Die Überschrift stammt vom Schweizer Roland Herrigel, der unter dem gleichnamigen Titel 1990 ein Buch veröffentlichte. Schon damals gab es laut des Autors, der das Buch kürzlich in überarbeiteter Fassung als e-Book in pdf Form wieder aufgelegt hat, an die 50.000 vermerkte Fliegenmuster weltweit. Diese maßlos übertrieben erscheinende Anzahl, hat sich seitdem mehr als verdoppelt, wie aus Malcom Greenhalghs Fliegenmuster Enzyklopädie Fishing Flies (2009) hervorgeht. Diese Frage ist also mehr als berechtigt.
Der Buchtitel mag beim ersten Durchblättern von Welche Fliege wo und wann ein klein wenig irreführend erscheinen, da darin ausschließlich Trockenfliegen besprochen werden, was der Autor gleich zu Anfang des Buches festhält. Das ist seine bevorzugte Taktik. Vielleicht auch die über die er am meisten weiß. Zieht man die eingangs erwähnte schier unüberschaubare Anzahl an Fliegenmustern heran, worunter die Mehrheit vermutlich diesem Fliegentyp zugeordnet werden kann, ist selbst der Versuch, eine Übersicht aus diesem Spektrum zum schaffen, alleine schon ein riesiges Unterfangen.
Es mag der Zeit der Ersterscheinung dieses Buches geschuldet sein, dass dabei in erster Linie ‘klassische’ Trockenfliegen abgebildet werden. Also Eintagsfliegen-Muster die das ausgeschlüpfte Insekt (Dun) mit aufgestellten Flügeln imitieren. Das hat vermutlich auch mit der geschichtlichen Entwicklung der Trockenfliegen zu tun. Auch wenn Dame Juliana Berners schon im 16. Jhdt. unter ihren zwölf Mustern namentlich Steinfliegen, Erlenfliegen und Wespen empfahl, so wurden die – wie in den Jahrhunderten danach – mit für Eintagsfliegen typischen, aufgestellten Flügeln gebunden.
Um aber einen gesamtheitlichen Überblick zu schaffen, werden neben behechelten Eintagsfliegen, auch weniger populäre Bindeformen wie Thorax Fly, USD, No-Hackle Fly vorgestellt – wie selbstverständlich auch CDC Eintagsfliegen, Köcher- und Steinfliegen, die ein oder andere Midge und ebenfalls Landinsekten. Fünfundzwanzig Trockenfliegentypen werden vom Autor angeführt, sowie eine Auflistung an knapp zehn Favoriten aus seiner Fliegenbox.
Muster die heute als Trockenfliegen klassifiziert werden (Parachutes, Klinkhamer), finden dabei aber wenig Beachtung. Im Parachute-Stil gebundene Trockenfliegen gibt es zwar schon seit den 30ern des letzten Jahrhunderts, kamen und gingen aber immer wieder aus der Mode. Wie es scheint, etablierte sich dieser Fliegentyp erst nach und nach mit dem Aufkommen der Klinkhamer ab Mitte der 80er Jahre. So richtig populär wurden diese aber erst später, weshalb man es dem Buch nachsehen kann, diese zur Zeit wirklich beliebte Trockenfliegenart nur am Rande erwähnt vorzufinden. Das Konzept der Ausschlüpfer ist dem Autor aber natürlich bekannt und an der ein oder anderen Stelle wird die Effektivität dieser ‘halbnassen’ Fliegen nicht nur betont, sondern mit spannenden Mustern bildlich unterlegt.
Zumal das Buch nicht beabsichtig eine Musterschau zu sein, sondern dem Leser bei der Auswahl der geeigneten Fliege für die vorgefundene Situation am Wasser behilflich sein möchte. Bindeanleitungen gibt es keine, was dem Lesevergnügen aus heutiger Sicht keinen Abbruch tut, denn die gibt es ausreichend online. Und auch die Entomologie wird nur hinsichtlich dessen gestreift, dass Fliegenfischer eine Übersicht erhalten, welchen Lebenszyklus Eintags- und Köcherfliegen – auch nur die beiden – durchlaufen, und wie diese Stadien benannt werden. Was speziell für weniger bewandte Einsteiger auch beim Kauf von Fliegen oder den ersten eigenen Bindeversuchen hilfreich ist.
Besonders spannend wird für mich das Buch ab der zweiten Hälfte, die der Autor unter ‘Grundsätzliches’ subsumiert. Roland Herrigel versteht darunter nicht nur Faustregeln die sich bei der Fliegenwahl ergeben, sondern auch die Tatsache, dass Fische mit der Trockenfliege ‘grundsätzlich’ immer gefangen werden können. Eine Erkenntnis die wahrscheinlich nur von jenen bedingungslos geteilt wird, die den Erfolg eines Angeltages nicht an der Anzahl der gefangenen Fische festmachen. Denn lasst uns ehrlich sein: wer hat noch nie einen schönen Fisch an der Oberfläche wahrnehmen können, auch wenn wahrlich nicht von einem ‘Schlupf’ oder gar ‘Sprung’ die Rede sein konnte. Zieht man es konsequent durch, wird Anflugnahrung selten verschmäht, auch wenn der Großteil der Nahrung von Salmoniden unter der Oberfläche aufgenommen wird.
Dass bei der Fliegenwahl (Farbe, Größe, Bindestil) der Gewässertyp und die Jahres- und Tageszeit genau so zu berücksichtigen sind wie das Insektenvorkommen, wird betont und unterstrichen. Roland Herrigel geht sogar weit darüber hinaus, wenn er anmerkt, dass 80% des Erfolgs beim Fliegenfischen in der Beobachtung, Verhalten des Anglers und der Präsentation liegen. Wobei bei letzterem nicht nur die Wurftechnik selbst, sondern auch die Schnurmanipulation und Kontrolle gemeint sind. Das ist eine willkommene Abweichung vom Mantra, “…an dieser oder jenen Fliege habe der Erfolg gelegen”. Anekdotisch gibt es einfach zu viele Beispiele dafür, dass eine auf den ersten Blick ungeeignete Fliege, wider der Erwartung zum Erfolg führte. Auf Präsentationstechniken geht das Buch aber nicht im Detail ein, da sich Welche Fliege wo und wann als Hilfestellung bei dieser entscheidenden Frage versteht und nicht als technische Anleitung.
Überzeugt hat mich auch der Lesegenuss dieses Buches. Bildhaft beschreibt Roland Herrigel in flüssiger Darlegung seine Erkenntnisse aus Jahrzehnten der Angelei mit der Trockenfliege. Das Buch strotzt vor Information und reduziert die schier unüberschaubare Auswahl an Fliegenmustern auf das Wesentliche: Versteht man erst, welche Beschaffenheit unterschiedliche Fliegentypen an diversen Gewässertypen aufweisen müssen, um gut zu schwimmen und gut sichtbar zu sein, reduziert man schon vor dem nächsten Ausflug die Auswahl an Mustern, die mit in die Box müssen. Gelingt es zudem die Fliege überzeugend anzubieten, verringert sich der Anteil der Fliegenwahl auf 20% am Angelerfolg. Dieses Verständnis zu schaffen ist die Leistung dieses Buches. Welche exakte Fliege in welcher Farbe und Größe den Weg in die Fliegenbox findet, bleibt letztlich den Vorlieben des Fliegenfischers überlassen. Welche Faustregeln dabei zu beachten sind, dabei ist dieses Buch behilflich.
Erhältlich ist Welche Fliege wo und wann als e-Book in pdf Format unter folgendem Link.

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