Fliegenfischen bei Niedrigwasser – schwierig, doch lohnt sich

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© Matt Eastham

Man kann von Glück sprechen, dass während dieser Saison, die Wasserstände bislang aufgrund des feuchten Frühjahrs und Sommers, sich in vielen Flüssen unserer Breiten relativ konstant gehalten haben. Und trotzdem lässt sich am einen oder anderen, von mir befischten Fluss erkennen, dass der Pegel sich um 20cm oder mehr unter seinem Normalstand befindet. Konditionen die vielen von Euch aus der herbstlichen Fischerei bekannt sein werden. Mit welcher Taktik man sich Flüssen nähert, deren Wasserstand weit unterhalb des Normalpegels liegen, verrät uns Matt Eastham.

Fliegenfischen bei Niedrigwasser

Nach einigen Wochen ohne signifikanten Niederschlägen, fallen die Wasserstände unserer Flüsse of erkennbar ab. Ein rascher Blick auf Webseiten mit hydrologischen Rohdaten zu betreffenden Gewässern lässt uns erkennen, dass die einst unter anderem von Regenwasser gespeisten stolzen Flüsse, auf das Niveau eines Rinnsals geschrumpft sind, die über kraut- und moosbedeckte Steine tröpfeln.

Nicht dass ich mich beklagen möchte. Ich fische gerne an sommerlichen und herbstlichen Flüssen, wenn sie Niedrigwasser führen. Keine Frage, die Fischerei ist dann sehr herausfordernd und die Notwendigkeit, sich schleichend den Fischen zu nähern, sowie unauffällig Schnur und Fliege zu präsentieren, wird zur höchsten Priorität. Dennoch bin ich der Meinung, dass es wenige bessere Gelegenheiten gibt, bewusst wirklich große Fische zu überlisten. Niedrigwassersituationen ziehen es nach sich, dass futteraufnehmende Fische sich in kleineren Gebieten konzentrieren. Das Ausmachen dieser aktiven Fische wird somit leichter, als es oft zu anderen Zeiten der Fall sein kann. Man kann z.B. einzelne große Fische dabei beobachten, wie sie regelmäßig an Poolausläufen steigen.

Andererseits habe ich es schon oft gesehen, wie sie ihre Nasen im geschmeidigen Wasser, dicht an den Pooleinlauf drängen. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, wenn große Bachforellen zur Futteraufnahme an Plätzen Stellung beziehen, die viel zu seicht und exponiert erscheinen, um einer wilden, scheuen, nervösen Kreatur, Sicherheit zu versprechen. Aber sie tun es… und auf seltsame Art und Weise wird dieses Phänomen augenscheinlich, wenn die Flüsse Pegel unter dem gewöhnlichen sommerlichen Wasserstand erreichen.

Fische die unter diesen Umständen Nahrung zu sich nehmen, stellen die größte Herausforderung dar, die unsere Leidenschaft zu bieten hat. Sich an eine große, wilde Bachforelle anzuschleichen, die sichtlich beunruhigt, Fliegen von der Oberfläche in gerade mal Zentimeter tiefem Wasser schlürft, bedarf seitens des Fliegenfischers Geduld, Deckung und ein eiskaltes Nervenkostüm. Beherrschung der Technik hilft auch (verdammt!). Und während einige unsere Zunftbrüder und -schwestern über dieses hohe Maß an Können verfügen, brauchen die meisten von uns auch eine gehörige Portion Glück. Untenstehend habe ich einige Tipps zusammengefasst, die ich über die Jahre sammeln konnte. Ich hoffe sie sind Euch nützlich. Sie haben mir, diesem eindeutig durchschnittlichen Wedeler mit der Schnur, einige klasse Fische ins Netz gebracht. Scheinbar lohnt es sich sie aufzuzählen.

1. Nahe genug ran kommen – die Wichtigkeit der Tarnung
Es ist und bleibt eine frustrierende Tatsache, dass die größten Forellen meistens dort Stellung beziehen, wo sie vom Angler nicht leicht erreicht werden können. Wäre es nicht großartig, wenn sich Fische immer im flotten, hüfttiefen, leicht von hinten erreichbaren Wasser aufhalten, wenn sie mit Bravour schlüpfende Eintagsfliegen attackieren? Abgesehen von seltenen Momenten zu Anfang der Saison, trifft diese Situation nicht oft ein. Meistens ist die angepeilte Lockente launisch und sofort bereit, in einer großen Bugwelle stromauf zu flüchten, sobald wir auf einen kleine Zweig treten. Na gut – etwas übertrieben, aber ich denke Ihr wisst was ich meine.

Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie nahe wir an Fische rankommen, wenn wir uns ihnen leise nähern. Darin liegt für mich der Schlüssel zum Erfolg. Kommen wir nahe genug ran, erhöht sich die Chance einer vernünftigen Präsentation und das Erfolgspendel neigt sich sanft in unsere Richtung. Wie nahe, nahe genug ist, hängt von unterschiedlichsten Variablen ab. Nur die Erfahrung lehrt uns, wo die Grenze abgesteckt ist und ab wann unsere Zielbeute die Schnauze voll hat und sich vertschüsst. Hat man erst einige Male die Tür vor die Nase geknallt bekommen, entwickelt man ein Gefühl für die optimale Distanz, auf die man sich anschleichen kann, ohne Alarmglocken auszulösen… es kann verdammt nahe sein. Ein Fisch der im seichten Wasser steht, hat ein stark limitiertes Sichtfenster, verglichen mit den Genossen im tiefen Wasser. Es ist paradox, dass man mit gebückter Haltung und wenn es geht im Schatten einiger Hindernisse – Steine, Büsche, sogar an der Oberfläche wehende Krautfahnen – man sich bis aus zwei Rutenlängen, einem in Watschuhtiefe steigenden Fisch nähern kann.

Es benötigt jedoch eine langsame Annäherung. Je zögerlicher und je gebückter, desto besser. Mein Ansatz: wenn der Fisch auf den ich es absehe mindestens zwei Pfund ausmacht, oder vielleicht sogar mehr, lohnt es sich ein wenig Zeit dafür zu investieren, ihn ans Band zu bekommen. Wenn das bedeutet, dass ich eine halbe Stunde oder mehr dafür brauche, die beste Position zum Wurf einzunehmen, dann ist es halt so. Dem Fisch darf man keinen Grund geben, misstrauisch zu werden. Die Annäherung erfolgt aus ausreichend Distanz und wenn es geht, verzichte ich darauf zu waten. Wenn waten unbedingt erforderlich ist – leider ist es das sehr oft – so soll es in gebeugter Haltung durchgeführt werden und Schritte und Bewegungen, haben langsam und bedacht zu erfolgen. Keine Mühen und Anstrengungen sind zu unterlassen, das Aussenden von Schrittwellen zu vermeiden. Das Warten auf den nächsten Schritt kann man damit zubringen, den Steigrhythmus des Fisches auszumachen, oder festzustellen, ob der Fisch sich zwischen zwei oder mehreren Punkten bewegt. Ich bemühe mich immer darum, im Flussbett zu knien oder auf einem Stein im Wasser Platz zu nehmen, sobald ich wurfbereit bin – somit wird mein Profil so klein wie möglich.

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Bob Milne, gibt kniend ein schönes, kleines Profil ab

2. Wurfposition
Es ist wichtig sich dazu Gedanken zu machen. Eigentlich hätte ich mit diesem Punkt beginnen sollen, denn wir sollten uns noch bevor wir uns daran machen, uns an den Fisch anzuschleichen gut überlegen, von wo aus wir ihn anwerfen möchten. Die ideale Wurfposition kann schwanken und die einfache, alte Kreideflussformel von 45° flussauf, mag nicht immer zutreffen. Wenn die Wasserstände in einem Fluss stark zurückgehen, kann das ‚kleine‘ Problem des Furchens (Drag), zu einem unüberwindbarem Hindernis werden. Winzige Blasenbahnen und Gegenströmungen müssen genau beobachtet werden, um einen Anhaltspunkt zu bekommen, von wo aus die beste Wurfchance besteht.

Was manchmal nach einer rundum einfachen Drift aussieht, kann unter Umständen alles andere als sein. Jeder Wurf der nicht vertikal die Drift hoch erfolgt, lässt unverzüglich Micro-Drag einsetzen. In diesem Szenario braucht es einen ‘slack-line’ cast (pile-, puddle-, parachute cast), oder man entscheidet sich dafür, den Fisch direkt von hinten anzuwerfen. Bei letzterem Versuch ist es wichtig, die Fliege nicht zu weit flussauf zu werfen. Nimmt der Fisch erst das dickere Ende des gezogenen Vorfachs wahr, kann man den nächsten Versuch bereits abblasen.

Sehr oft ist sogar eine Position im rechten Winkel zum Fisch hilfreich. Fische die im Poolauslauf liegen lassen sich leichter mit diesem Ansatz befischen. Die Gelegenheit, das Vorfach auf einer Wasserstruktur abzulegen, die im gleichmäßigen Tempo fliesst, sollte genutzt werden. Anstatt die Schnur im beschleunigten Ende des Poloauslaufs abzulegen – ein Rezept für ein Drag-Fest. Es mag sich natürlich kontra-produktiv anhören, den Fisch aus einer Position anzuwerfen, von der aus man gefühlt von der Beute beobachtet werden kann. Wie aber bereits oben erwähnt, ist erst das Sichtfenster des Fisches verkleinert, sollte es kein Problem geben – vorausgesetzt man macht sich klein.

Von oberhalb des Fisches, also flussab zu präsentieren, ist auch eine praktikable Option. Unter Umständen sogar die einzige. Anfang der Woche konnte ich eine 3 Pfund+ Bachforelle an einer Stelle beim souveränen, regelmäßigen Steigen beobachten. An diesem Auslauf eines großen Pools, war mir vorher noch nie ein Fisch aufgefallen. Nachdem ich dort noch nie eine Fliege präsentiert hatte, war mir nicht ganz klar, wie ich am besten meinen Wurf ansetze. Also entschied ich mich für einen rechtwinkeligen Wurf, wie ich ihn oben beschrieben hatte. Der erste Wurf furchte entsetzlich und die Chance war vertan. Aus meiner Position war es nicht ersichtlich, dass der Fisch in einer Art ‘Trichter’ stand, an dem über ihm und zu seinen beiden Seiten, das Wasser gehörig beschleunigte. Im Nachhin ist man klüger und diesen Brocken hätte ich wohl besser, von direkt oberhalb angeworfen – die einzige realistische Chance. Als ich anschließend einen Testwurf aus dieser Position verrichtete, sah die Drift sehr gut aus – eine geistige Notiz fürs nächste Mal.

Von direkt oberhalb zu präsentieren, kann herausfordernd sein. Denn bei diesem Versuch muss man sich noch vorsichtiger verhalten. Diese Methode gleicht einem Strohfeuer – zumeist hat man eine einzige Chance auf die Beute. Wird der erste Versuch ignoriert, treiben Vorfach und Schnur über den Fisch und machen jeglichen weiteren erfolgreichen Versuch vergebens. Versuchen muss man es aber!

Der Grundgedanke dabei ist es, erstens ausreichend Schnur in die Luft zu bekommen, um den Fisch zu erreichen. Zweitens den Wurf beim Vorwärtsschwung hoch genug abzustoppen und die Rutenspitze beim Stopp zu sich zurück zu bewegen, damit das komplette Vorfach einige Meter vor dem Fisch, in einem Knäuel auf der Wasseroberfläche landet. Die Rutenspitze wird während des Abdriftens der Fliege kontinuierlich zur Oberfläche gesenkt, um eine dragfreie Drift auf den wartenden Fisch zu erhalten. Definitiv einen Versuch wert – ich habe aufgehört mitzuzählen, wie oft ich mit dieser Technik schon einen guten Fisch an Pooleinläufen einsammeln konnte.

3. Rute und Vorfach
Letztens nahm ich abends meine 8’6″ #4 Rute mit mir und erst dabei wurde mir bewusst, wie abhängig ich in der Zwischenzeit von längeren Ruten, selbst für das Fischen mit der Trockenfliege wurde. Meine 10’ #3 Standardrute in Kombination mit einem 14-16’ (4,2 – 4,8m) langem Vorfach, erlaubt eine relativ hohe Reichweite, bevor die Fliegenschnur überhaupt das Wasser berührt. Das hilft natürlich besonders bei kurzen Würfen flussauf, einsetzenden Drag in der Drift zu vermeiden. An diese Länge gewöhnt, fühlte ich mich mit der kurzen Rute komplett aufgeschmissenund ich bin davon überzeugt, dass mir die fehlende Länge zumindest einen guten Fisch an diesem Abend kostete. Mein Denkansatz dabei ist sehr einfach: in flachem Wasser an einem niedrigen Sommergewässer, ist es vorteilhaft soviel Abstand wie möglich zwischen Fliegenschnur und Fliege herzustellen. Also wähle ich ein so langes Vorfach, wie ich es im Stande bin, komfortabel zu präsentieren… eine lange Rute hilft dabei einfach.

4. Zum Biss verleiten
Man hat sich also in Position gebracht, der Wurf wurde gemacht, die Drift war gut…der Fisch ist trotzdem nicht darauf eingestiegen. Was nun? Sehr oft – wurden die oben besprochenen Hinweise befolgt – bringt der erste Wurf den gewünschten Erfolg. Aber manchmal auch nicht. Falls das passiert und der Fisch nimmt die Nahrungsaufnahme wieder auf, ist alles im Lot – versucht es noch einmal! Ein Fliegenwechsel führt vielleicht zur erwünschten Reaktion. Verzichtet dabei aber auf das Schrotflintenprinzip. Denselben Fisch mehrmals hintereinander anzuwerfen, besonders wenn er das Oberflächenfressen eingestellt hat, führt zu absolut nichts.

Die für mich beste Vorgehensweise ist es, den Haken in die Hand zu nehmen, die Fliege zu trocknen, mich hinzusetzen und mit dem nächsten Wurf solange zu warten, bis der Fisch wieder selbstsicher seinem Steigen nachgeht. Darin liegt der Schlüssel denke ich – gebt dem Fisch ausreichend Zeit, seinen Rhythmus wieder zu finden. Es macht überhaupt keinen Sinn den Fisch beim erstbesten Luftschnapper wieder anzuwerfen – das verängstigt ihn nur. Manchmal ist es sogar am besten, für eine halbe Stunde woanders hinzugehen und dem Fisch die Gelegenheit zu geben, seine Scheu wieder abzulegen.

Eine Sache die mir beim abendlichen Fischen auffiel – es lohnt sich bei besonders kniffeligen Fischen, diese alleine zu lassen und erst bei anbrechender Dunkelheit wieder zurückzukehren. Mit fast absoluter Sicherheit wird dieser Fisch noch immer fressen, vielleicht sogar noch intensiver. Forellen scheinen bei fast völliger Dunkelheit, nachsichtiger mit leicht misslungenen Würfen umzugehen.

Der Fisch im unteren Foto stellte sich Freitag Abend als schwierig zu fangend heraus. Nachdem meine Fliege mehrfach ignoriert wurde, ließ ich ihn eine Stunde in Ruhe, nachdem ich ihn zum Steigen brachte, den Biss aber nicht verwertete. Als ich danach wiederkehrte, nahm er mein Angebot beim ersten neuerlichen Versuch.

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5. Sicher landen
Eine große Bachforelle in flachem, steineübersäten Wasser zu fangen ist aufregend. Nach dem Anschlag drehen sie total durch, bomben zügellos durch den Pool, machen wiederholte Sprünge, oder nehmen flussab Reißaus und bringen die Rolle zum singen. Ich wünschte ich hätte einige Tipps, diese Art von Fischen für immer am Haken zu behalten. Aber ehrlich gesagt, ich habe keine. Es gibt viele unterschiedliche Arten einen große Fisch zu verlieren und mir sind schon alle widerfahren. Die sicherste Art und Weise sich dagegen zu schützen – so scheint mir – ist es die Rute so hoch wie möglich zu halten… und ein Stoßgebet loszulassen.

Meine Schlussfolgerung ist also, dass es wirklich keinen Grund für den Fliegenfischer gibt, über Niedrigwasser zu klagen. Sicher, unsere Flüsse brauchen ausreichend durchfliessendes Wasser und das Fliegenfischen bei sinkendem Pegel nach einem Regen, kann bemerkenswert und fast immer, um vieles einfacher sein. Meiner Ansicht nach gibt es keinen besseren Zeitpunkt, bewusst große Fische zu lokalisieren und ihnen nachzustellen, als während Niedrigwasserperioden. Das Können, das man sich dabei aneignet, wird einem in anderen Situationen gute Dienste leisten.

Kürzlich hatte ich das Privileg zwei außergewöhnlich gute Fliegenfischer bei Niedrigwasser in Aktion zu beobachten. Den Schluss den ich daraus zog: egal wie vorsichtig und leise ich dachte vorzugehen, es ist annähernd noch nicht ausreichend. Tarnung und Sparsamkeit der eigenen Bewegung, sind der Schlüssel bei der Pirsch auf große Bachforellen, davon bin ich mittlerweile überzeugt. Und so geht die Reise weiter…

Matt Eastham_mugshotHerzlichen Dank für diesen Beitrag an Matt Eastham – einem fanatischen Fliegenfischer, der seine Besessenheit fürs Fischen, Fliegenbinden und Fotografie in seinem höchst lesenswerten Blog North Country Angler festhält. Als geschätzter Schreiber und Fotograf liefert er regelmäßig Beiträge für Publikationen wie Trout & Salmon und Eat, Sleep, Fish.

 

 

Comments

  1. Heribert Hahne says:

    Sehr schoener Artikel – die Tipps decken sich 100% mit meinen Erfahrungen. Man sollte sie auch bei normalem Wasserstand anwenden. Kann jedenfalls nicht schaden.

    • Hallo Heribert,
      freut mich, dass Du die Erkenntnisse bestätigst. Aus mageren Zeiten, gibt es viel zu lernen, wovon man profitiert wenn es wieder besser geht. btw. back in BC?
      Beste Grüße, Tankred

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