
Geht Mitte Oktober der Schranken zu für viele FliegenfischerInnen, mach sich Betroffenheit breit. Gezählte fünf Monate bleibt uns wenig anderes als zu reflektieren, über das was war. Und sich vorzubereiten, auf das was kommt. Trifft der 16. März ein, hält man es kaum für möglich, dass man im selben Zeitraum schon wieder im Hochsommer des Augusts angekommen wäre. Eine Zeit im fischereilichen Jahr, in der man erneut darüber zu nachzudenken beginnt, was eben war, was in den verbleibenden zwei Monaten wohl noch kommen möge. Die Saison fürs Fliegenfischen auf Forellen ist wahrlich kurz. Mach das meiste daraus!
Vorbereitung und die ersten Insekten der Saison
Beginnt am 16.3. endlich die Saison, ist die gedanklich für viele von uns längst im Gange. Gerätschaft wurde gepflegt, verschlissenes Material ersetzt, Fliegen gebunden – allesamt oft zu spät, um doch vielleicht nicht 100% ideal vorbereitet am ersten Tag der Saison ans Wasser zu gehen. Zumindest schaffte ich es, am Wochenende zwei Handvoll Streamer zu binden. Ausreichend für die ersten Wochenende bis die ersten Baetis Rhodani, ein an meinem Gewässer verlässlich und in guter Anzahl schlüpfendes Insekt, sich mit zappelnden Flügelschlägen von der Wasseroberfläche erheben.
Das Wunder des Insektenschlupfs
Insektenschlüpfe sind bewegende Momente, an denen ich oft vergesse, meine Drift zu beobachten. Die Schnur hole ich, setze mich hin und verfolge mit Spannung den Krampf des Insekts: Sich aus der Nymphenhülle zu befreien, die Flügel zu trocknen, um schließlich mit kräftigen Schlägen der zarten Flügel, das sicherheitsspendende, karge Geäst zu erreichen. Um diese Jahreszeit lässt es sich, dort wo ich fische, ganz selten beobachten, dass ein Insekt während dieses Kampfs in einem geöffneten Forellenmaul verschwindet. Geschieht das unerwartet doch, bin ich nicht mehr zu halten. Ab mit den beschwerten Mustern, Vorfach getauscht und rauf mit der Trockenen.

Improvisation als Grundvoraussetzung
Am Weg ans Wasser klart das Wetter auf. Die Sonne bricht durch die Wolken und ich darf mit Zuversicht auf diesen ersten Tag der Saison hoffen. Den kurzfristigen Frust über das Vergessen des kräftigen Vorfachmaterials fürs Streamerfischen, habe ich längst vergessen. Improvisationsgabe ist eine Grundvoraussetzung für jeden Fliegenfischer. Gezogene Vordächer habe ich ausreichend dabei. Auf die richtige Stärke gekürzt, kann mich der Lapsus, zumindest jetzt am Weg ans Wasser, nicht länger aus der Bahn werfen.
Es ist erstaunlich, wie stark die Fantasie von FliegenfischerInnen angeregt wird durch Vorstellungen, wie Dinge sich am Wasser entwickeln können. Dass der Verlauf eines Angeltags oft andere Bahnen einschlägt und auch unter den Erwartungen bleiben kann, wird mehr als wettgemacht von unerwarteten Momenten, die zu Tage bringen, was eigentlich nicht sein sollte. Womit man eigentlich nicht gerechnet hätte.
Rückblick: Die unerwartete Personal Best Äsche
Ich kämpfe noch immer mit der inneren Zerrissenheit über den Fang meiner Personal Best Äsche von 53cm zu Beginn der Saison 2024. Soll ich es als außergewöhnliches Ereignis stehen lassen, den Prachtfisch mit dem Woolly Bugger gefangen zu haben? Warum wünschte ich mir, ich hätte sie mit der Nymphe oder der Trockenen gefangen? Weil sie wie ich gefühlt genauso überrascht war, über die Verbindung die plötzlich zwischen uns bestand? Nachdem ich die Rute leicht anhob, ob der seltsamen Veränderung im strömungsarmen Bereich des Wassers, direkt unter mir.
‘On the dangle’ – wie die Briten dazu sagen. Kein eindeutiger Biss aber Veränderung genug um mich anzuhalten, die Rute zu heben. Um zu erforschen, was da eben am Ende der Schnur geschah? Noch heute schwankt meine Einschätzung zu diesem Fang zwischen, Ausdruck des 6. Sinns und ‘auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn’.
Der Fang räuberischer Äschen auf Streamer ist wahrlich nichts außergewöhnliches. Vor allem aus Skandinavien berichten Fliegenfischer regelmäßig davon. Im kürzlich erschienenen, hervorragendem Buch von Theo Pike – River Trout Streamer Fishing – geht der Autor und seine Gäste aus Schweden und Finnland auch darauf ein. Trotzdem tausche ich den Woolly Bugger gegen die am Wochenende eifrig gebundenen Minkies. Ein Muster das ich schon seit vielen Jahren beim Stillwasser-Fliegenfischen benutze.

Zeit für Langsamkeit und Ruhe
Bei herrlichem Wetter kam ich an unserer Hütte an. Yep, wir – also die Kollegen meiner Pächtergemeinschaft und ich – genießen das unfassbare Privileg, an unserem Flussabschnitt eine Hütte nutzen zu können. Mir fällt keine größere Erleichterung ein, die es mir ermöglichte, meinen Angeltag so zu gestalten wie ich möchte.
Obwohl ich meist unter Strom stehe, wenn es raus ans Wasser geht, genieße ich es, Dinge in meiner eigenen Zeit zu tun. Und die ist oft geprägt von Langsamkeit, Ruhe und Gelassenheit. Während ich mich ankleide und auftackle, schweifen meine Gedanken. Nicht nur rund um den Angeltag. Tausend Dinge die ich mir vornehme, die umgesetzt werden wollen, die ich machen möchte, gehen mir durch den Kopf. Von der Ankunft an der Hütte, bis ich vollends getackelt entschlossenen Schrittes ans Wasser komme, vergehen gerne fünfundvierzig Minuten.
Gehe ich mit anderen gemeinsam ans Wasser, verzweifeln sie oft, ob der Dauer die ich benötige, um startklar zu sein. Meist schicke ich sie vor und komme nach. Wer denkt, beim Abbauen der Ausrüstung wäre ich schneller, irrt sich. Ich möchte es mir aber nicht nehmen lassen, mir Zeit zu geben. Das Fliegenfischen ist für mich ein Lebensbereich, an dem ich mich nicht hetzen möchte.
Will mich treiben lassen, will Dinge probieren. Will keinen Wettbewerb, keinen Sprint gegen die Zeit. Möchte jeden Moment des Tuns genießen. Und wenn die Zufriedenheit über das Glück an einem fantastischem Gewässer zu fischen, mit eigener Hütte mit Blick auf den Fluss, auf Zwetschken- und Apfelbäume, auf Rinder mit ihren Kälbern auf den Hängen, nach Innehalten verlangt, dann ist das eben so.

Saisonstart bei kühlen Temperaturen
Nach dem langen, in Teilen strengen Winter, genoss ich die strahlende Sonne, als ich auf den angepeilten Flussabschnitt zuging. Natürlich weiß ich, dass Helligkeit und klares Wasser nicht immer die besten Angeltage bedeuten. Zugleich behaupten meine Kollegen eisern, aufgrund der Kälte des Wassers fischt unser Fluss erst richtig gut ab April/Mai. Soll mich das davon abhalten, bei 5° Wassertemperatur in den Fluss zu steigen? Auf keinen Fall!
Nach den ersten Würfen schon stellt sich die Freude darüber ein, über die Wintermonate weniger eingerostet zu sein, als ich es befürchtet hatte. Der Circle Spey Cast gelingt gut und Schritt für Schritt fische ich konzentriert den mehrere hundert Meter langen Flussabschnitt ab, den ich zu dieser Jahreszeit betreten darf. In einem Naturschutzgebiet gelegen, gibt es für uns Auflagen, welche Uferbereiche und -seiten wir bis Mitte des Jahres befischen dürfen, um die an unserem Gewässer nistende Wasseramsel und andere selten gewordene Vogelarten zu schützen.
Begegnungen am Flussufer
Die hat tatsächlich einen für sie eingerichteten Nistplatz angenommen und bot mir am Tagesende ein Schauspiel. Pfeilschnell kam sie aus ihrem Nest geschossen, flog flussab, stürzte sich ins Wasser, blieb für einige Sekunden untergetaucht, um danach mit ihrer Beute im Schnabel an den Nistplatz zurückzufliegen. Dreimal wiederholte sie diese Vorführung für mich.
Da war mein fangloser Tag längst vergessen. Denn auch ein Eisvogel ließ es sich nicht nehmen, mir sein schillerndes Gefieder im blitzschnellen Vorbeiflug zu zeigen. Das überraschte mich, da die Ufer an der Rur kaum die Bedingungen aufweisen – lehmige, sandige Uferkanten – die er bevorzugt für sein Zuhause aufsucht. Auch die Bachstelze hüpfte fröhlich in unmittelbarer Nähe von Stein zu Stein. Sammelte in der sanften Wärme des stetigen Sonnenscheins, die trotz des kühlen Windes eifrig schwirrenden Midges und die gelegentlich schlüpfenden Baetis Rhodani ein.
Ein erbauender Start in das Jahr 2026
Um den Metabolismus der Fische etwas in Gang zu bringen, braucht es vermutlich noch 3-5° mehr an Wassertemperatur. Aber gut gekleidet,, die Sonne im Gesicht, ließ ich es mir gut gehen. Genoss die Sandwiches in der von meiner Tochter vorbereiteten Lunchbox, trank heißen Tee und erquickte mich am Schauspiel der Natur. Ließ mich vom kräftigen Glucksen der golden-olivfarbenen Rur an dem Tag berauschen und war dankbar, für einen zwar nicht hervorragenden, aber wahrlich erbauenden Saisonstart 2026. Fliegenfischen ist einfach cool!


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Danke für ein Wiedereinstieg, Tankred!
Mir geht es ähnlich, bis auf die Tatsache, dass es mir nicht schnell genug gehen kann. Gleichzeitig ärgere ich mich darüber, mir nicht mehr Zeit zu geben.
Tolle Verpflegung deiner Tochter.
Alle Jahre wieder – jede Woche, sofern es geht.
Sich beim Fliegenfischen Zeit zu nehmen, ist essentiell. Erst mal beobachten, bevor man den ersten Wurf macht.
Wenn es geht vom Ufer, anstatt gleich ins Wasser zu steigen.
Dass meine Gedanken beim Anziehen und Auftacklen schweifen, genieße nur ich – nicht die KollegInnen, wenn es gemeinsam losgeht.
“Wir treffen uns am Wasser, ist mein Standardsatz.” Und yep – die beiden Frauen in meinem Leben schauen gut auf mich.