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Forelle & Äsche | Fliegenfischen | Fliegenbinden

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Leseprobe – Trout Bum: Zeit nehmen und genießen

by Tankred Rinder Leave a Comment

© Foto: Michael Dvorak // Erst wenige Wochen ist es her, dass Jürgen Friesenhahn – zertifizierter Master Casting Instructor und Mitautor von Line Poetry – aus dem Sauerland zu meinen Kollegen und mir in die Eifel reiste. Wir hatten ihn für eine zweitägige Casting Clinic am Wochenende gebucht, um unsere Wurftechniken zu verfeinern und eingeschlichene Fehler auszumerzen. Als wir über unsere gemeinsamen Pläne für die nächste Zeit sprachen, platzte es aus ihm heraus:

„Ich habe mich an Trout Bum im englischen Original versucht“, sagte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir so vieles unverständlich bleibt, obwohl ich immer dachte, fortgeschrittenes Englisch sehr gut zu beherrschen.“ In diesem Moment wurde mir klar, wie sehr viele Leserinnen und Leser von meiner Entscheidung profitieren würden, John Gierachs Werk zu übersetzen – jenes Buch, das ihm einst den Durchbruch als Schriftsteller bescherte und ihn in den Olymp der begnadetsten Fliegenfischer-Autoren aufsteigen ließ. Das gilt selbst für diejenigen, die Trout Bum bereits auf Englisch gelesen haben.

Wie flüssig und fein nuanciert sich die deutsche Übersetzung von Trout Bum liest, erfährst du beispielhaft an der Übersetzung des 1. Kapitels. Es zeigt eindrucksvoll, welche Geistesblitze John Gierach versprüht und wie mühelos er dabei einen packenden Spannungsbogen aufbaut. Nimm dir die Zeit und genieße die Leseprobe aus Trout Bum.

John Gierach: Forellen
Sagen wir, du bist zum Nymphenfischen an den South Platte River in Colorado gefahren. Du bist im Canyon hochgewandert, dahin, wo diese wunderbar tiefen Löcher sind – die mit den großen Fischen – aber hast dann gemerkt, dass die Forellen heute den seichten, schnellen Flusslauf bevorzugen. Es hat zwar zwei Stunden gedauert, bis du das raushattest, aber es ist ein gutes Zeichen. Sie sind hungrig, und, wie dein Partner sagt, sie “gucken aufwärts“. Du fischst mit einem Flohkrebsmuster, nicht dem Flohkrebsmuster, sondern einem, das du selbst ausgearbeitet hast. Der Unterschied mag minimal sein, aber somit ist es deine eigene Fliege, und Fische fängst du damit auch, was sich ziemlich gut anfühlt.

     Du konzentrierst dich auf den Rand einer schnellen Strömung, ungefähr dreißig Meter oberhalb eines Fallkolks, wirfst das beschwerte Nymphen-Rig stromauf und folgst dann mit der Rutenspitze dem Verlauf. Du bist etwas abgelenkt, während du erwägst, dass es schon okay und eine verlockende Herausforderung ist, auch mal so zu fischen, aber wenn du das ein paar Tage hintereinander machst, kriegst du wahrscheinlich Sehnsucht nach der spielerischen Leichtigkeit eines echten Wurfs.

     Das Vorfach ruckelt mit einem Quäntchen zu viel Bewusstsein, als dass hier nur die Strömung oder ein Stein die Ursache sein können, also hebst du die Rute, um den Haken zu setzen, und spürst ein Gewicht. Dann eine Regung – es ist ein Fisch.Sogar ein großer Fisch, er zappelt nicht, sondern drängt weg. Verwirrt und verstimmt, aber ohne Angst, wirft er den Kopf hin und her. Er ist beeindruckend.

     Beinahe träge steigt die Forelle vom Grund zur schnelleren Strömung nahe der Wasseroberfläche auf, rollt sich in den Sog und verschwindet stromab. Du spürst eher einen Widerstand als konkreten Kampf, und ein flattriger Anflug von Panik steigt dir die Kehle hoch. Das ist der „Oh krass“-Fisch, der einem pro Jahr ein– oder zweimal an den Haken geht. Du hättest versuchen sollen, einen Blick auf ihn zu erhaschen, als er sich gedreht hat, das war vielleicht deine einzige Chance, aber es ging alles so schnell. Nein, ging es nicht. Um ehrlich zu sein, ging es ganz gemächlich, beinahe träge, wie du gerade selbst gesagt hast.

     Du bist vorsichtig (zu vorsichtig? nicht vorsichtig genug?). Der Haken ist eine stabile Nummer 10 aus schwerem Draht, aber die Vorfachspitze ist nur eine Nullfünfzehner, etwa Vier-Pfund-Test. Die Rute ist aus Bambus und 8 1/2 Fuß lang, mit einem robusten Griffende, aber einer schön sensiblen Spitze (Kataloggelaber, aber wahr). Der Zug auf die Rolle ist leicht, und die Leine rollt ab wie Butter. Du senkst die Rute auf Halbmast ab, um dem Fisch Raum zu geben, und machst wirklich alles richtig. Es ist hoffnungslos.

     Die Forelle ist mittlerweile weit stromab, auf der anderen Seite der Strömung und des Kolks, aber aufgrund der lokalen Topografie kannst du ihr unmöglich folgen. Die Leine hat an Spannung verloren und weist nicht mehr zum Fisch hin.

     Zu einem gewissen Zeitpunkt wird dir dann klar, dass sich die Forelle – diese gigantische Forelle – von dir und deiner ganzen teuren Ausrüstung verabschiedet hat, auch wenn du nicht sagen kannst, wann genau es passiert ist. Du holst die Schnur ein und stellst fest, dass sie den Haken nicht losgeworden ist, sondern sich gegen den Widerstand des Flusses effektiv losgerissen hat. Vor deinem geistigen Auge siehst du deine Fliege im behakten Maul einer feisten … was? Regenbogenforelle? Wahrscheinlich eher Bachforelle hängen. Du wirst es nie erfahren.

     Auf diese Art und Weise um seinen Fisch zu kommen, ist bitter. Klar, du hättest ihn sowieso wieder zurückgesetzt, aber darum geht es nicht. Dein Plan war, ein großmütiger Sieger zu sein. Du fragst dich, war es meine Schuld? Eine typisch analytische Frage. Umgehen lässt sie sich mit blumigen Floskeln wie „Ich bin einfach gerne draußen in der Natur und fische“, oder du flüchtest dich in vage Aussagen über die vielschichtige Technik, aber letztendlich gibt es nur die eine Antwort: Natürlich war es deine Schuld, wessen denn sonst?

     Dein Partner ist außer Sichtweite, und wenn du den Fisch erwischt hättest, hättest du nach ihm und seiner Kamera gebrüllt und geschrien, aber so lohnt es sich jetzt nicht, noch nach ihm zu suchen. Wenn ihr euch wiedertrefft, während ihr den Canyon runterkraxelt, wirst du ihm mitteilen, dass du unlängst ein LDR-Manöver (long distance release) mit einem Monsterbrocken absolviert hast, und damit hast du dann zu der Angelegenheit auch alles gesagt, was zu sagen ist.

     Eine Forelle ist – zumindest auf diesem Kontinent – eine Regenbogen-, Gold-, Bach-, oder Cutthroat-Forelle, ein Bachsaibling, oder eine Unterart beziehungsweise ein Hybrid der vorangegangenen, wobei alle Fliegenfischer sich heimlich freuen, dass der Bachsaibling natürlich gar nicht zu den Forellen zählt, ist aber auch egal.

     Man weiß tatsächlich recht viel über Forellen, und man vermutet jede Menge mehr. Der ernstzunehmende Fliegenfischer fußt seine Kenntnisse zu diesem Fisch stark auf der Wissenschaft, ganz besonders auf dem lockeren, leicht verträumten Naturalismus des letzten Jahrhunderts englischer Art, aber hin und wieder lässt man die Fakten Fakten sein und unternimmt stattdessen ausgedehnte Ausflüge in den Anthropomorphismus und in die reine Dichtung. Forellen wird nachgesagt, dass sie wütend sind, neugierig, scheu, angriffslustig, oder was sonst noch alles; oder dass, wenn eine für deine Adams anders aufsteigt als für die Blue Winged Olive, sie wohl „gedacht“ haben muss, es handele sich um eine Köcherfliege. Der nüchternen Wissenschaft nach ist das erbsengroße Gehirn der Forelle weder zu Vernunft noch zu Emotionen fähig. Ich sage nicht, dass das nicht stimmt, aber als Argument im Sinne des kreativen Denkens hätte ich diesbezüglich einen Einwand und eine Frage: Taten sagen mehr als Worte, also wenn sie wirklich so beschränkt ist, wieso kriegt man sie teilweise partout nicht gefangen?

     Den Mythos der cleveren Forelle haben Fischer erfunden, um sich selbst besser darzustellen. Die weise alte Bachforelle nicht fangen zu können, ist das eine, aber wenn du von einer glitschigen, kaltblütigen und reptilartigen Kreatur mit nur dem allerkleinsten Funken von Bewusstsein an der Nase herumgeführt wirst, ist das vielleicht nicht direkt erniedrigend, aber an die große Glocke hängen wirst du es auch nicht. Forellen sind clever, Junge, richtig clever.

     Faktisch gesehen ist unsere Wahrnehmung der Forelle vermutlich genauso inkorrekt wie ihre von uns, aber unsere volkstümlichen Vorstellungen haben ihren Nutzen, und sind so gesehen auch richtig. Wenn du einen Streamer bindest und so fischt, dass du die Bachforellen „kirre“ machst, und du auf diese Weise ein paar Fische fängst, dann waren diese Fische, jawohl, kirre. Ende der Diskussion.

     Nehmen wir mal an, ein Fischereibiologe erzählt dir, seine und andere Studien würden aufzeigen, dass Bachsaiblinge nicht piscivor sind, das heißt, sie fressen keine anderen Fische. Woraufhin du entgegnest, dass du nicht nur reichlich Bachsaiblinge mit Streamern (also Fischimitationen) gefangen hast, sondern dass auch viele der amerikanischen Streamer-Muster, die mittlerweile Standard sind, für das Fischen auf wilde Bachsaiblinge an der Ostküste entwickelt wurden, und dass außerdem Fliegenfischer seit Generationen den Bachsaibling als Fischfresser ansehen.

     “Na”, sagt er, “wir wissen doch alle, dass Bachsaiblinge dumm sind.“ Vielen Dank auch, Professor Doktor Wissenschaft.

     Zu guter Letzt beruht das, was Fischer über Forellen wissen, nicht auf Fakten, sondern auf Glaubenssätzen. Vielleicht fressen Bachsaiblinge Fische oder vielleicht auch nicht, aber sie beißen auf die Streamer. Die wissenschaftliche Vorgehensweise kann man eh vergessen, weil die Ergebnisse von Feldversuchen immer fragwürdig sind. Es gibt zu viele Variablen, und dann kommt schon wieder der nächste Typ und beweist eindeutig das genaue Gegenteil.

     Die im Westen so verbreitete Blue Winged Olive ist im Schlupf. Für den Fliegenfischer das perfekte Szenario: Genug Gewimmel, um alle Forellen bis auf die ganz großen anzulocken, aber nicht so wimmelig, dass dein trauriges Imitat im Insektengemenge, das die Flussoberfläche zum Flirren bringt, untergeht. Ja wirklich, manchmal kann ein Schlupf zu gut sein.

     Als der Schlupf losging, hast du ein Muster abgelegt, #18, dunkle Nymphe, nass und so ausgedrückt, dass es knapp unter der Wasseroberfläche treibt. Damit imitiert man die Nymphe in dem Stadium, wo sie schon die Oberfläche erreicht hat, aber noch kein geflügeltes Insekt ist. Zu Beginn des Insektenschlupfs sind das diejenigen, die für die Fische am einfachsten zu erreichen sind, auch wenn man auf den ersten Blick meint, dass letztere zur Trockenfliege aufsteigen. Lediglich der hauchdünne Oberflächenfilm des Wassers macht den Positionsunterschied zwischen der steigenden Nymphe und der schwimmenden Fliege aus, und im Steigen der Forellen sieht man oft überhaupt keinen Unterschied.

     Wenn der Insektenschlupf so weit vorangeschritten ist, dass die Zahl der geflügelten Insekten auf dem Wasser die der schlüpfenden Nymphen übersteigt, wechselst du zur Trockenfliege, nur ein paar Minuten nachdem die Mehrheit der Forellen auch dazu übergegangen ist. Auf dem Wasser gibt es jetzt zwei Eintagsfliegen, die bis auf ihre Größe identisch sind: Die eine ist etwa eine 18, und die andere, von der mehr vorhanden sind, ist eher eine #22. Die größere ist die Baetis und die kleinere die Pseudocloeon. Das hast du vom hiesigen Experten gehört und in Hatches von Caucci and Nastasi nachgeschlagen, wie man das buchstabiert. Es klingt ganz toll, aber eigentlich bedeutet es nur, dass du entweder mit der Blue Winged Olive oder der Adams jeweils in Größe 20 fischt, um den Unterschied wettzumachen.

     Die Fische sind fast einheitlich zwischen 35 und 40 Zentimeter groß – stark silbern schimmernde Regenbogenforellen, die fetter sind als die meisten Flussfische, mit winzig kleinem Kopf. Sie sind wild gewachsen und gesund, und du würdest sogar fünfmal so weit fahren, nur um hier zu fischen.

     Jetzt steigen sie überall. Im langsameren Gewässer tanzen und flitzen sie, halten immer mal ein paar Sekunden inne, als ob sie kurz Luft holen müssten. Sie bewegen sich mehrere Zentimeter, um zu deiner Fliege zu kommen, nehmen sie ganz pragmatisch, komplett getäuscht, aber sie geben dir nur einen einzigen entscheidenden Augenblick zwischen zu früh und zu spät, um anzuheben. Du bist so angespannt wie die E-Saite einer Gitarre aus dem Pfandhaus.

     Im schnelleren Wasser sind sie nahezu unsichtbar, aber sie verlassen es, weil die Menge an Insekten genug Anreiz ist, die Strömung zu überwinden. Sie steigen vom Grund gute sechzig Zentimeter auf und holen sich die Fliege ohne jedes Zögern und mit so viel Anmut, dass der kleine Impuls an der Oberfläche scheinbar in keinem Zusammenhang steht mit diesem fließenden Bogen grünlich-pink-silbernen Lichts in der Stromschnelle.

     Du bist bereit, heiß, aufgedreht. Du hast so viele Forellen gefangen, dass die gelegentliche Schlappe ein Jux zwischen dir und den Fischen ist. Dieser Moment, an dem alles zusammenkommt, ist eher die Ausnahme als die Regel, aber fühlt sich so vertraut an, als ob es immer so wäre. Du spürst einen Anflug von Gier. Vielleicht hättest du gerne etwas größere Forellen, und konzentrierst dich deshalb auf das andere Ufer. Und obwohl die Forellen so fast eher Teil eines Prozesses sind anstatt einzelner Erfolge, bewunderst du jede für einen Moment, bevor du sie zurücksetzt und zuversichtlich die nächste ins Visier nimmst.

     Der Insektenschlupf ist fast vorbei. Ein Großteil des Flusses liegt nun im Schatten, und das verbleibende Licht hat eine goldene, herbstliche Färbung. Jetzt könnte man die kleinen rostbraunen Spinner einsetzen. Dann könnte es einfach weitergehen. Aber es ist zu perfekt, es kann nicht ewig weitergehen.

     Forellen sind wunderbar hydrodynamische Geschöpfe, die in Strömungen flitzen und schweben, in denen wir Menschen kaum sicher stehen könnten. Sie sind torpedoförmig, wodurch sie das Wasser verdrängen, und verhalten sich so, wie Augenzeugen es Ufos nachsagen: Abruptes Anhalten bei hoher Geschwindigkeit, Neunzig-Grad-Wendungen, eine so schnelle Beschleunigung, dass es scheint, als ob sie sich in Luft auflösen. Mitunter wirken sie empfindlich, aber sie gedeihen auch unter den härtesten Bedingungen. Sie mögen es sauber und kalt.

     Ihre Farben leuchten, oftmals ausgefallen (jedenfalls die der wilden Exemplare), und es ist eine reine Freude, sie zu beobachten, auch wenn sie manchmal verflucht schwer im Wasser auszumachen sind. Selbst beim farbenprächtigsten Fisch ist der Rücken so dunkel meliert wie die beste Tarnkleidung, zum Schutz vor Feinden aus der Luft – Reiher, Eisvögel, Fischadler – und, evolutionär gesehen erst in jüngerer Zeit, vor dir und mir. In seltenen Augenblicken, wenn das Licht und alle anderen Umstände zusammenkommen, sind sie so sichtbar wie die Vögel am Himmel, im offenen Wasser unter der gleißenden Sonne, als wären sie im Paradies. Bei dieser Gelegenheit können sie schwarz wirken. Du kommst dir vor wie ein Spanner, beglückt beim Anblick von etwas, was du eigentlich gar nicht sehen solltest, aber fühl’ dich nicht allzu schuldig – beim ersten Wurf huschen sie davon.

     In einer Weise sind Forellen perfekt angepasste Bestandteile eines Fließgewässers, verwandeln Wasser, Sonnenlicht, Sauerstoff und Proteine in Bewusstsein. Sie fressen Wasserinsekten, während diese aktiv sind, und fahren ihren Stoffwechsel runter, wenn sie es nicht sind. Sie machen Ruhestellen in der Strömung aus, wo sie sich dann noch im turbulentesten Wasser endlos lange aalen können, solange sie ab und zu träge mit einer Brustflosse paddeln. Selbst niedere Säugetiere verfügen nicht mehr über die vollendete Kompetenz, die einer Forelle innewohnt, seit sie zu klug dafür geworden sind. Forellen sind Akteure der Grenzbereiche, ob in schnellen und langsamen Strömungen, in tiefem und seichtem Wasser, an der Luft und im Fluss, in Licht und Dunkel, und wenn ein Angler das versteht, ist er auf einem guten Weg dahin, zu wissen, was er tut.

     Auf andere Weise sind Forellen so unwahrscheinlich entzückend, wie von einer anderen Welt: metallisch leuchtend, in verschiedenen Tönen von Pink, Orange, Gelb – und gefleckt und getupft. Mit das Beste am Forellenfang ist, dass man sie seitlich drehen und einfach angucken kann. Wie kommt bei klarem Wasser, grauen Steinen und braunen Insekten so viel Farbe und Leuchtkraft zustande? Forellen gehören zu der Sorte Geschöpf, die einfach sehr viel hübscher aussehen, als sie müssten. Ihretwegen denken wir darüber nach, welche geheimen Prozesse die Realität sonst noch vor uns verborgen hält.

     Forellen wieder zurückzusetzen, erscheint zunächst ein unzugängliches Konzept. Du willst doch das Fischfleisch, willst Beweise.

     Tatsächlich eine Forelle mit der Fliege zu fangen ist etwas, das man am Anfang einmal gemacht haben muss, bevor man glauben kann, dass es überhaupt möglich ist. In den ersten unerträglichen Wochen oder gar Monaten mit der Fliegenrute wirken geübte Fliegenwerfer wie dieser Kerl im Zirkus, der mit den Fußsohlen mühelos seinen Kopf berührt. Klar doch, für ihn ein Kinderspiel. Erst wenn du gelassen bleibst und dich an deine Spinnrute hältst, stellst du mit der Zeit fest, dass es durchaus klappen kann. Wobei zwischen der ersten Forelle, die du mit der Fliegenrute an Land ziehst, und der zweiten bisweilen so viel Abstand liegt, dass du dich fragst, ob du nicht alles bloß geträumt hast. Nur allzu schnell verliert sich die Klarheit der ursprünglichen Vision. Nur allzu oft hörst du: „Fliegenfischen – hab ich mal ausprobiert, aber irgendwie nie richtig hingekriegt.“

     Die ersten Forellen nimmst du mit nach Hause (wer das nicht tut, verdient einen Heiligenschein, ist aber wahrscheinlich nicht ganz normal), doch mit der Zeit erkennst du die Vorzüge des Zurücksetzens von Wildfischen. Die Logik scheint unumstößlich: Wenn du den Fisch tötest, dann ist er weg; wenn du ihn wieder zurücksetzt, bleibt er da. Im Sinne von Ressourcenschonung, Ökoneutralität und all den anderen entsprechend futuristischen Schlagwörtern.

     Mit ein wenig Übung geht es ganz einfach. Kleinere Forellen lassen sich schnell abhaken. Mit einem routinierten Schwung des Handgelenks wird der Schonhaken entfernt, und der Fisch flitzt davon, konsterniert, doch unbeschadet. Du brauchst ihn nicht aus dem Wasser zu heben, berührst ihn nicht einmal.

     Bei größeren Fischen ist es schwieriger. Vorsichtig vermeidest du, sie am Kiemendeckel zu packen oder zu viel Druck auszuüben, was innere Verletzungen verursachen könnte. Ein Unterfangkescher mit weichem Baumwollnetz kann hilfreich sein. Große Fische, die du an wie immer zu fein gewähltem Equipment bis zur Erschöpfung gedrillt hast, werden behutsam wiederbelebt (in die Strömung gehalten und vorsichtig in Längsrichtung geschwenkt, bis sie wieder bei Kräften sind und erholt davonschwimmen). Sie wirken benommen, und dir ist klar, dass sie bei zu viel Stress, zu viel Laktataufbau im Körper, schlussendlich verenden. Das solltest du nicht vergessen. Auch einige deiner eigenen zurückgesetzten Fische sind wahrscheinlich später gestorben, aber du hast zu wenig Ahnung, um bei jedem Fisch den Gesundheitszustand fachgerecht zu beurteilen.

     Allmählich fühlt es sich gut an, das Gewicht, die Muskelspannung einer hübschen, glänzenden, lebendigen Forelle, die du im kalten Wasser nicht zu fest hältst. Wie ein schwacher Stromschlag, nur schmerzfrei. Schließlich spürst du keine Spur mehr von Reue, wenn sie davonschießen. Irgendwann verkehren sich deine früheren Prinzipien ins Gegenteil: Je größer die Forelle, desto befriedigender, sie wieder freizulassen. Der Appetit auf Fisch ist dir so gut wie vergangen, du setzt einfach alles zurück, was dir unterkommt – Wildfische, Besatzfische, kleinwüchsige Bachsaiblinge, Renken, Blaue Sonnenbarsche – und strahlst dabei mit so viel Selbstgerechtigkeit, dass einigen Umstehenden übel wird.

     Ab einem gewissen Punkt wirst du, was das betrifft, zum regelrechten Ekel. Du regst dich auf, dass Fischtötung selbst eingefleischte Jagdgegner nicht zu kümmern scheint, dass Vegetarier in ihrem Speiseplan großzügig Ausnahmen für Meeresfrüchte einräumen. Und das kommt daher, begreifst du, dass Forellen von der Durchschnittsbevölkerung nicht als attraktiv wahrgenommen werden, obwohl natürlich alle damit falschliegen. So langsam denkst du, dass keiner dich versteht.

     Dieses Gefühl kann jahrelang bestehen bleiben. Bei manchen Anglern steigert es sich irgendwann zu dem Credo, die Tötung einer Forelle sei Mord. Doch eines Tages kommst du vielleicht, ohne allzu viel darüber nachzudenken, zum Stausee, wo du am Morgen den Fischzuchttransporter hast stehen sehen, und fängst das Tagesfanglimit Besatzfische (blasse, kümmerlich wirkende Exemplare mit schwachen lila Schatten dort, wo bei wildlebenden Regenbogenforellen kräftige pinke Streifen prangen). Es fühlt sich nicht allzu verkehrt an.

     In einer Mischung aus grobem Maismehl und Weizenmehl paniert und in Butter angebraten, schmecken sie ganz okay, fast wie Fischstäbchen, nur mit leicht leberartigem Beigeschmack.

     Noch in derselben Saison, oder vielleicht in der darauf, nimmst du von den gefangenen Wildfischen zwei Stück für ein sogenanntes „zeremonielles“ Campingmahl mit, wobei du betonst, dass es sich nur um kleine Bachsaiblinge aus einem ohnehin zu fischreichen Gewässer handelt. Sie schmecken gut. Vorzüglich sogar.

     Du begreifst, dass du ab und an ein paar töten musst, denn bei allem Recherchieren, Pirschen, Überlisten und Bezwingen geht es am Ende immer um Tod und Töten. Du schnappst dir zwei (oder, wenn sie klein sind, drei), emotionslos, effizient, und wenn du überhaupt einen Kommentar dazu abgibst, dann so etwas wie: „Das ergibt ein schönes Fischgericht.“

     Trotzdem setzt du noch immer die meisten gefangenen Forellen zurück, selbst in Gewässern, wo das nicht vorgeschrieben ist, aber nicht länger, um Eindruck zu schinden, sondern nur noch, weil du das selbst so willst. Bei besonders großen und hübschen Exemplaren machst du auch ein Foto, mit Kodachrome-Film, damit die warmleuchtenden Farben besser rauskommen.

Der Fluss war der Henry’s Fork im Süden von Idaho, an einem Ort, den man mich höflich gebeten hat, nicht näher zu beschreiben. Ich will versuchen, mich daran zu halten. Nicht weit flussaufwärts von der Stelle, wo Archie (A. K.) Best und ich Zeugen wurden, wie eine 90-Zentimeter-Regenbogenforelle versuchte, eine Amsel zu verspeisen, die von einem überhängenden Ast aus Brown Drakes pickte. Ernsthaft. Die größte Forelle, die wir beide je gesehen hatten. Der Vogel schaffte gerade noch den Abflug.

     Inzwischen war ein Jahr vergangen, und auf der Jagd nach einem weiteren Schlupf an Brown Drakes, der allerdings nie stattfand, entdeckten wir wieder eine Riesenforelle, diese gute 60 Zentimeter lang (vielleicht auch länger, schwer zu sagen), die sich unglaublicherweise #18 Pale Morning Dun-Spinner einverleibte. Nur auf einem so insektenproduktionsstarken Fluss wie dem Henry’s Fork interessierte sich ein Fisch dieser Größe noch für kleine Eintagsfliegen. Es schien uns ein ganz großartiger Plan, eine solche Forelle mit der Trockenfliege zu fangen, vielleicht mit einem 0,15 Millimeter-Tippet. „Fangen“, genau. Wir hatten in keinster Weise besprochen, wie wir sie landen sollten, und hielten es wohl auch beide nicht ernsthaft für möglich. Und dennoch, bei der großen Wasseroberfläche, der langsamen Strömung und mit viel Backing … Das wäre schon was gewesen.

     Es war Anfang Juni. Die Pale Morning Duns waren voll dabei, gleichzeitig fielen die Spinner, und wann immer möglich, wechselten die Fische zu vereinzelten Exemplaren von Green Drakes. Ein paar Einheimische und Hotdog-Touris berichteten, sie würden „gerade eher faul beißen“. A. K. und ich fragten uns, was zum Kuckuck deren Problem war.

     Tagsüber fischten wir inmitten der Anderen, manchmal nahmen wir uns einen Nachmittag frei und kehrten zum Camp zurück, um dort abzuschalten, Kaffee zu schlürfen und ein paar Fliegen zu binden. Eines Tages waren wir an einem anderen Fluss unterwegs und fingen ein paar kleinere Regenbogenforellen und Bachsaiblinge fürs Mittagessen. Wie das am Henry’s Fork so üblich ist, überlegten wir, für einen Tag an den Madison oder den Teton zu fahren, vielleicht sogar zum Warm River, aber letztendlich ließen wir es sein. Wir waren nun einmal Henry’s Fork-Junkies auf einem längeren Trip, wie man das so kennt.

     Mit Einbruch der Nacht (naja, eigentlich eher am frühen Abend) fuhren wir meistens zu einer gewissen Abzweigung und liefen von da zu Fuß weiter zu einer gewissen Stelle, wo die unglaublich riesige Regenbogenforelle zum Spinnerfall hochkam, so regelmäßig, dass man quasi die Uhr danach stellen konnte. Wir hatten Rusty Spinner dabei, Cream Spinner, Spinner mit Dubbing und mit Quill, Spinner mit Polywings und Hacklewings und Clipped Hacklewings – und für später Michigan Chocolate-Spinner, die sich so scharf und dunkel gegen den Nachthimmel abzeichneten.

     Die Ruten, die wir verwendeten, hatten wir beide aus denselben Blanks gefertigt, uralte Wright & McGill Water Seal, neun Fuß lange 6er. Schwere Teile, dafür mit schöner parabolischer Aktion und viel Rückgrat, genau das, was man brauchte, um eine derart massive Forelle mit kleiner Fliege und leichtem Tippet zu landen. Darüber hatten wir gründlich nachgedacht.

     Fünf oder sechs Abende lang kamen wir regelmäßig dorthin und kehrten erst zum Camp zurück, als von den letzten paar Lagerfeuern nicht viel mehr als Glut übrig blieb. Es war schon zu spät, um selbst noch etwas zu starten, also saßen wir am Boden um unsere kalte Feuerstelle und genehmigten uns ein letztes Bier, bevor wir in die Federn krochen, wobei wir geheimnisvoll vor uns hinmunkelten, über Fische, Fliegen, Insekten, Vorfachdurchmesser, Knoten und den ersehnten Schlupf der Brown Drakes, von dem wir uns eine echte Chance auf die Superforelle erhofften. Wenn dieser Brummer (wahrscheinlich eher diese Brummerin, aber große Fische stellte ich mir irgendwie immer männlich vor) schon auf kleine Spinner so ansprang, würde er mit Sicherheit auf die riesigen #10 Drakes beißen. Die Insekten würden uns zu Hilfe kommen; wenn sie abends mit entsprechender Größe aufstiegen, dann könnten wir auch noch stärkere Vorfächer verwenden. In unserem Wahn versuchten wir sogar zu berechnen, wieviel Vorteil uns das, in Zahlen ausgedrückt, genau verschaffen würde. Es war Zeit. Jeden Abend konnte es jetzt soweit sein. Der Schlupf lag genau ein Jahr zurück.

     Unsere Kollegen im Camp ahnten wohl, dass wir große Pläne hatten – vielleicht fischtechnisch, vielleicht frauentechnisch –, doch obwohl sie ab und zu ein paar Andeutungen machten, bohrte niemand direkt nach. Nachtangler hatten einen Ruf als eigensinniges, eher verschlossenes Völkchen, am besten ließ man sie einfach in Ruhe.

     Wir warfen abwechselnd die Superforelle an; auch wer anfangen durfte, wechselte jeden Abend. Dabei wahrten wir stets den Sportsgeist, wünschten dem anderen absolut selbstlos Petri Heil – und während der sich am Fisch abarbeitete, platzte man selbst innerlich vor Neid. Eines Abends hielt ich es nicht mehr aus und fischte mit einer großen, beschwerten Brown Drake-Nymphe, später mit einem riesigen Streamer und  nullachtundzwanziger Vorfach. Nichts, nicht der kleinste Ruck. A. K. blieb pflichtbewusst bei der Trockenfliege.

     An einem anderen Abend steuerte ein McKenzie -Driftboot  mit Tourguide und zwei Hobbyanglern den Fluss hinunter. Der Guide kannte sich offenbar aus und wollte seine Kunden auf den Superfisch ansetzen, entweder, weil er ihnen tatsächlich die Herausforderung zutraute oder einfach, um sie zu beeindrucken. Er ruderte gerade in Richtung der bestgelegenen Drift, als er mich bemerkte, wie ich auf den Knien hockend auswarf, während A. K. neben mir im Schneidersitz abwartete, bis ich ihn wieder übernehmen ließ.

     Der Tourguide warf nur einen einzigen angesäuerten Blick auf uns, dann hob er die Hand zum unvermeidlichen Wir-sitzen-ja-doch-alle-im-selben-Boot-dann-mal-viel-Erfolg-noch-Gruß.

     Diese zwei Nulpen an der großen Forelle. Unglaublich!

     Im Laufe dieser Abende erwischte jeder von uns den Fisch genau einmal. Ohne große Umschweife, fast schon beiläufig, schüttelte er uns auch beide sogleich wieder ab, woraufhin wir unsere ursprünglich geschätzten Größenangaben so weit nach oben korrigierten, bis Zentimeter und Pfund absolut bedeutungslos wurden. Es war ein Fisch der kühnsten Träume, einer, den die einheimischen Tourguides mit zu ihren Sehenswürdigkeiten zählten.

     Man konnte hören, wie er durch die verschiedenen Etagen der Stille im Fluss hindurch auftauchte: „BLUBB!“ Er kam erst relativ spät zur Oberfläche, wenn der Spinnerfall schon weit vorangeschritten und die kleineren Fische bereits seit einer Weile zu Gange waren.

     Die „kleineren Fische“. Wir fingen auch davon ein paar, die beiden größten maßen knapp 50 beziehungsweise gut 55 Zentimeter. Ach ja, der menschliche Verstand – sucht ständig nach Vergleichen und macht dir so weis, eine 55-Zentimeter-Forelle wäre ein „kleiner Fisch“, wodurch du das eigentliche Ereignis kaum noch genießen kannst.

Die genaue Essenz einer Forelle zu erklären, ganz zu schweigen von ihrer außergewöhnlichen Bedeutung, ist nicht leicht, wenn dein Gegenüber nicht selbst mit der Fliegenrute danach fischt. Natürlich existieren wissenschaftliche Definitionen aus Biologie und Taxonomie, Fotografien, Zeichnungen und die lange Tradition des Fliegenfischens. Trotzdem scheint es für Nicht-Angler unbegreiflich, dass die Superforelle, obwohl sicher nicht alle Fische identisch sind, so ein Mythos bleibt. Und damit meine ich nicht nur sie, sondern all diese außergewöhnlichen Fische, die wir sehen und doch niemals fangen können, oder sogar nicht einmal sehen – und trotzdem glauben wir an sie. Eine große Forelle – noch so ein Konzept, das Nicht-Angler zu verstehen glauben, obwohl sie eigentlich keinen Schimmer haben.

     Die Größe einer Forelle ist immer relativ, egal wie sehr sich einige Menschen bemühen, das zu ändern. Ab und an hörst du Fliegenfischer sagen, eine Forelle sei nicht wirklich groß, solange sie unter 50 Zentimeter misst. Das halte ich für ausgemachten Jetset-Quatsch, obwohl ich zugebe, dass 50 Zentimeter eine gute runde Summe sind. Gewässergütekontrolleure weigern sich häufig, bestimmten Gewässern Goldmedaillle-Qualität (oder Blue Ribbon-Status oder wonach sie eben bewerten) zu bescheinigen, solange nicht nachgewiesen werden kann, dass dort mindestens x Prozent Forellen auf über y Zentimeter Körperlänge kommen. Angelzeitschriften sind voller Fotos von riesigen, tropfnassen Forellen, die jeder einzelne Leser mithilfe der im Artikel beschriebenen Technik locker auch selbst fangen könnte, ganz bestimmt.

     Dann gibt es noch die Fliegenfischer, die meinen, ihnen wäre die Größe einer Forelle egal. „Es geht um die Herausforderung“, sagen sie. „Die Wahl der Fliege, die Wurftechnik, die Strategie. Auch eine 30-Zentimeter-Forelle ist ein Fisch. Und dann natürlich die Landschaft und die zwitschernden Vögel und so.“ Das behaupte ich selbst auch oft, und wie die meisten von uns glaube ich sogar daran, verhalte mich regelmäßig dementsprechend und bin damit glücklich. Außer du erzählst mir, du weißt, wo die richtig dicken Brummer stehen, dafür würde ich dir bereitwillig meine Seele verkaufen.

     Fliegenfischen auf Forellen ist eine Tätigkeit, bei dem weniger das Fangen im Vordergrund steht, vielmehr die Interaktion mit den Fischen, und eben dass du – ab und zu – tatsächlich welche erwischst. Und was die Größe angeht: je größer, desto besser, ehrlich gesagt, obwohl natürlich der ganze Kram über Technik und Strategie und Vogelgezwitscher immerhin ein Trostpreis ist.

© Übersetzung: Ruth Alvermann & Vera Wolters


Das war es also, das erste übersetzte Kapitel aus John Gierachs Trout Bum. Wenn dir der Auszug gefällt und du gerne das ganze Buch lesen möchtest, klicke auf den orangen Button “Jetzt ansehen & unterstützen”. Mit einer Vorbestellung eines oder beider Bücher sicherst du die Vorfinanzierung der aufwendigen und kostenintensiven Übersetzung aus dem Englischen.

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Tankred Rinder
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