Ein Kennenlernen mit Charles Rangeley-Wilson: Mr. Wild Trout

© Charles Rangeley-Wilson

Verzerrte Wahrnehmungen (perception bias), also die Tendenz Menschen und Ereignisse subjektiv zu beurteilen, fliegen uns gegenwärtig links und rechts mit gewaltiger Emotionalität und Irrationalität um die Ohren. Von diesen fehlerhaften Neigungen bei Wahrnehmungen, Erinnerungen, Denken und Urteilen – aktuelle Beispiele: Mexikaner sind Vergewaltiger, Ostdeutsche Nazis, Ausländer plündern die Sozialkassen, Schwule feminin, Lesben unbefriedigte Frauen, die etablierte Presse lügt, früher war alles besser u.v.m. – bin ich auch nicht frei. Ich z.B. kann mich nicht gegen die Empfindung wehren, dass Fliegenfischer in England ihre Leidenschaft ganzheitlicher verfolgen als hierzulande.

Ich mag damit komplett danebenliegen, dass gestehe ich vorbehaltlos ein. Die Filterblase in der ich mich bewege und mein Bias verschleiert möglicherweise meine Wahrnehmung von ebenbürtigen Persönlichkeiten und Graswurzelbewegungen im deutschsprachigen Raum. Wer den Drang verspürt mein Wissensdefizit diesbezüglich auszugleichen, möge bitte meinen Blick in die passende Richtung lenken. Und wer sich denkt “…ja mach doch selbst!”, dem möchte ich entgegenhalten, dass ich mit der Gründung des unabhängigen Forelle & Äsche Verlags meine eigenen kleinen Schritte in Richtung nachhaltiger Entwicklung unserer gemeinsamen Leidenschaft setze.

©  Charles Rangeley-Wilson: Fliegenfischer, Naturschützer, Journalist, Autor, Fotograf

Ein Mensch dessen Arbeit für das Wohl von Fischen und der Natur und dessen Beitrag für die Wissensbildung und die Unterhaltung von Fliegenfischern ich seit Jahren verfolge, ist Charles Rangeley-Wilson. Ein in Afrika geborener Brite, der im Alter von zehn Jahren nach England zog. Nach einem Abschluss in Grafik und Bildender Kunst an der Oxford University, unterrichtete er die folgenden zehn Jahre Kunst. Aus seiner großen Leidenschaft für das Fliegenfischen engagierte er sich für den Umweltschutz und war 1997 Gründungsmitglied des englischen Wild Trout Trust, für den er als Vorsitzender tätig war. 

Der Wild Trout Trust ist eine mitglieder- und spendenfinanzierte Naturschutzorganisation die sich für Habitatverbesserungen an britischen und irischen Gewässern einsetzt. Die Organisation hat in der Zwischenzeit ein Dutzend, über beide Länder verteilte, im Home Office beschäftigte festangestellte Mitarbeiter. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf 2.500. Und wie der Name der Organisation verrät, bemüht man sich um die Erhaltung von Gewässern eines Zielfisches – der Forelle – der für die meisten Fliegenfischer noch immer die größte Relevanz besitzt. 

Mir ist bewusst, dass Wanderfische ohne Grenzen – NASF Deutschland e.V. und ARGEFA ganz wichtige Arbeit leisten zur Durchwanderbarkeit von Flüssen und zur Förderung einer nachhaltigen Fischerei im deutschsprachigen Raum. Was mir am öffentlichen Auftritt der beiden Organisationen im Vergleich zum Wild Trout Trust etwas fehlt, ist die Nähe zu den Akteuren die von Verschlechterungen am Habitat der Bachforelle am meisten betroffen sind: ortsansässige Fliegenfischer.

Vielleicht sind die Briten etwas mediengeschulter und ihre Aktionen werden wirksamer in die Öffentlichkeit getragen. Vielleicht haben sie aber auch verstanden, dass um nachhaltige Veränderung durchzuführen, Interessensvertreter vor Ort die von den Problemen am stärksten betroffen sind, am meisten zur Veränderung und Verbesserung beitragen. Geschulte Naturschützer des Wild Trout Trust werden Angelvereinen für Beratung und Workshops bei der praktischen Umsetzung von Renaturierungen bereitgestellt. Hilfe bei Förderanträgen für Renaturierungsprojekte wird ebenso angeboten, wie Ratgeber in Form von CDs, PDFs und Büchern für Genehmigungen und nicht zuletzt die mühevolle, praktische Umsetzung vor Ort. An interessierten Grundschulen werden im Rahmen des Biologieunterrichts Insekten und Fische großgezogen. „Gib einem Kind eine Maifliege…“

Man kann sich kräftig auf die Schultern klopfen, im Wissen an der Gründung einer Organisation dieser Art beteiligt gewesen zu sein. Charles Rangeley-Wilson fühlt sich aber zu weiterem berufen. Zu den ‘Künsten’ fühlt er sich mindestens genauso stark hingezogen, wie zum Fliegenfischen und dem Umweltschutz. Von sich selbst sagt er: 

“Ich begeistere mich für Flüsse, das Meer, Fische und alle Dinge die mit Fischen zu tun haben: Natur, (Kunst)- Geschichte, Landschaften. Weil all diese Dinge sich mit Fliegenfischen – dem besten Zeitvertreib der jemals entdeckt wurde – bündeln lassen, schreibe ich über Flüsse und das Angeln.”

Somit beschloß er nach mehrjähriger intensiver Tätigkeit für den Wild Trout Trust, der sich auch dank seines Engagements zu einer Organisation auf Augenhöhe mit dem amerikanischen Trout Unlimited entwickelte, sich voll und ganz dem Schreiben zu widmen. Der Lehrerberuf wurde an den Nagel gehängt und seine Rolle als Vorsitzender bei WWT wurde abgegeben. Der Organisation bleibt er weiterhin als Vizepräsident angehörig. 

© Charles Rangeley-Wilson

In den Fokus seiner beruflichen Tätigkeit rückte damals das Schreiben – erst das journalistische, dann das literarische. Für das seit 1853 bestehende englische Feldsport Magazin ‘The Field’ schreibt er seit damals über Reisen, Kultur und all die anderen Werte und Tugenden des Fliegenfischens. Eine beneidenswerte Position wie ich finde. Denn zählt ‘The Field’ doch zu jenen Zeitschriften, deren Budget es zuläßt, seine Autoren und Autorinnen für eine gute Story irgendwo hinzuschicken. So kann Charles Rangeley-Wilson im Auftrag seines Arbeitgebers rund um die Welt reisen, um mit Erzählungen und Berichten von seinen Abenteuern die Leser in ihrer Fantasie ans Wasser zu entführen. 

Es sind Geschichten über faszinierende Menschen in beeindruckenden Landschaften – Kroatien, Frankreich, Schottland, Kanada, Australien, Südafrika, Bhutan – denen auf der Suche nach dem Glück am gestreckten Vorfach, Abenteuerliches, Bizarres oder Enttäuschendes widerfährt. Der Blick auf die Möglichkeiten vor der eigenen Haustüre wird dabei nie vergessen und seine Heimat Norfolk findet sich ebenso in seinen Erzählungen wie das südenglische Dorset. Denn auf ‚ferne Welten‘ trifft man fünf Minuten vor der Haustüre ebenso wie in 5.000 Kilometer Entfernung – findet er.

© Charles Rangeley-Wilson

Zugespitzte Dialoge, ein scharfer Blick fürs Verborgene und trockener Humor, zeichnen das Werk von Charles Rangeley-Wilson aus. An der BBC gingen diese Qualitäten nicht vorbei. Eine seiner zwei Kurzgeschichtensammlungen wurde zur Serie verfilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Eine Dokumentation von ihm über Japan, Fisch und die Obsession seiner Bewohner mit diesen Tieren, erhielt viel Lob aus Kreisen die sich bislang der Fischwelt gegenüber ignorant erwiesen. 

Mit ähnlicher Besessenheit nähert sich Charles Rangeley-Wilson peripheren Themen des Angelsports und Fliegenfischen, wenn er sich z.B. auf die Suche nach ‘verschwundenen’ Flüssen macht. Die in historischen Karten deutlich sichtbar sind und durch Urbanisierung unter Straßen in Kanälen verschwanden, oder durch Agrarisierung in ein enges kurvenfreies Korsett gezwungen wurden. Oder wenn er die Beziehung der Briten zu Fischen ergründet, die maßgeblich zu Ernährung, Wohlstand und Vergnügen beitrugen.

© Charles Rangeley-Wilson

Mich würde es begeistern, auch hierzulande Schreiber und Autoren kennenzulernen, die es mit ähnlicher Eleganz und Verve schaffen, Nischenthemen wie das Fliegenfischen und naturalistische Inhalte wie die Beziehung von Menschen zu Landschaften, Flüssen und Fischen in literarischer Form aufzubereiten. Bis das soweit ist – hörst Du meinen Hilferuf – muss ich wohl ganz ohne Bias behaupten: anderswo macht man das besser!

Bibliografie: Charles Rangeley-Wilson

  • Somewhere Else, Yellow Jersey Press, 2004. A collection of fly fishing travel stories
  • The Accidental Angler, Yellow Jersey Press, 2006. Fly fishing, travel and culture
  • The Accidental Angler, 4 x 60 mins, BBC2 2006. The series combines travel and culture with fishing adventures in India, Bhutan, Brazil and London.
  • Chalk-Stream, The Medlar Press, 2006. An anthology of prose and poetry in praise of the English chalk-stream, edited by Rangeley-Wilson.
  • Fish! A Japanese Obsession, 1 x 90 mins, Keo Films 2009. The author’s attempt to understand the notoriously impenetrable Japanese culture and mindset through a shared passion for fish and fishing.
  • Silt Road The Story of a Lost River, Chatto and Windus, 2013.
  • Silver Shoals: Five Fish That Made Britain, Chatto and Windus, 2018.

© Charles Rangeley-Wilson

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