Beinahe zehn Jahre ist es her, als ich das nachfolgende Interview mit dem Nordengländer Paul Procter führte. Erstmals veröffentlich wurde es in ‘Nymphenfischen’ Geheimnisse entlarvt’. Bekannt ist Paul vor allem für seine Beiträge in Trout & Salmon und Flyfishing & Fly Tying, sowie seinem Engagement für den britischen Wild Trout Trust. Wer seine Beiträge kennt, wird das Bild eines Fliegenfischers vor Augen haben, der jedes Versteck am Ufer nutzt und sich klein bis unsichtbar zu machen. Der sich Zeit nimmt für Beobachtungen im Wissen, dass Fische früher oder später ihre Anwesenheit offenbaren. Und eines Fischers, der mit Genuss Insekten in all ihren Lebensstadien einsammelt, um der Beute genau das zu präsentieren, dass in ihr Schema passt. Es verwundert überhaupt nicht, dass Paul Procter zu den angesehensten Fliegenfischern in England zählt. Aus Cumbria nahe dem Lake District kommend, ist er prädestiniert ein Ding oder zwei über das Spider-Fischen zu erzählen. Ein schöner Abschluss wie ich finde, zur kurzen Serie über das Fliegenfischen mit North Country Spiders
Verzeih mir Paul, ich bin etwas verwirrt – North Country Spiders werden auch North Country Wets genannt – sind es nun Nassfliegen oder Nymphen?
Diese Frage taucht öfters auf und manche Leute halten North Country Wets für Emergers. Die Frage die wir uns stellen müssen ist, was repräsentieren sie eigentlich? Meiner Meinung nach sind sie deshalb so erfolgreich, weil Forellen in ihnen vieles erkennen. Spiders wirken wie sich abmühende Emergers, oder wie ertrunkene Insekten, hauptsächlich aus der Gruppe der Eintagsfliegen.
Werden sie aber mit etwas längeren Hecheln gebunden und fischt man sie mit einer gestreckten Schnur, legen sie im Wasser die Hecheln an den Haken an. Dann nehmen sie tatsächlich das Profil einer Nymphe an und täuschen ein aufsteigendes Insekt in der oberen Wassersäule vor. Jeder scheint diesbezüglich eine andere Sichtweise zu haben. Ich gehe davon aus, das Spiders eine Reihe an Insekten und unterschiedliche Lebenstadien imitieren.
Nachdem sie zweifelsohne Insekten imitieren, warum heißen sie dann Spiders?
Der Ursprung des Begriffs ist etwas unerforscht und ich habe darauf keine definitive Antwort. Darum nenne ich sie einfach “North Country Flies”. Wie Du wahrscheinlich weisst, nennen die Amerikaner diesen Fliegentyp ‘Soft Hackle Flies’. Diese Bezeichnung entstand viel später und dennoch trifft dieser Begriff ganz gut auf sie zu. Denn unsere Vorfahren verwendeten in erster Linie Hecheln des Federwilds. Diese sind viel weicher als Hecheln der Zuchthühner, mit denen heutzutage gebunden wird.
Nimmt man Spiders zur Hand, erscheinen diese klein und spärlich gebunden. Sind sie ein wenig dürftig?
Weniger ist mehr! Vielen Fliegenbindern, besonders Einsteigern, fehlt das Verständnis für spärlich gebundene Fliegen. Heuzutage geben viele Fliegenbinder auf der ganzen Welt vor, Spiders zu binden. In mancher Hinsicht wird dabei aber die Essenz dieser Muster verwässert. Der Erfolg von Spiders ist zu einem überwiegenden Teil, von ihrer beinahe durchsichtigen Erscheinung abhängig – ein Körper bestehend aus wenigen Windungen mit Gossamer Seide und hauchdünnem Dubbing.
Spiders dürftig und schütter zu binden, verleiht ihnen erst dieses durchscheinende Aussehen. Trägt man zu viel Bindematerial auf, wirken Spiders plötzlich dicht und klobig. Mir ist schon einige Male aufgefallen, dass Fliegenbinder Floss verwenden anstatt Gossamer Seide, was ein großer Fehler ist und von Unverständnis für die Essenz und den Charakter dieses Fliegentyps zeugt.
Also Ja, ich beobachte Einsteiger ins Fliegenbinden und andere, denen es an Gespür fehlt, für diese Art von Fliegen und wofür sie stehen. Lass es mich so ausdrücken: wir alle haben schon die Erfahrung gemacht, dass wir mit einer Fliege zu fangen beginnen. Nach mehreren Bissen auf ein und dieselbe Fliege schaut die Fliege zerlumpt aus – Hecheln sind ausgefallen, das Dubbing ist ausgefranst und beinahe nicht mehr vorhanden und übrig bleibt eine Fliege mit halb soviel Material wie anfangs. Der Fängigkeit der Fliege hat das aber keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, die Fliege fängt noch genau so gut, wenn nicht noch besser!
Spiders kommen mir auch sehr leicht vor – ohne Metallköpfe und Bleibeschwerung. Für welche Wassertiefen sind sie gedacht?
Sie sind dafür gedacht in den oberen Wasserschichten zu fischen und imitieren entweder Emergers, ertrunkene Subimagos, oder im Fall eines Schwarzen Spiders, Landinsekten. Idealerweise befinden sie sich wenige Zentimeter unter der Oberfläche. Fairerweise muss man sagen, dass in seiner ursprünglichsten Form Spiders flussauf auf der Suche nach steigenden Fischen eingesetzt werden. Hat man diese gesichtet, erlaubt natürlich ein stromauf gerichteter Wurf eine viel natürlichere Drift.
Anders als beim Nymphenfischen mit der tiefergeführten Fliege, wenn die Fliegenschnur beim Biss nach vorne gezogen wird, zeigt sich eine Verwirbelung unter der Oberfläche oder eine aufblitzenden Flanke, wenn auf die Fliege gebissen wurde. Wichtig ist somit die Verwendung eines leichten Hakens, damit die Fliege in dieser obersten Wasserschicht bleibt.
Wenn ich aber an ein Erlebnis in Slowenien zurückdenke, möchte ich mir aber nun widersprechen, falls es mir gestattet ist. Vor einigen Jahren fischte ich am Zusammenfluss der Soca und der Lepenjica. Wo die beiden Flüsse sich treffen, entstand ein Fallkolk mit gehöriger Tiefe. Einige Äschen und Forellen standen dicht am Grund und ich präsentierte eine Nymphe nach der anderen. Jedes meiner Muster wurde ohne ein Anzeichen von Interesse abgelehnt.
Wie auch immer ich zum Entschluss gelang, ein Bleischrot 50cm über dem Black Spider in Größe 16 anzubringen, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich warf weit über die Fische hinweg, sodas die Fliege bis in ihre Tiefe absinken konnte. Siehe da, ein Fisch nach dem anderen ließ sich vom tief geführten Spider überlisten. Dieses Erlebnis steht im absoluten Widerspruch zu allem was wir über das Spiderfischen wissen, macht zugleich aber deutlich, wie vielfältig dieser Fliegentyp erfolgreich eingesetzt werden kann.
Ist Spiderfischen nun eine long-lining oder short-lining Technik?
Ursprünglich ist es eine short-line Technik. Erlauben es die Umstände – z.B. Konditionen am Wasser, ein Schlupf und steigende Forellen – werfe ich mit Spiders Fische bei der Nahrungsaufnahme an, anstatt blind das Wasser zu befischen. Auf diese Art und Weise fischt dieser Muster am naturgetreuesten. Allerdings ist es kein alltägliches Erlebnis, ans Wasser zu gehen und steigende Fische anzutreffen.
Nicht selten erscheint der vor uns liegende Fluss beinahe tot und ohne Leben. Dann setze ich Spiders genauso gut als Suchmuster ein, anstatt ausschließlich flussauf mein Glück zu versuchen. Ich werfe im 45° Winkel schräg flussauf aus, mache ein bis zwei Mendings nach oben und lasse die Fliegen auf meine Höhe abtreiben. An der Stelle mache ich einen weiteren Mend, bevor ich die Fliegen flussab treiben lasse. Irgendwann wird die Strömung die Schnur straffen und die Fliegen in einem verführerischen Bogen ans eigene Ufer treiben und an die Oberfläche aufsteigen lassen.
Ich mag diese Technik, solange ich die Rute hoch halte, damit fast keine Fliegenschnur am Wasser aufliegt und somit die Fliegen nicht übertrieben beschleunigt werden und relativ natürlich fischen. Auf diese Weise überlässt man der Strömung die Arbeit, anstatt blind stromauf zu fischen und mühevoll während des Abtreibens die Schnur einzuholen. Entgegen jeder Tradition beim Spiderfischen, das in der Regel in stärkerer Strömung durchgeführt wird, greifen wir zur Winterzeit an großen, breiten Flüssen wie dem River Eden oder River Annan, ebenfalls auf diese Technik zurück.
Zu dieser Jahreszeit steigen die Pegel an und die Fließgeschwindigkeit geht zurück und es bilden sich Pools von zweihundert Meter Länge und mehr. Die fehlende Strömung ließ uns folgende Technik ausdenken. Man wirft einigermaßen weit in den Pool und legt ein oder zwei flussab gerichtete Mends in die Schnur. Durch den Druck auf die Schnur wird den Spiders etwas Leben eingehaucht. Zugegeben, diese Methode geht gegen alle Überlieferungen die uns vom Spiderfischen bekannt sind und adaptiert erfolgreich die Technik die auch Lachsfischer anwenden, um methodisch soviel Wasser wie möglich zu befischen. Wenn wenig Fischaktivität auszumachen ist, hat dieser Ansatz bei der winterlichen Äschenfischerei, schöne Erfolge erzielt.
Im deutschsprachigen Raum ist es meist nicht erlaubt mit mehr als einer Fliege zu fischen. Würden Spiders trotzdem funktionieren?
Ja natürlich und nicht selten fische ich nur mit einem Spider, anstatt mit dem üblichen Team aus drei Fliegen. Als ich vor einigen Jahren mit dem Schweden Johan Klingberg einen Film am River Wharfe in Yorkshire drehte, trafen wir auf kleine Grüppchen an steigenden Fischen, die wirklich ausschließlich an der Oberfläche Nahrung aufnahmen. Kurz gesagt: wie immer begannen wir mir drei Spiders, reduzierten bald auf zwei und landeten schließlich bei einem einzigen Stewart Style Spider, bevor wir Erfolg verzeichnen konnten. Dieser Ansatz bricht zwar mit der Tradition, aber warum sollte man Grenzen nicht ausloten?

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