Von der Wiener Fliegenfischerin @kaiserinfishy wurde ich anhand einer Nachricht vorgestern ungewollt an den Weltfrauentag aufmerksam gemacht, der jährlich auf den 8. März fällt. Obwohl ich mich als progressiven Mann bezeichne, hatte ich dieses Datum nie wirklich am Schirm. Das änderte sich erst, als ich bei einer Berliner Organisation angestellt war. In der Bundeshauptstadt ist dieses Datum seit 2019 ein gesetzlicher Feiertag. Doch seit Jahren beschäftigt mich schon die Frage: Warum sind eigentlich Frauen seltener beim Fliegenfischen anzutreffen, obwohl sie oft fantastische Anglerinnen sind?
Zugegeben, eine provokative Frage die mir kürzlich von meinem nichtfischenden Schwager gestellt wurde. Frisch zurück gekehrt von einem Hausbooturlaub in den Norfolk Broads mit Freunden – darunter ein Lachsfischer mit seiner Frau – erzählte mein Schwager Andrew mit schelmischen Grinsen, vom Fangerfolg jener Gattin mit einem sprichwörtlichen Besenstiel. Ausgestattet mit einem Kinderset des ufernahen Lebensmittelgeschäfts – ein spontanes Geschenk meines Schwagers – vertrieb sich das üblicherweise nach edlen Salmoniden fischende Paar die Zeit damit, den einen oder anderen Weißfisch aus dem Kanal zu angeln. Was sollte man auch sonst als Fischer auf einem Boot tun?
Während sich die anderen Gäste auf Deck sonnten und dabei Gin & Tonic nippten, blieb kein Auge trocken, als Lucy unter der Anweisung ihres vornehmlich auf Lachs angelnden Gatten Justin, Döbel um Döbel fing. Seinen Fangerfolg müßte ich nur dann hervorheben, wenn ich Salz in die Wunden des angeschlagenen Experten streuen möchte. Angesprochen auf den jährlichen Ausflug des Paares an den River Dee, kam zu Tage, dass Lucy selbst als Anfängerin regelmäßig den Fangerfolg Justins einstellt oder überbietet.
Und Justin kommt – wie die meisten fischenden Männer – mit diesem Phänomen sehr gut klar. Auch wenn er sich wie andere fragen wird, woran es liegt, dass trotz der vielen von Frauen gehaltenen Rekorden – speziell bei der Lachsfischerei – relativ wenige Frauen sich dem Fischen allgemein und dem Fliegenfischen im Speziellen widmen. Doch auch dieser Wind ist im Begriff sich zu drehen.
In den letzten Jahren zeichnet sich ein erkennbarer Trend ab. Mehr und mehr Frauen organisieren sich, um gemeinsam zu fischen, bzw. andere Frauen für das Thema Fischen oder Fliegenfischen zu begeistern. Ich sehe keine Veranlassung über die Beweggründe zu mutmaßen, sich innerhalb seiner Geschlechtergruppe zusammen finden zu wollen. Denn mal ehrlich Männer, genießen wir es nicht auch – vorausgesetzt die Zusammenstellung passt – , uns unter unseresgleichen zu gruppieren und dabei unserer Leidenschaft nachzugehen?
Nebst altbekannten Reizen – Naturempfindung, Entspannung, Gesundheit u.v.m. – erkennen mehr und mehr Frauen, dass sie so wirklich gut bei der Ausübung unseres gemeinsamen Hobbys sind.
Denn auch der Rekord, für den größten mit einer Fliege gefangenen Lachs, wird von einer Frau gehalten.
Durch die Auseinandersetzung mit der Frage ob Frauen die besseren FischerInnen seien, bin ich auf folgendes Buch gestossen. Salmon and Women: The Feminine Angle (Wilma Paterson, Peter Behan).
Eine Zusammenfassung des Inhalts lässt die Vermutung aufkommen, aus der Sicht mancher Männer ist die Erklärung des Erfolgs fliegenfischender Frauen an der erhöhten Präsenz von Pheromonen zu suchen. Nicht im Können, der Erfahrung, dem Wissen oder selbst dem Glück wird der Erfolg geortet. Nein, durch hormonelle Botenstoffe werden Lachse und vermutlich Forelle & Äsche – männliche versteht sich – dazu verleitet, sich mit besonderer Vorliebe an der von Frauen geführten Fliege zu verbeissen. Zweitausend Jahre Religionserziehung hinterlassen anscheinend einen Abdruck in unserer DNA.
Es drängt sich unweigerlich die Vermutung auf, der Erfolg vieler Frauen ist viel prosaischer: Beharrlichkeit, Lernbereitschaft und Motivation. Kursanbieter für Fliegenfischen berichten häufig von der Unterschiedlichkeit vieler Männer und Frauen, bei der Aufnahme des Lernstoffs. Während des Lehrgangs suchen Frauen nach Rat, sind gute Zuhörerinnen und dabei aufnahmefähig und wahrscheinlich am wichtigsten: Gewillt, das soeben Vermittelte umzusetzen. Männer hingegen hören sich gute Ratschläge an und greifen dann doch auf eigene Ideen zurück – oft mit ernüchternden Folgen, auch wenn doch manchmal der große Durchbruch gelingt.
Eine größere Beteiligung von Frauen an unserer faszinierenden Leidenschaft ist begrüßenswert. Fliegenfischende Frauen bereichern in Deutschland mit ihrem Können, Einsatz und Flair seit einigen Jahren die bis dato männlich dominierte Szene. Und wie ich vermute, erhalten sie dabei sehr viel Anerkennung. Mehr Begeisterte für das Fliegenfischen zu finden, um auch in Zukunft durch den steten Einsatz aller vorhandenen Kräfte unserer und den nächsten Generationen weiterhin unbehinderten Zugang an naturbelassener Umwelt zu gewähren, birgt Chancen und Potential für Mensch, Tier und Natur.
Möchte die eine oder andere Leserin von Forelle & Äsche sich auch gerne am Lachsfischen im Kreise ihrer Schwestern versuchen, so möchte ich auf die in den sozialen Medien stark präsente Marina Gibson hinweisen. Unter der Leitung der qualifizierten Fliegenfischerin, die neben der von ihr geführten Northern Fishing School den Cancer & Pisces Trust unterstützt, eine Wohltätigkeitsorganisation die sich dafür einsetzt, KrebspatientInnen die therapeutische Wirkung von Fliegenfischen und Natur näherzubringen, erfahren Anfänger beider Geschlechter und jedes Alters einen Einstieg in die Faszination Fliegenfischen.

Beim Überarbeiten des obigen beinahe vierzehn Jahre alten Beitrags wurde ich beinahe wehmütig, ob einer Zeit in der es noch immer viel zu erringen gab hinsichtlich Gleichstellung und Gleichberechtigung. Die aber gemessen an den Entwicklungen der letzten Jahre – Stichworte: Incels, Manosphere, Tradwives – weitestgehend gesittet war. Die allgemeine Verrohung in der Sprache und im Umgang miteinander war nach jetziger Erinnerung damals, zur Zeit des Aufkeimens von Social Media, aber noch nicht abzusehen.
Als Angehöriger der Gen X habe ich den Eindruck, dass sich die Möglichkeiten für Frauen, sowie die Fortschritte in punkto Gleichstellung in den letzten Jahrzehnten zwar gehörig verbessert haben. Zugleich weiß ich aber, dass Frauen, z.B. beim Thema Gehalt für gleiche Tätigkeit und Leistung noch immer weniger verdienen als Männer. Oder dass sie nach wie vor eher in die Pflege alternder Eltern oder behinderter Kinder eingebunden werden.
Beunruhigend finde ich aber die kürzlich in einer Umfrage festgestellte Tatsache, dass die Rollenbilder unter jüngeren Männern weit rückständiger als die älterer Generationen sind. Die zuvor genannten Entwicklungen und ihre Propagierung besonders in den sozialen Medien tragen einen erheblichen Teil dazu bei. Wie junge Männer allen Ernstes kriminellen Typen wie Andrew Tate und ähnlich gleichgesinnten Influencern eine Vorbildfunktion zukommen lassen können, wird mir für immer unerschlossen bleiben.
Dieser Umstand ist für mich als Vater einer heranwachsenden Tochter ernüchternd. Dass jungen Männern zwar nicht geholfen ist, wenn Maskulinität ständig als toxisch hingestellt wird, ist mir schon klar. Da braucht es dringend ein reflektiertere Betrachtung, auch wenn die Gewalt die Frauen von Männern angetan wird, verachtenswert ist. Dennoch möchte ich allen Eltern zurufen: Passt auf eure Söhne auf! Schützt sie vor dem gewaltfördernden Einfluss bestimmter Quellen, Organisationen und Individuen.
Macht ihnen klar, dass Gleichberechtigung für Frauen nicht mit einem Privilegienverlust für Männer einhergehen wird. Verdeutlicht ihnen, dass es an der Zeit ist, uns gesellschaftsschädigender Sichtweisen wie Sexismus und Misogynie ein und für alle mal zu entledigen. Schließlich gelang es 2024 auch dem ehrwürdigen Flyfisher’s Club in London im 140. Jahr seines Bestehens, erstmals Frauen seine Türen für eine Mitgliedschaft zu öffnen. Eine Entwicklung an der wiederum Marina Gibson maßgeblich beteiligt war.

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Ja, leider gibt es bei uns wirklich wenig Fliegenfischerinnen. Und noch weniger Fliegenfischerinnen, die nicht wegen Ihres Partners zum Fliegenfischen gefunden haben.
Eine der wenigen bedeutenden deutschsprachigen Fliegenfischerinnen, die tatsächlich aus eigenem Antrieb zu dieser Leidenschaft gefunden haben, war anscheinend Fürstin Charlotte von Quadt zu Wykradt und Isny, eine geborene Prinzession von Bayern. Sie war gut befreundet mit Hans Gebetsroither, Walter Brunner und Charles Ritz und glänzte mit ihren Wurfkünsten auch in den Casting-Wettbewerben von Paris gegen starke internationale Konkurrenz.
Die anfangs des Beitrages erwähnte @kaiserinfishy, Cornelia Reidinger-Mang habe ich letztes Jahr auf einer Veranstaltung kennen gelernt und sie ist eine der wenigen Frauen, die aus eigenem Antrieb zum Fliegenfischen gefunden haben. Peter Schnröcksnadel und Max Mahdalik widmeten ihr sogar ein ganzes Kapitel in ihrem Buch “Im Namen der Flüsse”.
Jedenfalls würde es der ganzen Fliegenfischer-Szene gut tun, wenn mehr Frauen dabei wären. Frauen bringen neue Herangehensweise und Blickwinkel ein, die uns allen nur gut tun können.
Frauen an die Fliegenruten!
LG Sepp Prantler
Hallo Sepp,
wie immer ein wirklich einsichtsvoller und geistreicher Kommentar. Vielen Dank dafür!
Grüße, Tankred
Marina Gibson hat gerade ein Buch veröffentlicht. “Die Fliegenfischerin” im Verlag Knaur als Taschenbuch. Lesenswert.
Danke für diesen Hinweis. Hatte ich nicht mitbekommen – freue mich, es zu lesen. Grüße, Tankred