Tatort Bach – Roland Herrigel revitalisiert

Tatort Bach – Roland Herrigel

Wenn ich Sonntag Abend am Wasser bin, an meinem Vereinsgewässer das durch eine Stadt mittlerer Größe fließt, merke ich die Popularität der Fernsehreihe ‘Tatort’. Spürbar weniger Menschen führen ihre Hunde äüßerln. Entlang der großen Wiese die den Fluß säumt. Es ist als wäre Fußball-WM. Mir soll es recht sein, wenn Hunde sich von der Figur in der Wathose, mit Sonnenbrille auf bei jeder Witterung, sich nicht schon von weitem provoziert fühlen. Dass unsere Vereinsstrecke nicht schon mal zum Tatort eines außer Rand und Band geratenen Fliegenfischers wurde, überrascht mich beizeiten noch immer. 

Für den TV-Tatort habe ich gefühlt seit Schimanskis letztem Auftritt 1991 keine Zeit mehr. Für den ‘Tatort Bach’ interessiere ich mich aber umso mehr, seit Ende 2017 im Schweizer ‘Petri Heil’ Verlag von Roland Herrigel unter gleichnamigen Titel ein faszinierendes und äußerst wichtiges Buch erschien. Seitdem schlendere ich weniger unbekümmert an scheinbar umweltnah revitalisierten Bächen und Flüssen entlang. 

‚Tatort Bach‘ – Roland Herrigel

Der Schweizer Roland Herrigel ist eine faszinierende Persönlichkeit, die seit Kindesbeinen vom Wasser und seinen Bewohnern fasziniert ist. Neben den beruflichen Stationen Unterhaltungskünstler – 13 Millionen YouTube Aufrufe für “Harproli“ sind beachtenswert – Goldschmied, Einzelhändler (Fischereifachgeschäft, Malereiladen), engagiert er sich seit 1986 für die Flussrevitalisierung. Diesen Begriff wähle ich seit dem Lesen von ‘Tatort Bach’ bewusst anstelle von Renaturierung. Ersterer ein Begriff der laut Herrigel für die Wiederbelebung eines (tod-)kranken Gewässers passt, wohingegen letzterer für die Reanimation bis zur völligen Genesung steht. 

In unsere zivilisierten Gesellschaft ist eine Renaturierung eines Gewässers samt seines gesamten Umfelds jedoch an unüberwindbare Hindernisse geknüpft. Womit eine Revitalisierung bereits ein großer Schritt in Richtung Wiederherstellung eines naturnahen Lebensraum darstellt. Eines Habitats von dem nicht nur Fische, Insekten, Wirbellose, Amphibien, Vögel und selbstverständlich wir Angler/Fliegenfischer profitieren. Und Herrigel muss es wissen. Setzte er es sich doch 1986 zum Ziel, die schweizerische Bünz von einer Kloake zu einem gesunden Bach zu transformieren. Ein Vorhaben wofür er 2017 belohnt wurde, als der Karton Aargau im Jahr 2017 Junglachse in seinem Gewässer einsetzte.

Durchdachte Revitalisierung

Gut durchdachte Revitalisierungskonzepte bemühen sich die oft gut gemeinten Eingriffe vergangener Jahrzehnte, die meist in ökologischen und biologischen Fehlschritten endeten, unter Einbindung seiner wichtigsten Stakeholder zu korrigieren: der Fische, der Wassertierwelt und der Angler. Denn alle anderen Gewässernutzer geben sich mit weit weniger zufrieden: Hauptsache es sieht schön aus. Egal ob der Eingriff dem Typ und Charakter des Gewässers entspricht. 

Seit ich Roland Herrigels umfassendes Kompendium lese, erfahre ich wie man mit selbst einfachsten Mitteln (Stichwort: Instream-Renovation) zum Teil sogar ohne die Einbindung von Behörden und Wasserbaungenieuren, profunde und nachhaltige Veränderungen an Heimgewässern durchführen kann. Nun werde ich den Eindruck nicht mehr los: Auch mein Vereinsgewässer leidet unter fehlgeleiteten Maßnahmen und Eingriffen. 

Wiederherstellungsziele definieren

Reichlich bebildert werden nämlich fehlgeschlagene Konzepte aus Planungsbüros aufgezeigt, die es unterließen, Fischer und Fischerinnen in die Revitalisierung einzubinden. Und je mehr ich einige davon betrachte, desto eindringlicher stellt sich mir die Frage, in wie weit Angelvereinen bei Revitalisierungen die Möglichkeit zur Teilnahme offeriert wird. Was liegt also näher als Herrigels Appell zu folgen und selbst zum Initiator von Bach- und Flussrevitalisierungen zu werden. Das zugleich Gegenbeispiele geliefert werden, mit welchen Mitteln und wahrscheinlich am wichtigsten, unter welchen Gesichtspunkten man seinen Gewässern wieder zum Leben hilft, ist die große Stärke dieses Buches. Ob bei Struktuverbesserungen, Fischwohnungen oder Gewässerdurchgängigkeit. 

Zugegeben, einige der angeführten Beispiele sind sehr ambitioniert und mit Sicherheit nur unter der Einbindung öffentlicher Ämter und Behörden umzusetzen. Und dennoch weitaus praxisnäher als so manch andere Programme. Nicht jeder kann sich aktiv in große Wiederansiedlungsprogramme einbringen. Jeder kann aber zur Verbesserung des Gesundheitszustand seines Hausgewässers und seiner Bewohnern beitragen. Tausende Bach- und Kleinflußkilometer warten darauf, durch ausreichend Beschattung, einem intakten Kieslückensystem, definierten Niederwasserrinnen und einer durchgängiger Vernetzung von Gewässern revitalisiert zu werden. 

Übersichtliches und verständliches Grundwissen

‘Tatort Bach’ von Roland Herrigel gibt jedem Interessierten oder Betroffenen das Rüstzeug in die Hand, mit konkreten Verbesserungsvorschlägen an die jeweiligen Verantwortlichen heranzutreten. Ein weiteres dickes Plus der Veröffentlichung sind die vielen QR Codes zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen schweizerischer Umweltschutzbehörden, privater Initiativen im deutschsprachigen Raum oder weltweiter Projekte mit Vorbildcharakter. Im Verbund mit diesem Buch sind diese Unterlagen nützliches vertiefendes Wissen für moderate bis hin zu aufwendigen Bach- und Flußrevitalisierungen.   

Das einzige was aus deutscher oder österreichischer Sicht noch hilfreich gewesen wären, sind weitere Hinweise zur rechtlichen Grundlage von Revitalisierungsprojekten, als auch allgemein Gedanken zur Projektsteuerung und Informationen zur Möglichkeiten der Subvention. Speziell für Letzteres gibt es zur Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie im Rahmen der Landschaftspflege, eine Fülle an Töpfen die erschlossen werden können.

Für Wasserwissenschaften habe ich mich noch nie begeistert und zum Ingenieurwesen fühle ich mich auch nicht sonderlich hingezogen. Doch beim Lesen der Seiten wird mir das Gefühl vermittelt, komplexe biologische und ichtyologische Zusammenhänge besser zu verstehen. Mehr noch – dank dieses Buches fühle ich mich gestärkt, auch ohne tiefgründiges wissenschaftliches Know-How mich aktiv an Diskussionen zur Verbesserung meiner Heimatgewässer beteiligen zu können.

Sehr schön, dass entgegen meiner Annahme aus dem Beitrag der letzten Woche, auch hierzulande Individualisten mit ihrem Engagement, weitreichende Veränderungen und Verbesserungen an unserer Umwelt für uns alle vorantreiben. 

Comments

  1. Ulrich Höner says:

    Hallo Tankred
    Hast Du Interesse an einer Originalausgabe 1862 von
    “ Vollständiges Handbuch der feinern Angelkunst “
    „nach den besten Quellen“
    von Franz Ludwig Hermann d´Aquen

    • Hallo Ulrich,
      vielen Dank für das reizvolle Angebot. Ich bezeichne mich nicht als antiquarischen Sammler. Ohne jetzt öffentlich hier nach dem Preis fragen zu wollen, denke ich, mich mit der digitalen Ausgabe der Bayrischen Staatsbibliothek vorerst zu begnügen.
      Viele Grüße, Tankred Rinder

  2. Roland Herrigel says:

    Vielen Dank für den tollen Artikel. Roland Herrigel

  3. Zu dem Thema habe ich heute auch einen interessanten Text gelesen.

    https://www.novo-argumente.com/artikel/alles_fliesst_nachhaltig

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