Ein Blick in die Fliegenbox: Die unterschätzte Kunst des Streamerfischens
Öffne ich meine Schublade mit den Dutzenden Fliegenboxen, stelle ich fest: Die wenigsten davon sind ausschließlich mit Streamern gefüllt. Ich habe Nymphen-, Spiders- und Trockenfliegenboxen. Eine sogar mit klassischen Nassfliegen – keine Ahnung, wann ich die zuletzt mit am Wasser hatte. Aber eine Box mit ausschließlich Streamers? Also mit echten Fischimitationen, dafür muss ich schon nach meinen Stillwasser-Boxen suchen.
Die sind für meine Ausflüge an die englischen Reservoirs gedacht. Mit ihnen bestücke ich mich auch, wenn es gelegentlich zum Rapfenfischen an den Rhein geht. So gut wie nie komme ich aber auf den Gedanken, mit Streamern am Bach oder Fluss mein Glück zu versuchen. Mir geht es dabei wie Charles Jardine im Vorwort von “River Trout – Streamer Fishing”: Als allerletzte Option, bevor alle Stricke reißen, suche ich in der Streamer-Box nach Erlösung. Mehr aus Verzweiflung denn aus Überzeugung.
Warum wir öfter zum Streamer greifen sollten
Dass sich an dieser Einstellung etwas ändert, davon will mich Theo Pike’s umfassendes Buch aus dem Jahr 2025 erinnern. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, blättere ich das reich bebilderte Buch durch. Große Forellen wachsen aus unterschiedlichen Gründen zu stattlicher Größe heran. Gene und Vorsicht sind zwei davon. Eine proteinreiche Nahrung bestehend aus Fischen, Krebsen und gelegentlich Säugetieren (Mäuse, Wasserratten, etc.) der andere. Wer regelmäßig die größten Vertreter in seinem Revier ansprechen möchte, muss sich mit dem Thema Streamerfischen auseinandersetzen.

Die europäische Perspektive: Maßgeschneidert für unsere Gewässer
Mit etwas über 340 Seiten ist “River Trout – Streamer Fishing” ein gewaltiges Buch – Geschrieben aus einer europäischen Perspektive. Aus den USA, von wo man Bücher zu dem Thema kennt, stand man dem Streamern seit eh und je offener gegenüber. Das lag nicht nur am weniger streng geknüpften angelkulturellem Korsett dort. Schon die Größe der amerikanischen Flüsse begünstigte einen aufgeschlosseneren Zugang zu einer Technik, die mit Geschick und Reiz Forellen aus der Reserve lockt, indem man ihre Aggressivität oder ihre kannibalistischen Instinkte anspricht.
Die meisten europäischen “großen Flüsse” für das Fliegenfischen gingen dort vermutlich nicht einmal als mittelgroße Gewässer durch. Wenig verwunderlich also, dass in den USA sogar Techniken angewandt werden (z.B. Sinkschnüre, Driftboot Fliegenfischen) die in den meisten europäischen Flüssen deplatziert sind. So fühlte ich mich mit den mir bekannten, ohne Ausnahme exzellenten Büchern von Kelly Galloup, George Daniel übers Streamerfischen nie zu 100% abgeholt. Genau an der Stelle punktet Theo Pike’s Buch. Ich habe das Gefühl, dieses Buch wurde für mich und mein Anwendungsgebiet geschrieben.

Mehr als nur „Werfen und Zupfen“: Die Kunst der Imitation
Für manche mag sich das Streamerfischen trivial anhören: “Wirf an eine fischverdächtige Stelle. Lass den Streamer abtreiben und zupfe ihn abschließen zu dir ein.”, so die geläufige Annahme. Ein Streamer ahmt aber noch immer ein verletztes, flüchtendes oder sorgloses Fischchen nach. Von mir aus auch einen Krebs, Egel oder Maus. Deren Verhalten anhand von Schnurmanipulationen, Rutenbewegungen und unter dem Einsatz der Schnurhand zu imitieren, trennt letztlich aber die Spreu vom Weizen unter den Streamer Fischern.
Masterclasses: Geballtes Wissen von über zwanzig Experten
Zwanzig davon, geübte Fliegenfischer und Fliegenbinder aus ganz Europa – aus dem skandinavischen Norden, über das Vereinigte Königreich und Irland, bis nach Slowenien und Italien und allen erdenklichen Ländern dazwischen – wird im zweiten Teil des Buches die Bühne gegeben. Über einhundertsechzig Seiten stellen sie ihre erfolgreichen Muster vor, verraten die Kniffe zu ihrem Erfolg. Die Unterschiede, wie auch gelegentlich die Gemeinsamkeiten, der angewandten Techniken und Herangehensweisen sind verblüffend. Der Österreicher Roman Moser, dessen Koppenmuster weltweit als Designvorlage dienen und benutzt werden, offenbart sein Wissen aus deutschsprachiger Sicht zum Thema.

Fazit: Ein umfassendes Werk für begeisterte Fliegenfischer auf Salmoniden
Ergänze diese Erkenntnisse und Motivationen höchst angesehener Experten mit weiteren einhundertneunzig Seiten an Beutekunde, Habitatkenntnisse, was-wann-wo-wie und mit welchem Tackle und daraus entsteht ein umfassender Bogen an taktischen Einsichten, der selbst erfahrene Streamerfischer an der ein oder anderen Stelle zum Innehalten und Nachdenken anregen wird. Streue einige Dutzend Bindeanleitungen darüber, von klassisch bis modern, von Bugger-Varianten bis zu mehrgliedrigen artikulierten Streamers, und das Buch wird zu einem allumfassenden Werk von hohem Wert für begeisterte Fliegenfischer, die schon immer die Faszination für das Fliegenfischen mit dem Streamer verstehen wollten.
Zu beziehen ist “River Trout – Streamer Fishing” über Coch-Y-Bonddu Books aus Wales, in dessem Verlag das Buch 2025 erschienen ist.


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Servus Tankred,
Welch Zufall, ich habe letzte Woche mein erstes Buch von Coch-Y-Bonddu books erhalten und bin auf das große Angebot an Büchern dort aufmerksam geworden.
Ich selber kann auch nichts mit den Werken von Kelly Galloup und George Daniel zum Thema Streamerfischen anfangen. Beide gehen an den europäischen Gegebenheiten vorbei.
Gut zu sehen, dass es ein Buch aus europäischer Sicht gibt und man hier das eigene Spektrum erweitern kann.
Daher Danke für diese Buchbesprechung, alleine hätte ich das Buch nicht gefunden
Servus Oliver,
Coch-y-Bonddu ist ein legendärer Shop. Für englischsprachige Bücher kenne ich keinen Besseren.
Mir gefällt River Trout Streamer Fishing sehr gut. Die Gastbeiträge eröffnen wirklich interessante Perspektiven.
Würde mich interessieren, was du so denkst, wenn du es mal gelesen hast.
Grüße, Tankred