Frederic M. Halford – Trockenfliegen Revolution

Halford-Dry_Fly_Entomology

© WikiMedia Commons

Gedenkjahr 1914 – ein Jahr in dem der europäische Kontinent in Chaos versank. Zu einer Zeit als Europa und die Welt sich im Rausch der Beschleunigung befand, als eine Erfindung und Erneuerung die andere jagte. Während keiner Zeit zuvor, durchlebten Menschen rasantere politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen als in der Zeit von 1870 – 1914. Das Tempo der Modernisierung machte auch vor dem Fliegenfischen nicht Halt und in Zentrum dieser Entwicklung stand Frederic M. Halford, verschriftlichter Begründer des Trockenfliegenfischens, der am 5. März 1914 im Alter von siebzig Jahren starb.

Frederic Halford, geboren 1844 als Frederic Michael Hyam entstammte einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg. Halfords Großvater beschäftigte zu Anfang des 19. Jhdt. bereits 8.000 Mitarbeiter in seinen Textilfabriken in Leeds und Yorkshire. Als Halford Anfang zwanzig dem Firmenimperium beitrat, waren die Hyams wohlhabende, etablierte Geschäftsleute mit Interessen in der Schifffahrt und dem Bankwesen. 1875 wechselten die Hyams geschlossen ihren Nachnamen zu Halford – ein in jüdischen Familien nicht ungewöhnliches Vorgehen. Obwohl Frederic Halford der bei weiten geringste Anteilseigner der Firmendynastie war, konnte er es sich leisten mit fünfundvierzig Jahren frühzeitig in Rente zu gehen und sein verbleibendes Leben, einzig dem Fliegenfischen zu widmen.

Im Alter von sechs Jahren begann für Frederic Halford die lebenslange Faszination, Fischen mit Rute und Köder nachzustellen. Anfangs im Teich des eigenen Anwesens in Birmingham, später während der Schulzeit in der Serpentine in Londons Hyde Park und in der Themse. Wo er auch zum ersten Mal auf Bachforellen traf – wahre Monster von 5-8kg denen er mit Spinnern und lebenden Köderfischen nachstellte. Noch bevor Halford seine erste Rute fürs Fliegenfischen in die Hand nahm, war er bereits ein vielseitiger Angler der auf Brachsen, Barben, Hecht und Barsch fischte und liebend gerne die Meeresangelei betrieb. In Eastbourne überzeugte er die lokalen Fischer, sich mit Rute und Rolle auf die Jagd zu machen, anstatt mit Handschnüren.

Mit dem Besuch des im heutigen Südlondon gelegenen Kreidefluss River Wandle 1868, entdeckte Halford das delikate Trockenfliegenfischen, welches zu der Zeit dort bereits praktiziert wurde. Und nicht nur dort. Doch zu der Zeit war das Trockenfliegenfischen ein lokales Phänomen, welches löchrig dokumentiert wurde und die Praxis befand sich in ihren Kinderschuhen. Auch wenn George Philip Rigney Pulman 1841 in The Vade Mecum of Fly-Fishing for Trout, bereits das Fischen mit der Trockenfliege ansprach “line switched a few times through the air to throw off its superabundant moisture.” Die Aufgabe aquatische Fliegen zu systematisieren, neue Fliegenmuster zu entwerfen und die Technik zu verfeinern wird auf Frederic Halford fallen. Und auch an der Stelle kann man behaupten, dass Halfords Gegenüberstellung nie die Qualität Alfred Ronalds ‚The Fly-Fishers Entomology‚ aus dem Jahr 1836 erreichten.

Als der River Wandle von der voran schreitenden Urbanisierung Londons mit all ihren Begleiterscheinungen erfasst wurde, zog es Halford an die Kreideflüsse Hampshires, den River Test und den River Itchen. 1877 trat er den Houghton Fly Fishers bei und traf so auf gleichgesinnte, einflussreiche Fliegenfischer seiner Zeit, wie George Marryat und Francis Francis. 1880 mietete er sich an den Ufern des Test ein und begann in Zusammenarbeit mit Marryat seine entomologische Forschung und Entwicklung neuer Fliegenmuster, die in seine 1886 erschienen Erstveröffentlichung ‚Floating Flies and How To Dress Them‚ einfliessen werden. Halford wünschte sich die Co-Autorschaft mit George Marryat, doch dieser zog es vor anonym zu bleiben. Vielleicht aus Vorahnung zur dogmatischen Entwicklung des Trockenfliegenfischens.

Halford_Original_Flies_PlateVII

© WikiMedia Commons

Für Hampshire Angler, während der Übergangszeit von Nassfliegen zu Trockenfliegen in der Zeit von 1860-1880, gab es keinen Konflikt zwischen beiden Techniken. Die einen bevorzugten jene, die anderen diese Art zu fischen. So war es in den späten 70ern des 19. Jhdt. nicht ungewöhnlich, an Test und Itchen anzukommen und beide Varianten der Fischerei anzutreffen. Die Idee dass die Fischerei mit der Trockenfliege dem Fischen mit der Nassfliege moralisch überlegen wäre, oder das Nassfliegenfischen eine rückständige, primitive und dem Fang von Forelle & Äsche unwürdige Form der Angelei sei, hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingestellt. Doch die Anzeichen standen bereits auf Sturm.

Erst die technischen Weiterentwicklungen der Zeit – Paraffin als Schwimmmittel, geölte, tapered Seidenschnüre die Pferdehaare als Vorfächer ablösten, Up-eyed Haken – boten Halford weitere Bausteine im Fundament, die Technik des Trockenfliegenfischens auf eine erhöhte Stufe zu heben. Somit widmete er sich 1889 in seiner nächsten Veröffentlichung ‚Dry Fly-Fishing in Theory and Praxis‘ also nicht nur den Techniken des Fischens mit der Trockenfliege, sondern einer Reihe von Benimmregeln, welche die Superiorität des Trockenfliegenfischers manifestieren solle.

Die Art und Weise wie eine praktische Anleitung zum effektiven Fischfang, sich zu einem ethisch, moralischen Code entwickeln konnte, zählt sicherlich zu den verwunderlichsten als auch faszinierenden Aspekten der Geschichte des Fliegenfischens. Es kann argumentiert werden, das diese Entwicklung zu keiner anderen Periode der englischen Geschichte, als dem viktorianischen Zeitalter hätte stattfinden können. Die englische Gesellschaft zur Zeit Königin Viktorias war organisierter und strenger reguliert als frühere Epochen und Jagdsport und Fischerei waren davon nicht ausgenommen. Sport, so die Meinung der Zeit, war nicht nur eine Frage von Effizienz, sonder auch von gutem Benehmen – selbstlos, motiviert, zugleich bemüht um Erfolg als auch Großmut gegenüber Kontrahenten.

Diesen Großmut gewährte Halford Forelle & Äsche, jedoch nicht anderen Fliegenfischern die sein Manifest nicht annahmen. Somit entwickelte er sich fortan von einem progressiven Theoretiker zu einem dogmatischen Pedanten, der der Nassfliegenfischerei ihre Existenzberechtigung zwar nicht absprach, ihr aber weder Effektivität noch Erlaubnis der Ausübung an den südenglischen Kreideflüssen billigte. ‚As a rule, the pure and simple North-country fisherman can’t touch the Southerner for skill in fly fishing‚.

Stimmen der Vernunft wie Francis Francis (Fischerei Redakteur, The Field) ‚the judicious and perfect application of dry, wet, and mid water fly fishing stamps the finished fly-fisher with the hall mark of efficiency.‘ und selbst des Verlegers von Halfords Büchern Robert Marston ‚there are days – too many of them – when the fish of a Hampshire chalk stream will not look at a floating winged fly; but change it for a hackle fly and fish it upstream in the same way, only just under instead of on the surface and you turn the tables on the fish‚, wurden von den begeisterten Anhängern Halfords geflissentlich überhört.

FredericMHalfordLandingATrout

© WikiMedia Commons

Um 1900 war die Trockenfliegen Revolution mehr oder weniger abgeschlossen. Doch nicht jeder gab sich zufrieden mit der kolportierten Tatsache, dass nymphende Forellen nicht zu fangen wären. An erster Stelle ein um fünfzehn Jahre jüngerer Kreidefluss Fliegenfischer namens G.E.M. Skues, dessen mit Wasser vollgesogene Trockenfliege freudig von Forellen aufgenommen wurde. Vom Zufall beflügelt, des strengen Rahmen des Trockenfliegen Manifests bewusst – gezielt Forellen bei der Nahrungsaufnahme, stromauf zu befischen – entwickelte Skues ein neues Konzept für das Kalkfluss Fliegenfischen.

Des Halfordschen Dogmas überdrüssige Fliegenfischer, zeigten sich aufgeschlossen gegenüber einer Idee, die den technischen Anspruch des Trockenfliegenfischens aufgriff – zielgenaue Präsentation einer Fliege für aufnahmewillige Forellen – um sich mit unter der Oberfläche ernährenden Fischen zu messen.

Halford jedoch – in Manier der Staatsmänner seiner Zeit – ignorierte die Zeichen der Zeit, verharrte bei seiner Philosophie, die einzige wahre als auch wirksame Form der Fischerei mit der Fliege gegründet zu haben. Unwillig, das Nymphenfischen als Weiterentwicklung des Sports anzuerkennen, wurde weiterhin jeder Fischer diskreditiert der die Rigidität des Trockenfliegen Manifests hinterfragte. Dabei scheute er keine Konflikte. Und dennoch musste er zusehen, wie sein Einfluss schmolz. Spätere Veröffentlichung fanden nicht mehr die Anerkennung, wie seine von allen Seiten umumstrittenen beiden Erstlingswerke.

Als Halford 1914 starb, befand sich die nächste Revolution im Fliegenfischen in vollem Gange. Aufgeschlossene, oder vom Zirkel der Puristen und Ultra-Puristen – in der Tat gab es dafür eine von Halford definierte Unterscheidung – ausgegrenzte Fischer, wandten sich mit Euphorie einer neuen, spannenden und herausfordernden Form des Fischfangs zu.

Und zuletzt hinterließ der Erste Weltkrieg und seine Folgen auch an den Kreideflüssen seine Spuren. Eine atmosphärische Spannung lag in der Luft, die Offenheit und  Experimentierfreudigkeit signalisierte. Der fahle Nachgeschmack des autoritären viktorianischen Zeitalters, wurde durch neue Ausdrucksformen in Kunst, Musik und Literatur, durch allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, als auch Offenheit für Neuerungen im Fliegenfischen weggespült. Angesehene viktorianische Persönlichkeiten wurden belächelt, die Zeichen der Zeit standen auf ‚debunking‘ – entlarvend. Wie treffend!

Comments

  1. Hallo Tankred,

    literarisch bist Du wirklich ausgezeichnet, toller Ausdruck und kurzweilig zu lesen. Kommst Du auch noch zum Fischen ;-) ? Wir haben uns auf Xing schon mal kurz unterhalten, falls Du wieder mal in Graz bist, in der Umgebung fischen möchtest und es Dir nach Begleitung ist, melde dich einfach. Mir gefällt die Tiefe Deiner Texte, das hebt die Beiträge erfrischend aus der Masse hervor.

    • Hallo Peter,

      herzlichen Dank für Dein lobendes Feedback – das ging runter wie Kernöl! Es macht sehr große Freude zu wissen, Dich mit meinen Beiträgen zu begeistern. Auch wenn ich viel Zeit für das Verfassen der wöchentlichen Beiträge aufbringe, komme ich an gut 50-70 Tagen im Jahr ans Wasser. Da ist Platz nach oben – doch vom Schreibtischfischer bin ich noch weit entfernt. Der Spass an der Freude fürs Fischen als auch das Schreiben, lässt es mir Gott sei Dank relativ leicht fallen, darüber zu berichten. Nicht wenige Beiträge ergeben sich aus Erfahrungen und Gedanken am Wasser. Und sobald der Veröffentlichungsplan gefüllt ist – muss eigentlich nur die Konsequenz aufgebracht werden, die Beiträge umzusetzen. Auf Dein Angebot mit mir Mur, Mürz oder Feistritz zu befischen – wenn sich das einrichten lässt – komme ich beim nächsten familiären Grazbesuch gerne zurück.

      Deiner Signatur entnehme ich, dass Du Betreiber der Homepage http://www.fliegenwasser.at bist. Eine sehr informative Seite mit viel Info zu wirklich interessanten Gewässern – großes Kompliment. Du wirst auf jeden Fall von mir hören!

      Viele Grüße
      Tankred

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: