitierte Tipp, zum Ruten-und Rollenkauf den Händler der Wahl zu besuchen und gemeinsam mit Experten die Ausrüstung abzustimmen, hat sich wieder einmal bestätigt.

Steckerlfisch – © Josef Stöger

Das gesellschaftliche Highlight der Mitgliederversammlung der Freunde der Gmundner Traun ist der Sonntags Frühschoppen mit Tombola. Bei Sonnenschein und stolzen Maitemperaturen kann man schon mal um 11h das erste Bier trinken. Dass mir durch Gespräche und Buchverkauf einer der begehrten Riedling (eine Reinanken Unterart die nur im Traunsee vorkommt) am Steckerl entging, bedaure ich bis heute. Der Saibling schmeckte aber auch hervorragend. Der Gewinn bei der Tombola eines Keramik-Weinkrugs aus der Manufaktur von Karl Födinger, war aber weit mehr als Trost dafür. 

Sonntag Mittag zogen wir also mit Roman Moser los und besorgten uns die Oberösterreichische Fischereilizenz und Tageskarten für die Ager. Noch bevor es ins Wasser ging trafen wir Hannes Höbarth, der uns begleiten und sein Hausgewässer näher vorstellen wollte. Als wir den Fluss entlanggingen forderte mich Roman Moser auf, an einer ausgewaschenen Baumwurzel das Ufer runterzuklettern und den Lauf unterm Baum rechter Hand flussab mit der schlitternden Sedge zu befischen. Mit schlotternden Knien kraxelte ich hinab. Eineinhalb Meter hinter mir die Uferwand und mit fremder Ausrüstung in der Hand rollte ich so gut es mir gelang eine trockene Caddis über den Lauf und ließ sie unter den Ästen des überhängenden Baumes durchtreiben. Einfach meine Nymphe an gestrickter Leine durch die Rinne treiben zu lassen, wäre einfacher gewesen. Czech- und Frenchnymphing sind an der Ager aber untersagt. Andere Länder – andere Sitten: Daran hält man sich.

Hannes Höbarth: G’lernt is g’lernt – © Veit Dresmann

Ob ich mich vielleicht nicht komplett idiotisch anstellte, oder ob Roman Moser einfach nur höflich sein wollte, kann ich nicht sagen. Meine zaghaften Versuche ob der geborgten Runde in der Hand, deren Spitze zu brechen mir jetzt gerade noch gefehlt hätte, wurden mit einem ‘ja, gut so, passt so – nicht flussauf, quer gegen die Strömung’ quittiert. Manche Gewohnheiten legt man eben schwer ab. Wie es wurftechnisch richtig geht, das zeigte mir Hannes Höbarth, der mühelos die doppelte Länge Schnur ablegte. ‘G’lernt ist eben g’lernt’. Als auch ihm jedoch an der Stelle ein Biss verwehrt blieb zogen wir weiter. Und es sollte Roman Moser der Erste sein, der einen Fisch fing. Bei einer Demo eines Switch Casts, der sich bis ans andere Ende des an der Stelle ca. 20 Meter breiten Flusses ablegte.

Nach der mehrstündigen Einführung ließen die beiden Veit und mich alleine zurück. Während ich mir meine Fänge mühevoll erarbeiten musste, in dem ich über Stock und Stein an entlegene Pools kletterte, ging Veit der Fang stattlicher Forellen leichter von der Hand. Dieses Szenario sollte sich am nächsten Tag fortsetzen, als wir wieder Hannes Höbarth trafen, der die Ager wie seine Westentasche kennt und uns die besten Plätze zeigte. Wir Fliegenfischer sind ja gewöhnlich nicht verlegen, Ausreden und Entschuldigungen zu finden, wenn es mal nicht so läuft wie gewohnt. Ich kann mich aber nur selbst an der Nase nehmen und mir eingestehen an diesem Wochenende nicht gut gefischt zu haben, während meine Begleiter konzentrierter und entspannter zur Sache gingen.

Abgesehen von dem Eingeständnis konnte ich viel von diesem Wochenende mitnehmen. Von den Freunden der Gmundner Traun, wovon einige sich einzig der Trockenfliege widmen, wurde ich freundlich aufgenommen und unser Buch ‘Nymphenfischen: Geheimnisse entlarvt’ als das akzeptiert wofür es steht. Ein allumfassendes, undogmatisches Werk über eine der vielen Facetten des Fliegenfischens. 

Warum Fliegenfischen als die Königsdisziplin des Angelsports bezeichnet wird, wurde mir an diesem Wochenende erstmals so richtig klar. Mit diesem Begriff hatte ich bislang so meine Schwierigkeiten. Denn dahinter verbirgt sich auch etwas leicht Elitäres. Der Verdacht drängt sich auf, dass aufgrund dieser Bezeichnung manche Leute sich vielleicht aus den falschen Gründen zum Fliegenfischen hingezogen fühlen. Führe ich mir aber vor Augen, mit welcher Eleganz und Präzision unsere Begleiter ihre Fliegen warfen, wird klar, dass diese Benennung auch für Jahre der Hingabe und Ausdauer an unsere große Leidenschaft steht. 

Zeit für die Wiese mein Freund denke ich mir, denn wie sagte schon Roman Moser im Vorwort zu unserem Buch: “…man lernt nie aus”.

 

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