Fliegenfischen im Stillwasser: Rutland Water, England – Rolls Royce unter seinesgleichen

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100.000 fangfähige Besatzforellen pro Jahr. Kann Fliegenfischen so noch Spass machen? Und wie! Denn verteilt sich die Anzahl der eingesetzten Bach- und Regenbogenforellen auf 12,6 km² -die Größe des österreichischen Wolfgangsees, oder drei mal so groß wie der Münchner Englische Garten, oder acht mal so groß wie die Hamburger Außenalster – gleicht das Aufspüren der Fische, der Suche nach 3G Signalen im ländlichen Bereich. Wenige Meter können den Unterschied zwischen vollen Balken und Empfangslöchern ausmachen.

Rutland Water wurde 1976 eröffnet. Zuvor wurden über fünf Jahre der River Gwash aufgestaut und weite Teile des Gwash Tals überflutet, um einen Stausee für die – für englische Verhältnisse – sehr trockenen East Midlands zu bilden. Flächenmäßig ist Rutland Water der größte von Menschen Hand errichtete See Englands. Von der künstlichen Errichtung zeugt die am südöstlichen Ufer gelegene, zur Hälfte versenkte Normanton Church, deren Innenraum sich als Museum dem Bau des Stausees widmet. Der Betreiber des Sees, das Wasserversorgungsunternehmen Anglian Water, managed die Fischerei und unterhält einen sehr gut ausgestatteten Tackleshop, der die Kartenausgabe und die 65 Boote starke Flotte betreibt. Teilen muss sich der Fliegenfischer das beliebte Naherholungsgebiet mit Seglern, Surfern, Radfahrern und Spaziergängern. Schwimmen ist jedoch untersagt. An den westlichen Enden der beiden Seearme befinden sich Vogelschutzgebiete, die zu den bedeutendsten Rast- und Brutstätten von europäischen Wandervögeln zählen.

© flickr: John Moore

Boote im Voraus zu reservieren ist empfohlen © flickr: John Moore

Durch seine Einbettung  in die von sanft, rollenden Hügeln charakterisierte und primär landwirtschaftlich ausgerichtete, gleichnamige  County, wirkt Rutland Water jedoch wie ein natürlicher See. Von Trockenmauerwerk umringte Raps- und Weizenfelder, grüne Weiden auf denen sich Schafe tummeln, heckenverzierte Feldwege, prächtige Gutshäuser und Kirchen denen man ansieht, dass diese bereits von Dänen und Wikingern geplündert wurden, bieten ein Ambiente und eine Sicht auf England, wie man es sonst aus Kostümfilmen über den viktorianischen Landadel kennt.

© flickr: Debbie Waumsley

Eine Forelle aus dem offenen Wasser im Netz © flickr: Debbie Waumsley

Rutland Water ist das spirituelle Zuhause meiner Fischerei mit der Fliegenrute, seit jenem fatalen Wochenende 2007, an dem mich meine Frau mit einem Fliegenfischerkurs überraschte. Mehr als zwanzig Jahre schlummerte meine Leidenschaft für Gewässer und Fische. Just in dem Jahr als mein Onkel mich von der Madenbaderei auf Karpfen und Schleien abbringen wollte, indem er mir eine gebrauchte Ausrüstung für das Fliegenfischen überreichte, entdeckte ich Vespafahren, Clubbing und Plattenauflegen. Ein Wurfkurs damals, hätte mich vielleicht noch von meinen sich intensivierenden nächtlichen Aktivitäten abbringen können. Das Geschenk einer Rute und Rolle mit einer Dose Fliegen alleine, war dazu zu wenig attraktiv.

Doch wenn ich auch Sitzkippe, Rutenhalter, Posen und Blinker in den hintersten Winkel des Schranks räumte, die Eindrücke am Wasser der vorhergehenden fünf Jahre, liessen sich nicht mehr aus meinem Gedächtnis löschen. Die zufällige Begegnung mit Gewässern oder Anglern, liess mich auch in den Jahren fischereilicher Abstinenz innehalten. Auf Brücken musste ich mich über das Geländer lehnen, an Seen nach Bewegung an der Oberfläche Ausschau halten und das Treffen auf Angler, diente dem Anlass eine Zigarettenpause einzulegen. Dieses Verhalten war auch für meine Frau auffällig.

© flickr: Dave Pearson

Windgepeitschte Ufer zu befischen bringt Erfolg im Frühjahr © flickr: Dave Pearson

Wanderung und Radfahrten am in der Nähe des schwiegerelterlichen Hauses gelegenen Rutland Water wurden unterbrochen, um die bis zur Hüfte im Wasser stehenden Männern und Frauen beim eleganten Schwingen der Schnur zu beobachten. Beim Pflücken von Brombeeren entlang des 40km langen Radwegs um Rutland Water zerkratzte ich meine Hände, wenn ich beim lauten Aufklatschen einer springenden Forelle ungestüm meinen Kopf verdrehte. An der Beobachtungsstation im Vogelreservat richtete sich mein Feldstecher auf spatengroße Schwanzflossen nymphender Forellen, während meine Begleiter die brütenden Fischadler beobachteten.

© flickr: Timelapsed

Nest eines Fischadlerpaares, Hambleton Hall im Hintergrund © flickr: Timelapsed

Seit diesem Kurs an jenem Herbstwochenede, der in mir das Feuer entfachte, wo es nur geht die Rute zu schwingen, hat sich die Frequenz unserer Besuche der Schwiegereltern erhöht. Eine Win-Win Situation! Ich weiss mich glücklich zu schätzen, Rutland Water mehrere Male im Jahr einen Besuch abstatten zu können. Vom ansprechenden Naturerlebnis abgesehen, sind die Vielfalt der Möglichkeiten, den immens gut genährten, kräftigen Regenbogen- und Bachforellen von März bis Dezember nachzustellen, besonders faszinierend. Wer der Illusion erliegt, durch den starken Besatz auf zum Anbiss bereitwillige Fische zu treffen, wird an Rutland Water schnell eines besseren belehrt.

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Welche soll es nun werden, schon drei ohne Erfolg versucht! © flickr: Andrew Dennes

Ob vom Ufer oder vom Boot aus, das Fliegenfischen in Rutland Water gleicht der Fischerei an schottischen oder irischen Lochs. Die Größe des Gewässers und die weiten Untiefen des Sees begünstigen ein reichhaltiges Insektenaufkommen. Unmengen an Zuckmücken, Baetidae, Köcherfliegen, Wasserflöhe, Wasserasseln, Libellennymphen, Ruderwanzen, Brutfische, Terrestrials lassen die Besatzforellen, schnell die aus der Aufzucht gewohnten Futterpellets vergessen. Entkommen die aufgrund der Kormoranplage mit bereits rund 2 Pfund Größe eingesetzten Forellen, im ersten Jahr ihres Stauseedaseins den  Reizfliegen – Stichwort ’stockie bashing‘ – begegnen sie danach aufdringlichen Streamers und Lures mit einer gehörigen Portion Skepsis. Was nicht heisst, dass man mit Reizfliegen keine ‚überwinterten‘ Forellen fängt, die bereits mehrere Jahre im See leben. Das ausgiebige Futterangebot, lässt Forellen in Rutland Water zu beachtlicher Größe reifen. Erst im Juli 2013 wurde der zwanzig Jahre alte Rekord um beinahe 3 Pfund verbessert und schlägt jetzt bei 17,5 Pfund an.

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Tom Cooper und die Rutland Rekordforelle, 17.5 Pfund, Juli 2013 © Anglian Water

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Schuppenanalyse der Rutland Water Rekord Brown Trout:17,5 lbs © Trout & Salmon

Das Mittelmass der Fische liegt aber um 2-3 Pfund, die dieses gekonnt einzusetzen wissen, wenn erst gehakt. Kampfstark durch das natürliche Futter, schrauben sich die Regenbogenforellen im Drill hoch in die Luft, setzen zu schnellen, weiten Fluchten an die nicht selten bis in das Backing gehen und die Schnur zum Singen bringen. Die irisierenden Flanken der ‚überwinterten‘ Regenbogner verwandeln sich in durchgehend silberne Flanken und die besseren Fische fängt man nicht selten auf Imitationen des natürlichen Nahrungsaufgebots. Und das Trocken als auch Nass. Die abwechslungsreiche Palette an Insekten und Fischbrut, verlangt ähnlich wie beim Flussfischen ein Verständnis für das jahreszeitliche Unterschiede des Nahrungsaufkommens.

Aufgrund der Größe von Rutland Water, ist der Bootangler über das Jahr verteilt leicht im Vorteil gegenüber dem Fliegenfischer vom Ufer. Im Frühjahr nutzen zwar Forellen die ufernahe Erwärmung des Wasser, sich die Bäuche mit schlüpfenden Zuckmücken vollzuschlagen. Doch an manchen Stellen ist der Zugang vom Ufer durch üppige Vegetation verhindert, oder stark auflandige Winde, die Nahrung an einer Uferseite konzentrieren, verfärben das mancherorts ausgewaschene Ufer zur undurchsichtigen trüben Brühe. Länger anhaltende Winde und die natürliche Strömung des Sees, spülen frei schwimmende Nahrung wie Wasserflöhe – eine immens wichtige Nahrung für Forellen in Seen – durch den See und verteilen diese auf das komplette Gewässerareal. In großen zusammen hängenden Wolken gruppiert, treiben diese durch den kompletten See, tauchen besonders bei starker Sonnenbestrahlung in die Tiefe und ziehen Forellen nah an sich hinterher. Der Bootangler hat es somit leichter auf besondere Umstände zu reagieren und stellen sich in einer Drift oder im vor Anker liegenden Boot keine Bisse ein, wirft man den Außenbordmotor an und begibt sich woandershin. Ufernahen Fischen nähert sich der Bootangler aus der Mitte des Sees und berücksichtigt dabei den fünfzig Meter Buffer zum Ufer. Etikette! Denn Uferangler möchten ihr Hobby genauso ungestört ausüben.

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Frühjahr und Herbst: Chancen sind gleich verteilt, auch für Bankangler © flickr: rojabro

Nichtsdestotrotz ist die Fischerei an Rutland Water selbst für Uferangler sehr belohnend. Die üppige Wasservegetation sorgt für reichlich Insektenschlüpfe im Frühjahr, als auch zu fortgeschrittener Stunde im Sommer. Speziell im Herbst, verlieren die Forellen rasch wieder die Scheu vor übermäßiger Sonne. Die bislang im offenen Wasser lebenden Forellen zieht es in die Nähe der Krautbänke, die Stichlingen, Weissfischen und anderer Brut, Rückzug vor den heftigen Attacken der hungrigen Regenbogen- und Bachforellen bietet. Meine beste Rutland Water Forelle, eine Bachforelle von 7 Pfund konnte ich auf eine Köderfischimitation, direkt hinter dem von stark anhaltenden Winden aufgewirbelten, Sandstein haltigen Uferbereich erbeuten. Den fünfzehn Meter breiten ‚Milchkaffe‘ musste ich überwerfen und mein Streamer befand sich wahrscheinlich nie mehr als zehn Meter, im fischbaren Bereich. Doch dem vermeintlich verirrten Köderfisch, war es von diesem Prachtfisch nicht mehr gestattet, Schutz und Unterkunft im trüben Wasser zu suchen.

Forelle Äsche Fliegenfischen Rutland Record Trout 2009

Meine Rekordforelle (7 Pfund) aus dem Jahr 2009 – die graue Minkie war unwiderstehlich

Rutland Water zu befischen, stellt den Angler vor besondere Herausforderungen. Seine Größe setzt voraus, über Wochen Windrichtungen zu verfolgen, Aussentemperatur im Auge zu behalten und gegebenenfalls, besonders beim Bootfischen die richtige Ausrichtung – Driftsack und Sinkschnüre in den Varianten DI3 bis DI7 – im Gepäck zu haben. Böse Zungen sprechen manchmal von Rutland Water als ‚größtem FoPu Europas‘. Doch wie wenige Fliegenfischer das Tageslimit von acht Fischen zur Entnahme erreichen – C&R ist ebenfalls gestattet am ‚Fly Fishing Only‘ Rutland Water – davon kann man sich auf der Homepage von Rutlandgillies überzeugen. Rod average 2013 – 4.53

Forellen wie die in den Bildern oben sind sicherlich Ausnahmefische und seit meinem Fang im Jahr 2009, konnte ich keine in ähnlicher Größe fangen. Dennoch zieht es mich jährlich an ungefähr sieben bis zehn Tagen nach Rutland Water, oder das in seiner Nähe gelegene Eyebrook Reservoir. Frühjahrsfischerei mit Buzzers, sensationelles Trockenfliegenfischen mit aufsteigenden Midges, Köcherfliegen, Hoppers und Daddy Long Legs von Juni bis September, die atemberaubende Fischerei mit Köderfischimitationen im Frühherbst sind Fixpunkte, die ich in meinem Fischkalender, auf keinen Fall  vermissen möchte.

Mit welcher Taktik man sich den großen Seen und Stauseen Großbritanniens und Irland, sowohl vom Ufer als auch vom Boot nähert, darüber möchte ich in den nächsten Monaten ausführlich berichten. Tight Lines!

Für interessierte Leserinnen und Leser an einer Reise nach Rutland Water, bin ich bei Fragen jederzeit da. Gerne übernehme ich auch die Organisation der Reise – Info zu Anreise, Sehenswürdigkeiten und Freizeitaktivitäten, Buchung des Ferienhauses, Guide und Fischereilizenzen. Füllt bitte untenstehendes Formular aus und schlüsselt in einigen Worten auf: wie viele Personen, Zeitpunkt des Urlaubs und ich erstelle ein attraktives Angebot. Freue mich von Euch zu hören, tight lines.

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Comments

  1. Ein wunderbarer Bericht! Inhaltlich wie sprachlich.
    Viele Grüße Volker

    • Danke für das Kompliment Volker!

      Es lohnt sich wirklich den englischen Midlands Reservoirs unter der Verwaltung von Anglian Water – Rutland, Grafham, Pitsford, Ravensthorpe – einen Besuch abzustatten. Eine Drei-Tageskarte für zwei im Boot gibt es für summa summarum £180. Damit können die beiden Fischer auch zwischen drei der genannten Stauseen wechseln.

      Wer nach Abgeschiedenheit sucht, ist an Eyebrook Reservoir noch viel besser aufgehoben. Dieses Gewässer muss man sich nicht mit anderen Erholungssuchenden teilen. Probier es mal aus!

      Viele Grüße, Tankred

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