Rüstig statt rostig – Wurflehrgang mit Sven Ostermann pt.1

© Werner Berens

© Werner Berens – Sven Ostermann streckt die Schnur

“Kontinuierliche Verbesserung” wird uns am Arbeitsplatz vermittelt, sei der einzige Weg Produkte und Dienstleistungen dauerhaft und nachhaltig erfolgreich am Weltmarkt zu positionieren. “Lebenslanges Lernen” – freiwillig, beständig und intrinsisch motiviert – der Schlüssel zu persönlichem Glück und Arbeitsplatzsicherung. Bei genauerer Überlegung sind beide Konzepte nicht nur für den Job relevant, sondern lassen sich ebensogut aufs Privatleben umlegen. Eine Menge neuen Stoff möchte ich mir bei meinem neuen Arbeitgeber beibringen. Warum also nicht den Schwung ins Hobby hinüber mitnehmen. Mich auf die nächste Wiese stellen, neugierige Hunde und süffisante Fragen ‘ob sie den heute beißen’ ignorieren und das vom Winter eingerostete Muskel Memory wieder stärken.

Die Wochenenden während der letzten zwei Monate waren wenig einladend Zeit draußen zu verbringen. Gedanklich eingestimmt aufs vergangene Wochenende, als ich endlich so gut es ging versuchte, enge Schlaufen entlang des Baumsaums unter der frühlingshaften Sonne durch die Luft zu ziehen, hatte ich mich mit diesem Beitrag von Sven Ostermann. Denn als EFFA zertifizierter Wurflehrer weiß er wovon er spricht. Texte, Fotos oder Videos sind natürlich kein Ersatz für das Erkennen wie es sich anfühlt, wenn beim Rückschwung die Schnur absackt, wenn die große Schlaufe Kraft und Schwung aus dem Wurf nimmt, wenn sich das Vorfach nicht wie gewünscht abrollt.

Wie wir aber ohne die Gelegenheit für eine Casting Clinic, alle unser gängigen Fehler selbst erkennen und korrigieren, wird Sven Ostermann in einem zweiteiligen Beitrag mit uns teilen.

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© flickr: Jason Taellious

Das Werfen mit der Fliegenrute ist meines Erachtens leichter, als vielfach angenommen. Der hat gut Reden, denken Sie jetzt vielleicht, aber nicht vergessen: 

                                    Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Drei wichtige Dinge sind für den Erfolg Voraussetzung.

            1. üben

            2. viel üben

            3. noch mehr üben

Nur durch genügend Praxis und Beharrlichkeit gewöhnt sich die Muskulatur bzw. der ganze Körper an die zugegeben komplexen Bewegungen beim Werfen mit der Fliegenrute. Ich mache leider zu oft die Beobachtung, dass viele, die mit dem Fliegenwerfen beginnen zwei Arten von Fehlern begehen. Einerseits scheuen sie sich – in Erwartung unqualifizierter Kommentare – sich auf die grüne Wiese oder sonst wo hinzustellen und einfach zu werfen. Andererseits wird vielfach zu lange geübt. Das muss doch verflixt noch mal hinzubekommen sein. Falscher Ehrgeiz am falschen Platz kann ich da nur sagen. Gerade beim Anfänger ist die Gefahr von Verkrampfungen in der Muskulatur besonders groß. Die Folge ist, dass die Rute mehr oder weniger gefühllos hin- und hergepeitscht wird.

Fliegenwerfen ist jedoch Gefühlssache. Also, trainieren Sie oft, aber nicht zu lange. Zumindest am Anfang. Ja ich weiß wie schwer das ist, aber glauben Sie mir, ein viertel Stündchen jeden Tag oder zumindest größere Pausen zwischen den Übungssequenzen bringen mehr, als andauerndes Werfen bis zur Erschöpfung. Schließlich soll’s ja Spaß machen.

Werfen wir nun einen Blick auf die unergründlichen Geheimnisse, warum bei einem guten Werfer die Schnur mit dieser ach so beneidenswerten Leichtigkeit durch die Luft fliegt. Warum die Schnurschlaufe so eng und die Schnur so ruhig, wie mit dem Lineal gezogen, sich nach vorn und hinten ausstreckt. Warum die Schnur beim Schießenlassen wie ein geölter Blitz durch die Ringe zischt.

Ganz einfach: Der Werfer hat gelernt, die physikalischen Gesetze, denen wir alle unterliegen, zu meistern und sich zunutze zu machen.

Wenn man vielen „erfahrenen Werfern“ so zuhört, verliert man leicht den Blick für das Wesentliche. Jeder gibt Tipps wie: Du musst die Rute so und nur so halten oder der rechte Fuß muss beim Stand hinten sein. Ein anderer meint, es ist besser, den rechten Fuß vorne zu haben und so weiter und so fort. Mein Vorschlag:

Bleiben Sie offen für alle Dinge die sie hören, sehen und lesen.

Probieren Sie selbst aus, was für Sie am besten ist, womit Sie zurechtkommen. Machen Sie nicht den Fehler und konzentrieren sich nur auf einen Stil, denn Sie werden ohnehin in ihrer Werferkarriere unterschiedliche Stile durchleben. Purismus hat leider mehr mit Engstirnigkeit als mit Können zu tun.

Sicherlich hat jeder Wurfstil seine Berechtigung und Vorteile, da er ja aus den jeweiligen Umständen heraus entstanden ist. Dazu fällt mir gerade ein kluger Satz ein, den ich von Heinz Weiland einmal hörte:

                                     „Der beste Wurfstil ist der, den man beherrscht

Alle Wurfstile haben jedoch gewisse Gemeinsamkeiten, unterliegen den gleichen Gesetzmäßigkeiten, die ich nachfolgend zusammenfassen möchte:

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© flickr: Joseph Bergen

  1. Geradliniger Weg der Rutenspitze

Die Rutenspitze ist der Teil unseres gesamten Wurfapparates, an dem sich alles konzentriert. Wir streben beim Werfen mit der Fliegenrute mit all unseren Bemühungen danach, die Rutenspitze in geeigneter Weise zu bewegen, was Richtung, Beschleunigung, Geschwindigkeit und auch wieder Verzögerung bis hin zum Stillstand der Rutenspitze angeht. Warum ist das so wichtig? Na, weil die Schnur der Rutenspitze folgen muss; auf Gedeih und Verderb.

Um eine gute, enge Schnurschlaufe zu erreichen, sollte die Rutenspitze in einem möglichst geradlinigen Weg geführt werden. Das gilt in gewisser Weise für alle Würfe, selbst wenn die Rutenspitze, wie bei einigen Trickwürfen erforderlich, keinen direkten Weg zwischen zwei Punkten nehmen sollte. Viele sprechen vom „geraden Weg“, gemeint ist jedoch geradlinig. Im angelsächsischen Sprachraum wird von SLP (Straight Line Path) gesprochen.

Jede ungewollte vertikale, diagonale oder horizontale Verirrung der Rutenspitze vermindert die Effektivität der Bewegung. Es geht zu viel Energie verloren und die Schnur kann sich nicht ruhig und geradlinig in der Luft entfalten.

Die häufigsten Wurffehler überhaupt rühren von einem Verlassen des geraden Weges her. Die meisten führen am Anfang die Rute in einem zu großen Winkel nach hinten und wieder nach vorne oder auch umgekehrt. Die Rutenspitze beschreibt dadurch einen konvexen Weg, d.h. eine irgendwie kreisförmige Bewegung, die für eine weite oder auch gar keine Schlaufe verantwortlich ist. Die Folgen sind, dass die Schnur keine Fahrt bekommt und viel wichtiger, die Rute kann sich nicht richtig „aufladen“. Der Fachmensch (hiermit sind also Frauen und Männer sowie Kinder gleichermaßen gemeint) spricht hier von „offener Schlaufe“.

Mit „die Rute aufladen“ ist die Biegung der Rute beim Wurf gemeint. Je stärker die Biegung, desto mehr Energie wird in die Rute geladen. Physikalisch ist das sicherlich nicht ganz korrekt ausgedrückt, aber dafür einem Nichtphysiker umso einleuchtender.
Umgekehrt führt ein konkaver Weg der Rutenspitze zu so genannten „Tailing Loops“ oder „schwänzelnden Schlaufen“ Einige Fachmenschen sprechen auch von der „Birne“ . Dabei kreuzen sich die Schnurspitze und das Vorfach mit der Fliegenschnur und verfangen sich im ungünstigsten Falle sogar ineinander. Die Folgen sind Knoten oder gar Schnursalat. Ziel sollte es also sein dass die so genannte Unterschnur und Oberschnur, beide verbunden durch die sich entfaltende, ausrollende Schnurlaufe, möglichst parallel zueinander bewegen.

Fazit: Strebe nach Geradlinigkeit der Bewegung und zwar in allen Ebenen, horizontal, diagonal und vertikal.

© flickr: Gideon Chilton

© flickr: Gideon Chilton

  1. Die Schnur sollte geradlinig/gestreckt sein.Nur eine gestreckte Schnur lässt sich sauber zum Rückwurf aufnehmen bzw. ist Voraussetzung für einen guten Vorwärtswurf.Gerade Anfänger machen oft den Fehler, die Rute vor dem Aufnehmen der Schnur zum Rückwurf zu hoch anzuheben oder zu halten und dann erst zum Rückwurf anzusetzen. Der erste Rückwurf sollte immer mit der Rutenspitze knapp über der Wasseroberfläche bzw. über dem Boden beginnen. Dabei sollte die Schnur natürlich auch möglichst gestreckt auf der Wasseroberfläche oder dem Boden liegen; je nachdem wo sie gerade üben. Ist das nicht der Fall dann passieren häufig zwei Dinge:

    1. Durch die Rückwärtsbewegung der Rute wird erst die Schnur gerade gezogen und dann geht ein mehr oder weniger leichter Ruck durch die Rute, weil die nun gestreckte Schnur mit ihrem vollen Gewicht an der Rutenspitze zieht. Dieser Ruck sorgt für die ungewollten Schockwellen in der Schnur, da die Rute in sich leicht zu federn beginnt und diese Bewegungen sich natürlich auch auf die Schnur übertragen. Wir wissen ja, dass die Schnur das macht, was sie über die Rutenspitze „angetan“ bekommt.

    2. Wird die Rute dadurch zu weit nach hinten und damit nach unten Richtung Boden geführt. Was passiert ist klar, auch die Schnur fliegt nach hinten unten, da sie immer der Rutenspitze folgt. Ehe man zum Vorschwung ansetzen kann, berührt das Vorfach den Boden bzw. küsst das Wasser.  Oft wird sogar zu früh mit dem Vorschwung begonnen, was die Fliege noch schneller und heftiger Richtung Boden befördert, da der so genannte Peitscheneffekt einsetzt. Fliege weg, aus die Maus!

    Je geradliniger also unsere Schnur (f)liegt, am Boden wie auch in der Luft, desto leichter ist diese zu werfen. Nur eine komplett in Bewegung befindliche Schnur lässt sich auch sinnvoll „führen“. Das ist übrigens das große Geheimnis, warum Trickwürfe mit Schlaufen, Bögen und Todesspiralen funktionieren. Die gesamte Schnur ist über die ganze frei in der Luft befindliche Länge in Bewegung und kann so entsprechend dirigiert werden. Manche Würfe sehen ja auch aus, als würde man mit der Rute als Taktstock ein Orchester dirigieren.

    Die gestreckte/geradlinige Schnur ist also wichtig in Ruhestellung am Boden oder am Ende des Ruck- bzw. Vorschwungs, kurz bevor man in die Gegenbewegung übergeht.

Wer diese Grundtheorie der Geradlinigkeit füre Erste verinnerlicht, wird schon bald bereit sein für die nächsten elementaren Abläufe: Rhythmus, Timing, Beschleunigung und Kraft. Viel Spaß auf der Wiese!

Fliegenfischen Sven Ostermann

Sven Ostermann ist zertifizierter EFFA Wurflehrer und gibt seit 20 Jahren sein Wurfkönnen in regelmäßig stattfindenden Kursen an interessierte Anfänger und Fortgeschrittene weiter. Um den nächsten Termin für einen Lehrgang zu erfahren, oder ein Gruppen- oder Individual Coaching zu vereinbaren, besucht die Seite Flybei und richtet dort eine Anfrage zum nächsten Wurflehrgang.

 

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