Fliegenfischen im grünen Bereich – die Wiesent

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Sehe ich beim Schreiben dieser Zeilen zum Fenster hinaus – dichte Wolkendecke, die Bäume und das Laub von einer feuchttrüben Hülle umwickelt – kann ich es kaum glauben, dass diese Aufnahme von vor exakt drei Jahren stammt. Es war ein Prachtherbst an jenem Allerheiligenwochenende, an dem die Sonne sich nicht ihrer Rolle im Eingedenken an die Toten gesinnte. Lebensbejahend tauchte diese die fränkische Schweiz in ein sinnliches Kleid. Blau der Himmel – das Gelb, Rot, Ocker des Laubs wog sich in der leichten Brise. Und die Forellen? Kannten kein Halten! Wärmten ihre Körper an der Oberfläche und schlürften beständig, die noch einmal hektisch schlüpfenden Large Dark Olives von der Wasseroberfläche.

Der Besuch der fränkischen Wiesent war mein erster Besuch eines süddeutschen Gewässers. Wovon ich mich leiten liess bei der Wahl dieses Flusses, blieb mir anfangs verborgen? Suchte ich das Vertraute, das Bekannte? Unbestritten stand die Wiesent als einer der wenigen Kreideflüsse Deutschlands, bereits seit dem 19. Jahrhundert hoch in der Gunst britischer Fliegenfischer. Rief sie doch Erinnerungen an die in der Heimat gelegenen Itchen oder Test hervor. Sanft und gemächlich mäandert die Wiesent wie jene, auf einer Länge von 78km durch zarte Wiesenlandschaften, zwischen Bayreuth und Bamberg gelegen.

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Anders als die glasklar fliessende englische Verwandtschaft, treibt die Wiesent milchig grün vor sich hin. Feinstes Schwebmaterial des porösen Kalkbodens gibt der Wiesent die charakteristische Trübung, die auf den ersten Blick leichte Verwirrung stiftet. Unbegründet ist jedoch diese Sorge und die Wiesent ist das ganze Jahr über berühmt für die Bereitschaft ihrer Fische, besonders gerne oberflächennahe Nahrung zu sich zu nehmen. Die Bestandsdichte an Bachforellen und Äschen ist hoch und die Biomasse an aquatischen Insekten, die den Fischen einen reich gedeckten Tisch beschert sucht ihresgleichen.

Weiters unterscheidet sich die Wiesent von ihren englischen Geschwister Gewässern durch ihr ausgegrabenes Flussbett, durch das der Fluss über weite Strecken in 3-4 Metern Tiefe fliesst. Die Ufer fallen steil ab und die Wiesent ist zumeist unbewatbar. Mir macht das gar nichts und es bereitet sehr viel Freude, die Wathose zu Hause zu lassen, in Gummistiefeln durch die Wiese zu streifen und den selten mehr als fünfzehn Meter breiten Fluss, auf diese Art und Weise zu befischen. Die Fischerei erhält dadurch eine besonders entspannte Note.

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Die Wiesent geniesst seit hundertfünfzig Jahren einen besondere Stellung unter Fliegenfischern. Legenden von Maifliegenschlüpfen apokalyptischen Ausmasses, tragen das ihre dazu bei, dem Gewässer einen Ruf voraus eilen zu lassen, wie er nur wenigen Flüssen zu Teil wird. Die Bewohner der fränkischen Schweiz sind sich des Reizes der Region und der Anziehung des Flusses auf heimische als auch fremde Fliegenfischer bewusst. Somit wird die Wiesent in zum Teil sehr kleinen Abschnitten von privater als auch gewerblicher Hand gepachtet. An Tagestickets zu kommen ist absolut kein Problem – vorausgesetzt man bringt sich in einem der vielen Hotels/ Pensionen mit Fischereirecht und Tageskartenausgabe unter. Einfach so mal vorbei schauen und sein Glück versuchen eine Tageskarte zu erhalten, kann durchaus frustrierend sein. Insbesondere gegen Ende der Saison, wenn das jährliche Kontingent an Tagestickets bereits vergeben wurde.

An jenem Herbstwochenende beschlossen mein Freund Tobias und ich, uns in Muggendorf im Hotel Eberhard einzuquartieren. Warum die Wahl genau auf diese Einrichtung fiel, kann ich nicht mehr nach vollziehen. War es der anmutig klingende Name der Besitzerin – Adele Würffel – oder die im Netz verbreiteten Mutmaßungen über die in der Stadtstrecke beheimatete Größe von Forelle & Äsche. Uns war nach Fischerei abseits der breit getrampelten Pfade zumute. Wir wollten eine Unterkunft, deren Strecke unmittelbar an das Gebäude angrenzt. Wir wollten fischen, essen, trinken, schlafen und sonst nichts. Du meine Güte, sollte unser Wunsch in Erfüllung gehen.

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Die Qualität eines Fischereiausflugs macht sich für mich in der Regel, an mehr als den unmittelbaren Erlebnissen am Wasser fest. Und bei weitem mehr als ausgezeichnete Fischerei wurde uns an der Wiesent in Muggendorf geboten. Der Aufenthalt in der Pension Eberhard war an Skurrillität schwer zu überbieten.

Adele Würffel ist eine zart gebaute, jedoch äusserst resolute Persönlichkeit alter Schule, geprägt von einem Bild der Fliegenfischerei das von Doktoren, Ärzten, Gelehrten ausgeübt wird. Die Unterkunft mit den geschätzten zehn bis fünfzehn Zimmern und die deftige, bodenständige Küche betreibt sie im Alleingang. Uns punkig und in ihren Augen vielleicht daher gelaufen wirkenden Charakteren, begegnete sie freundlich doch mit einer Portion Misstrauen. Wer weiss schon, mit wem man es so zu tun hat. Egal ob Fliegenrute in der Hand oder nicht.

Außer uns beiden war am Tag unserer Anreise kein anderer Gast auszumachen. Abgesehen vom einen Stammgast, einer in Ruhestand befindlichen promovierten Fachkraft aus dem Ruhrgebiet – so habe ich es zumindest in Erinnerung – der ein Dauerquartier im Haus von Frau Würffel bezogen zu haben schien. Die stilistisch für die Region sicherlich nicht aus der Reihe fallenden Fremdenzimmer – blitzblank sauber wenn auch etwas rustikal – wurden uns gezeigt, die Schlüssel für das Zimmer das wir uns teilten wurden überreicht und eine Einweisung in die Hausordnung wurde uns gegeben. Vollpension: Frühstück von 7:00-8:30, Mittagessen von 12:30-13:30, Abendessen von 18:00-19:00. Nichterscheinen ausgeschlossen, verstanden? Jawoll! Wie gesagt, Frau Würffel ist resolut und durchsetzungsfähig. Auch wenn diese fragil wirkende Persönlichkeit, diesen Schluss nicht aufdrängt.

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Ok, die Sachen im schlichten Zimmer abgeworfen, Getackle gepackt und nichts wie an die Wiesent, hundert Meter unter der Pension gelegen. Vier Übernachtungen bei Adele Würffel, bedeuten vier Tage für die Fischerei. Nonsens Vorgaben wie man sie häufig in anderen Orten und Raststätten antrifft – kein Fischen am Tag der An-/ Abreise – kennt man in diesem Etablissement nicht. Dafür nehme ich persönlich gerne die etwas rigidere und strenger durchtaktete Tagesgestaltung in Kauf.

Zurück vom ersten paarstündigen Kurzausflug, hätte sich die Frage nach unseren Zimmerschlüsseln erübrigt. Denn die hingen am Kleiderhaken vor dem Zimmer. Auf Vertrauen und Bekanntheit wird Wert gelegt im Hotel Eberhard. Selbstredend, dass Tobias und ich von nun an unser Zimmer nicht mehr verschlossen, wenn wir das Haus verließen. Was gäbe es auch zurück zu lassen an Wertgegenständen. Handy, Portemonnaies, Rute & Rolle sind am Mann. Kurz danach in der Gaststube Platz genommen, wird ein deftiges und reichhaltiges Abendessen aufgetischt. Zuschlagen bis zum Umfallen ist empfohlen, denn ab 21:30 herrscht Nachtruhe – oder zumindest was man dafür halten könnte. Licht aus im Hause Eberhard.

Beim Getapse durch das verdunkelte Haus, um noch eine Zigarette auf der Terrasse zu rauchen, werden wir von Adele Würffel überrascht und nach unserem Weg gefragt? Keine Sorge die Dame, weder in Ihre Küche noch Ihre Schlafstätte – bloß ins Freie um die Fremdenzimmer nicht zu verpesten. Aus einer Zigarette werden zwei, drei vielleicht auch vier. Der uns gezeigte Kasten Bier stand zu verlockend nahe. Der Weg zurück ins Zimmer verläuft erneut im Dunkeln – verdammt wo sah ich noch den Lichtschalter.

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Rares flaches Ufer an der Wiesent – 100m unter dem Hotel Eberhardt

Am nächsten Morgen, der andere Gast in der Ecke uns gegenüber, werden wir beim Servieren des Frühstücks von Fr. Würffel an die Tugenden eines rauchfreien Lebens erinnert. Längerer und gesünderer Schlaf vor allem. Verstanden, wie war das noch einmal mit dem Mittagessen? Pünktlich oder? Und so gingen die wenigen Tage dahin unter dem Regieplan des Hauses Eberhard. Und wir? Nun ja, wir wollten fischen, essen, trinken, schlafen und sonst nichts. Beinahe, denn einmal entschlossen wir uns in das gegenüber liegende Hotel zu gehen, um etwas anderes zu sehen. Keine Frage, dass wir uns bei Fr. Würffel abmeldeten – Haustürschlüssel gab es nicht für uns. Bei der Rückkehr wurden wir freundlich darauf hingewiesen, dass wir fünfzehn Minuten später dran sein als vereinbart. Ich fühlte ich mich an den Militärdienst erinnert.

Nun wird sich der eine oder andere fragen, warum wir uns diese fehlende Kundenorientierung zumuteten. Wie gesagt, wir fanden das Erlebnis skurril, versetzt in eine andere Welt und trotz der vielen Kanten – einfach charmant. Die anfängliche Distanz verkürzte sich von Tag zu Tag. Mit etwas Feingefühl, wurde es möglich das warme Abendessen durch eine kalte Brotzeit zu ersetzen und zu konsumieren wann wir wollten. Fr. Würffel zeigte uns stolz den riesigen Schaukasten alter Bavaria Fliegen – ich konnte es mir nicht entgehen lassen einige Stück der legendären ‚Apotheker‘ Fliege zu kaufen. Wir skeptisch beäugelten Typen, wurden am letzten Tag unseres Aufenthalts an den in der Zwischenzeit auf fünf Gäste angewachsenen Stammtisch gebeten und von den anderen Fischerkollegen mit Schnäpsen zur Verbrüderung eingeladen. Wir waren somit in die Runde aufgenommen – die sichere Zusage eines der wenigen Zimmer zur angeblich spektakulären Maifliegenzeit steht jedoch noch aus.

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Der Futterneid – seltene Doublette am Nymphentandem

Der Aufenthalt in jenem speziellen Haus ist sicherlich nicht jedem zu empfehlen. Mangelnde Bereitschaft die Eigenheiten der Besitzerin zu akzeptieren und sich in den wenigen Tagen des Aufenthalts innerhalb dieser Besonderheiten zu arrangieren, führt sicherlich zu Verdruß. Mir sind fliegenfischende Gäste bekannt, die der Unterkunft verwiesen wurden. Zum Trost sei jedoch gesagt, dass es an der Wiesent unzählige Hotels & Pensionen mit eigenen Strecken gibt. Eine mir bekannte Liste befindet sich im Anhang an diesen Beitrag.

Die Fischerei an diesen warmen Herbsttagen verlief prächtig. Einzig die Äschen ließen sich nicht blicken. Wahrscheinlich hätte ich die beschwerte Nymphe noch weiter hinunter auf Tiefgang befördern müssen. Keine ganz so einfache Aufgabe, bei der zügig dahin fliessenden Wiesent. Die natürlich als Gewässer auch damit punktet, dass zu einem Zeitpunkt an dem andere Gewässer dem Gastkarten Fischer den Zugang völlig verwehren, man als Gastangler willkommen ist. Tickets sind bis Ende November erhältlich. Waten ist aufgrund der steilen Ufer und den Tiefen des Flusses hinfällig. Mögliche Laichplätze der Forellen werden somit nicht unbeabsichtigt gefährdet. Laichbereite Forellen haben sich zu dem Zeitpunkt längst in die zufliessenden Bäche begeben, um sich der Fortpflanzung zu widmen. Die zurückbleibenden sind noch nicht daran beteiligt, vielleicht sogar desinteressiert – Stichwort triploide Besatzfische.

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Der Wiedereinstieg ins Fliegenfischen nach fünfzehn Jahren – hooked ever since!

Nicht jeder teilt meine positive Haltung zur Wiesent und der Fluss gerät von vielen Seiten auch ins Kreuzfeuer der Kritik. Da ist die Rede von Mainstream-Forellentouristen, Besatzung mit beißwilligen, entnahmegroßen Forellen, Satzfischgeschäft, Missachtung fischereirechtlicher Vorgaben, dröhnender Ausflugsverkehr, grenzwertige Kanutendichte, Überfischung, Sedimentierung, Eutrophierung und vieles mehr.

Somit lohnt es sich vor einem Ausflug die begeisterten Wiesent Beiträge von Finest Flyfishing oder Fliegenfischen CH, der kritischen Berichterstattung aus Der Fliegenfischer oder der Fliegenfischerschule Ruhrgebiet gegenüber zu stellen, um sich selbst ein Bild zu verschaffen, ob die Wiesent Fischerei den persönlichen Geschmack trifft. Für mich gehört ein Ausflug an die Wiesent zur Maifliegenzeit, ganz bestimmt zu den bislang unerfüllten Wünschen, denen ich im kommenden Jahr nachgehen möchte.

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Zeitschleife – charmante Ansichtskarte aus dem Hotel Eberhardt

Tageskarten:

Markt Wiesenttal (Muggendorf-Streitberg) – 3000 m / 18 m (Länge/ Breite)
Hotel „Eberhardt“
Muggendorf – Bayreuther Str. 2
Tel. 09196/230
Nur für Hausgäste

Markt Wiesenttal (Muggendorf-Streitberg) – 2500 m / 18
Hotel Goldner Stern
Marktplatz 6
91346 Muggendorf
Telefon: 0 91 96 – 92 98 0.
Für Hausgäste, sonst a. Anfr.

Markt Wiesenttal (Muggendorf-Streitberg) – 2200 m
Gebhardt Marianne
Streitberg – Weingarten 3
Tel. 09196/1292
Nur für Hausgäste

Waischenfeld – 1800m/15m. Sägemühle Wehrl bis Freistein
Stadt Waischenfeld – Hammermühle
Karten – Fliegenfischerschule: Herr Hermann (0171/6710374)
für alle Gäste der Stadt, auch Tagesgäste von außerhalb Tourist-Info 09202/960117

Waischenfeld – 500m/16m Eigene Strecke – Freistein bis Hammermühle
  „Hammermühle“,
Fliegenfischerschule und Pension OT Hammermühle, Tel.: +49 9202/252,
Tageskarten nur für Hausgäste und Kursteilnehmer

Waischenfeld -1500/16m  Nankendorfer Mühle bis Sägemühle Wehrl
Fliegenfischerschule „Fränkische Schweiz“

Waischenfeld – 1300m/15m. Eigene Strecke bei der Pulvermühle
Hotel „Zur Post“
Marktplatz 8
Tel.: +49 9202/750
Nur für Hausgäste

Waischenfeld – 1500m/16m Wehrlstrecke
Gasthaus „Sonne“
Hauptstrasse 4
Tel.: +49 9202/818
Nur für Hausgäste

Waischenfeld – ca. 800m/15m Eigene Strecke unterhalb Hammermühle
Pension Rudrof
Zeubacher Strasse 38
Tel.: +49 9202/468
Nur für Hausgäste

Waischenfeld – 1500m/16m Wehrlstrecke
Ferienwohnung Familie Keller
Zeubacher Strasse 17
Tel.: +49 9202/483
Nur für Hausgäste

Waischenfeld – 1800m/15m Stadtstrecke
Ferienwohnung Herbert Schrüfer
OT Heroldsberg Tal 14
9134 Waischenfeld
Tel.: 09202/395

Ebermannstadt – 800 m / 12 m
Landgasthof Bieger
OT Rothenbühl 3
Tel. 09194-9534
Nur für Hausgäste

Gößweinstein – 600 m /12 m
Gasthof zur Behringersmühle
OT Behringersmühle 8
Tel. 09242/205
Nur für Hausgäste

Hollfeld – 1700 m /8 m
Gasthof „Schrenker“
Spitalplatz 2
Tel. 09274/201
Nur für Hausgäste

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Comments

  1. Hallo Tankred,
    mit großem Vergnügen habe ich Deinen Artikel über die Wiesent und speziell über Frau Würfel gelesen. Dabei stiegen Erinnerungen hoch, nachzulesen auf meiner Seite My Passion Flyfishing Wer mag, kann ja mal reinschaun!
    Gruß Volker

    • Hallo Volker,

      danke für den Link den Du hier eingestellt hast und den ich ergänzt habe um direkt auf Deinen herrlichen Artikel zu stoßen. Auch ich kam gehörig ins Schmunzeln bei Deinen Beschreibungen. Es ist nach wie vor zutreffend, dass um die Kaffezeit Fliegenfischer von nah und fern eintreffen. Zum einen um sich mit den Stammgästen zu unterhalten, zum anderen um zu sehen wer jetzt schon wieder die heiligen Ufer beschreitet.
      Letzendlich jedoch, wurden wir jungen Spunte akzeptiert und die Bekannschaft wurde mit Schnäpsen der Region – vielleicht aus dem Hause Wunders – begossen. Herzlichen Dank für Deinen sehr lesenswerten, humoristischen Beitrag. Allen Lesern empfehle ich den Besuch von My Passion Flyfishing wärmstens.
      Viele Grüße, Tankred

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