(© Foto: Albert Pesendorfer – Freunde der Gmundner Traun)
Wenn du meinen letzten Beitrag gelesen hast, wird es dir nicht entgangen sein. Werde zum Förderer dieser Seite und du erhältst als Gegenleistung mindestens einen Beitrag zu einer von dir gestellten Frage – wenn du möchtest. Den Anfang macht die Frage eines Unterstützers zu seiner sechswöchigen Reise mit Zelt nach Schweden und Norwegen. Saukalt war es. Das Wasser war glasklar, es hatte kaum Insekten oder steigende Fische. Fangen konnte er nur einige kleine Fischchen. Was hätte wohl zu mehr Erfolg geführt, möchte er wissen
Ich muss gestehen, dass das unter deutschen Fliegenfischern beliebte Ziel Skandinavien von mir noch nie zum Fliegenfischen bereist wurde. Über die Beschaffenheit und den Charakter der behandelten Gewässer weiß ich auch wenig. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Winter und die Dunkelheit sind in Skandinavien sehr lange. Daraus würde ich schließen, dass Insekten und auch Fische einen sehr begrenzten Zeitraum haben, um sich weiterzuentwickeln. Die Kühle des Wasser mag zwar einen negativen Einfluss auf das Schlupfverhalten der Insekten haben, doch in Larvenform sollten sie vorhanden sein. Den Fischen wiederum steht ein ebenso kurzes Zeitfenster bereit, während dem das Nahrungsangebot vielfältig und in großem Ausmaß zur Verfügung steht. Ich bin kein Biologe, doch würde ich annehmen, dass die Forellen und Äschen die wenigen Monate des Überflusses nutzen, um ausreichend Reserven für die Monate der Dunkelheit anzufressen. Die Insekten und andere Nahrungsquellen sind sicherlich aktiv. Bloß nicht für uns sichtbar.
Ob ein gewisser Abschnitt sich geeignet als Lebensraum für Fische entpuppt, kann man nur mit eigenen Augen beurteilen. An wirklich großen Forellenflüssen, wie ich sie hier in NRW eigentlich nicht vorfinde, kann es aber sein – so berichtete man es mir z.B. von der Gmundner Traun – können sehr lange Abschnitte, über mehrere hundert Meter, praktisch fischfrei sein. Die vom Leser beschriebenen Begebenheiten – meist an einem zwanzig Meter breitem Wehr eines aufgestauten Flusses – geben aber Anlass zum Schluss, bei der vorgefundenen Situation vermutlich tief bis sehr tief fischen zu müssen. Ob das mit extrem langen Vorfächern in Kombination mit schweren Fliegen, Poly Leadern oder Schussköpfen unterschiedlicher Sinkrate, oder vollsinkend Leinen erzielt wird, ist letztlich abhängig von Ausstattung und persönlicher Neigung. Denn keine der aufgezählten Möglichkeiten bietet annähernd die Eleganz und auch die Sicherheit beim Wurf, wie das Fischen mit der Schwimmschnur mit dem Standardvorfach in einer Länge von 12ft/4m plus Tippet.
Die Frage des Lesers warf für mich aber eine weitere Herausforderung auf, denen nicht nur er begegnet, sondern die auch uns Fliegenfischern hierzulande meist im Sommer und im Herbst betrifft: Die des klaren Wassers bei etwas niedrigerem Wasserstand. Eine Situation die das Fliegenfischen speziell an kleinen bis mittelgroßen Flüssen erschwert. Ich muss gestehen, dass es auch für mich oft etwas dauert, bis mir einleuchtet, dass ich mein Verhalten am Wasser ändern muss. Von einer Woche auf die andere, entfällt den Fischen der gefühlte Schutz, den sie bei leicht getrübtem und höheren Wasserständen empfinden. Diese Haltung unserer Beute bei diesen Umständen, erlaubt es gleichzeitig den Angler:innen, sich laissez-faire am Wasser zu verhalten. Doch plötzlich vermindern unbedachte Fortbewegung, ein Mangel an Vorsicht beim Waten und beim Wurf und der Zusammenstellung der Ausrüstung unsere Chancen auf Fang erheblich.
Wonach unter diesen Umständen verlangt wird, sind Verhalten die englische Fliegenfischer als ‘Rivercraft’ bezeichnen. Das Konzept lässt sich nicht einfach mit einem einzigen deutschen Wort vollständig abbilden. Es ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl an Fähigkeiten und feinem Gespür, das man sich über Jahre am Fluss aneignet. Inhaltlich umfasst es:
- das Lesen des Wassers: Erkennen von Standplätzen, Strömungen, Kehrströmungen, Unterständen etc.
- das unauffällige Bewegen am Wasser: Tarnung, Haltung zur Sonne, langsame Bewegungen, Wahl des Wurfwinkels
- die Anpassung der Präsentation: je nach Wassertiefe, Fließgeschwindigkeit, Licht und Insektenaktivität
- das Timing und Einschätzen des Fressverhaltens: Wann steigt ein Fisch, wann ist Ruhe geboten
- ein ganzheitliches Verständnis des Ökosystems Fluss – nicht nur Technik, sondern Intuition und Beobachtungsgabe
Leider wird Rivercraft – nennen wir es der Einfachheit halber einfach Flussverstand – als Erfolgskomponente nur allzugerne hinter Ausrüstung und Fliegenwahl gereiht, wenn man sich hoffnungsvoll und motiviert ans Wasser begibt. Zudem ist es ein komplexer Erfahrungsschatz, der sich nicht in kurzer Zeit aneignen lässt. Es ist das, was der ältere Fliegenfischer mitbringt. Der mit Ausrüstung von vorgestern fischt, manchmal schlampig oder unmodisch gekleidet ist. Etwas, das wir jüngeren Kollegen in der Begegnung oft übersehen – nicht selten im festen Glauben an unser modernes Gerät und an die modernste Technik. Von uns überzeugt, manchmal sogar überheblich. Im Glauben, es besser zu wissen – moderner, effizienter, richtiger. Erst ein Vergleich des Fangberichts bringt es zu Tage. Er hat Flussverstand. Ein Mischung aus Erfahrung, Beobachtung und Gespür für das richtige Maß im schwierigen Moment.
Ich behaupte nicht, in diesem Konzept ausreichend erfahren zu sein. Oft bin ich zwar gut in der Analyse, aber zu zögerlich bei der Anpassung an neue Begebenheiten. Aber zumindest weiß ich über die Bedeutung von Flussverstand Bescheid, sodass ich doch gelegentlich Momente erlebe, wo ich mir denke: Das hast du aufgrund von A und B und C gut gemacht. Auf diesen Fang darfst du wirklich stolz sein.
Um aber auf die Frage des Lesers zurückzukommen, was er bei niedrigem, klaren Wasser anders machen hätte sollen, möchte ich ihm diesen Rat mitgeben.
Klares Wasser beunruhigt Fische gewissermaßen, da sie sich ungeschützt fühlen, wenn sie sich zur Nahrungsaufnahme begeben. Sie sind dann besonders feinfühlig, nehmen jede Veränderung in ihrem Sichtfeld und die leichtesten Erschütterungen wahr. Also:
● Bewege dich langsam und mit vorsichtigem Schritt am, besser sogar noch wenn es geht, einige Meter vom Ufer entfernt entlang. Mit ihrer sensiblen Seitenlinie erfassen Fische die Vibration von Bewegungen sehr genau.
● Mache dich klein – gehe mit ausreichend Abstand, gebückt, auf Knien oder ggf. robbend ans Ufer, um einen Blick auf das Wasser werfen zu können. Besonders dort wo du es mit Wildfischen zu tun hast, für die der Angler einen Fraßfeind darstellt. Der von mir hoch geschätzte Paul Procter trägt oft Knieschützer, wie sie im Baumarkt zu finden sind, über der Wathose, um sich so klein und vorsichtig wie möglich in eine gute Wurfposition zu bringen.
● Nutze jede dir zur Verfügung stehende Deckung am Uferrand (Bäume, Büsche) oder große Steine im Fluss. Fische sind darin geübt, auf Feinde von außen und von oben zu achten.
● Mache dir ein Bild der Gewässerstruktur und der daraus abgeleiteten (Kleinst-)Strömungen und Wasserlenkungen. Nicht jeder Fisch, dem du dich von hinten näherst, steht in einem Verlauf zur Strömung. Der seitlich liegende Stein an der Strömungsnaht, von dem aus er zur raschen Nahrungsaufnahme kurz ausschert, verändert das Sichtfeld des Fisches. Du gerätst viel eher in das hinein. In Kehrströmungen steht er sogar mit dem Kopf flussab.
● Unterlasse ggf. das Waten oder bewege dich wie ein Reiher mit hoch angehobenem Bein durchs Wasser, sodass du keine Wellen aussendest, wenn du dich fortbewegst.
● Frage dich, ob es am von dir befischten Gewässer, wirklich Spikes in der Sohle braucht. Das für den Fliegenfischer deutlich hörbare Knirschen bei jedem Schritt, überträgt sich in vielfach höherer Lautstärke unter Wasser.
● Vermeide zu viele Leerwürfe, um Bewegungen auszuschließen, die dem Fisch als fremd und bedrohlich erscheinen. Ein bis maximal zwei Leerwürfe sollen reichen, um 10-12 Meter Schnur plus Vorfach auszuwerfen, um dir eine kontrollierte Drift zu ermöglichen. Praktiziere den parallel zur Wasseroberfläche ausgeübten Seitenwurf, um die Bewegung der Rute außerhalb des Gesichtsfeld eines Fisches erfolgen zu lassen.
● Verzichte auf glänzende Objekte: Die Angelindustrie macht es uns dabei nicht leicht. Aber silberne oder goldene Rollen, und anderweitig glitzernde Ausrüstungsgegenstände (Zangen, Clipper, etc.), verraten oft unsere Präsenz, indem sie das Sonnenlicht reflektieren. Man muss nicht so weit gehen wie der amerikanische Angelautor Art Lee, der den Lack seiner Ruten abschmirgelte, doch viele der Gegenstände für das Fliegenfischen erhält man auch in matt, oder in schwarz.
● Nimm dir Zeit und beobachte die Begebenheiten ruhig eine halbe oder volle Stunde bevor du den ersten Wurf machst. Das stellt auch für mich die größte Herausforderung dar, besonders seit ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Es lohnt sich aber, mit seiner Umgebung zu verschmelzen und ruhig zu verharren. Oft passiert das gegenteilige Pendant eines unvorsichtig agierenden Anglers. Denn auch Fische verraten ihre Anwesenheit, wenn sie sich ungestört fühlen. Warte ggf. auf diesen ein oder anderen Fisch und wirf den gezielt an, anstatt das Wasser mit Würfen nach da und dort zu durchsuchen. Ein mit Nahrungsaufnahme beschäftigter Fisch ist abgelenkt und wird dich weniger rasch wahrnehmen.
● Verlängere das Vorfach um viele, viele Meter. Es ist kein Zufall, dass das French Nymphing mit Vorfachlängen von 9m und mehr an glasklaren Gewässern, mit hohem Befischungsdruck entwickelt wurde. Wer es mit unheimlich scheuen Fischen zu tun hat, entwirft ggf. unkonventionelle Lösungen. Zugegeben, die monofile Schnur wirft sich anfangs etwas schwierig und es sieht nicht schön aus. Es legt aber die Nymphe oder die Trockene sanft am Wasser ab, ohne die Scheuchwirkung die eine Fliegenschnur unter diesen Umständen durchaus bewirkt.
● Denk an Charles Cottons Maxime aus The Compleat Angler (1676): “To fish fine and far off is the first and principle Rule for Trout Angling.”
● Analysiere am Weg nach Hause, woran es gelegen haben könnte, dass der von dir erwartete Erfolg ausblieb. Akzeptiere, dass gelegentlich die Fische aus unterschiedlichen Gründen nicht mitspielen. Der Freude am Wasser zu sein, darf es keinen Abbruch tun.
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Ich war schon sehr oft in Norwegen und Schweden und habe dort nur an kleinen Bächen und vereinzelt an Fjorden geangelt.
Da es in Skandinavien nur an wenigen Plätzen Befischungsdruck gibt, glaube ich kaum, dass lange d.h. länger als 9ft Vorfächer erforderlich sind.
Das beste sofern möglich wäre gewesen, Einheimische zu fragen.
Generell:
keine steigenden Fische zu sehen heißt in den allerwenigsten Fällen, dass nicht trotzdem wenigstens ein paar Fische auf Trockenfliege (ganz kleine und auch große probieren) oder schwimmende Terrestrials gehen !!!!
Auch wenn kein Fisch an der Oberfläche sichtbar, so fange ich trotzdem fast jedesmal, erst gestern war es so. Kein einziges Zeichen an der Oberfläche und ich habe 7 Bachforellen und einen Döbel auf kleine Köcherfliegen gefangen innerhalb ca 3h.
Fantastisch – danke dir für die Erkenntnis. Selbstverständlich gibt es bei der geringen Bevölkerungsdichte und der riesigen Menge an befischbaren Gewässern wenig/keinen Befischungsdruck. Auf die Fliegenwahl wollte ich in meinem Beitrag nicht eingehen, sondern den Fokus auf die manchmal unterschätzte Bedeutung von Flussverstand lenken. Danke, für die wichtige und sicherlich richtige Ergänzung.
LG T