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Forelle & Äsche | Fliegenfischen | Fliegenbinden

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Trout Bum? Ein beinahe unübersetzbares Rätsel

by Tankred Rinder 2 Comments

Was habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich ‘Trout Bum’ auf Deutsch übersetzen soll. All die gängigen Begriffe für das Wort ‘Bum’, beschreiben das Wesentliche der Lebenseinstellung eines Menschen, der sein sein gesamtes Leben – Job, Beziehungen und Kontostand – dem Forellenfischen unterordnet, nur unzulänglich. Zur Begriffserklärung braucht es mehr Worte. Keiner bringt das besser auf den Punkt als der amerikanische Fliegenfischer Gary LaFontaine im Vorwort zu John Gierachs bedeutendstem Werk.

Vorwort (Gary LaFontaine)

Als Trout Bum (eine Kombination der Begriffe Trout, also Forelle, und Bum, also eine Art Vagabund, Herumtreiber, Streuner – kurzum jemand, dessen absolute Priorität im Leben das Forellenfischen ist) qualifiziert sich niemand unter dreißig. Nur weil so ein dynamischer Jungspund mal am Wasser wohnt oder von einem Fluss zum nächsten reist, ist er damit noch lange kein Bum, sondern höchstens ein Abenteurer – der sich bisher jedoch nicht verbindlich für diese Lebensform entschieden hat. Bürden wie Ehepartner·in, Kinder oder die Hypothekenzahlung fürs Eigenheim hat ein solcher nicht aktiv abgelehnt. Er ist einfach noch nicht so weit, überhaupt darüber nachzudenken. Doch ein dreißig-, vierzigjähriger Mann (oder natürlich auch eine Frau), der bzw. die gerade genug Fliegen zum Verkauf bindet, gerade genug Kundschaft guided oder gerade genug Böden schrubbt, um den Rest seiner bzw. ihrer Zeit am Wasser verbringen zu können, gilt in den Augen der Gesellschaft als Herumtreiber·in und sollte dringend darüber Beichte ablegen. Idealerweise schriftlich, sodass wir anderen ein derart vergeudetes Leben gebührend missbilligen können.

     Auffällig ist allerdings, dass die meisten Bücher unserer großen Angeltradition gar nicht von Trout Bums verfasst wurden. Meist haben die Autoren, die das Fliegenfischen so scharfsinnig hinterfragen oder beseelt in Erinnerungen daran schwelgen, eigentlich einen Vollzeitjob. Angeln ist für sie eher Realitätsflucht – ein idyllisches Zwischenspiel, kein alltägliches Erlebnis.

     Dennoch besteht in der Fliegenfischerei eine Subkultur: die Trout Bums (oder entsprechend für andere Fischarten Salmon Bums (Lachse), Bass Bums (Barsche), Tarpon Bums (Tarpune). Das ist an sich nichts Besonderes – auch beim Skifahren, Surfen oder Apnoetauchen gibt es entsprechende arbeitslose oder zumindest betont teilzeitarbeitende Intensivanhänger. Meist sind diese Menschen die Besten ihrer Zunft. Und warum auch nicht? Schließlich leben sie nahezu ausschließlich für ihre Leidenschaft.

     Insgesamt betrachtet sind Trout Bums sicherlich nicht weniger schlau, scharfsinnig, talentiert und gebildet als andere Fliegenfischer. Vermutlich haben sie weniger Jahreseinkommen, doch das ist ziemlich sicher Absicht. Genau daher rührt ja die negative Konnotation von „Bums“ („Herumtreiber“): Die damit einhergehende Armut ist nicht den Umständen geschuldet, sondern selbst gewählt. Aus ganz persönlichen Gründen haben sie beschlossen, dem American Dream nachzueifern, dem in der Unabhängigkeitserklärung verbürgten Anrecht auf „Leben, Freiheit und das Streben nach persönlichem Glück“.

     Der fliegenfischende Geschichtswissenschaftler und Autor Paul Schullery merkt an: „… [D]er moderne ‚Trout Bum‘ ist in der Angelliteratur unterrepräsentiert.“

     Aber warum ist das so? Spricht allein die Tatsache, jeden Tag angeln zu gehen, so für sich, dass es keiner weiteren Worte über einhergehende Gefühle und Gedanken mehr bedarf? Warum beherrschen solche Meister des Sports – Freunde von mir wie etwa Paul Brown oder Wayne Huft zählen definitiv dazu – nicht die Welt der Angelzeitschriften und -bücher? Zweifellos sind sie mit der nötigen Poesie beseelt und in sämtlichen Strategien versiert. Wer kennt schon Henry’s Fork, den Nebenfluss des Snake River in Idaho, besser als Paul? Wer versteht sich so gut auf den Missouri wie Wayne? Sicherlich kein Wochenendangler wie ich – oder die meisten von uns Fliegenfischern.

     Auf die berühmte philosophische Frage nach dem „Warum“ lautet die einzige ausreichend umfassende Antwort „Warum nicht“. Trout Bums umgehen den gesellschaftlichen Druck, doch ein „normales“ Leben zu führen, mit der Antwort: „Warum nicht Fliegenfischen?“. Zumindest in ihren Augen verblasst der Reiz einer Position als Unternehmensleitung, Immobilienmagnat oder Medienstar dagegen, einen Tag am Wasser zu verbringen. Recht so (denn wer wäre auf solche Kotzbrocken schon eifersüchtig?).

     Dass Trout Bums in der Angelliteratur Minderheitenstatus haben, liegt eigentlich auf der Hand. Beim Schreiben geht es nur allzu oft ums Ego, und wer sich selbst so wenig darum schert, was die Welt von ihm hält, wird wohl kaum von der üblichen Macherkollektion an Unsicherheiten gesteuert, die Menschen sonst zum Ruhm treiben. Wenn Trout Bums schreiben, dann fürs Geld (genug davon zumindest, um den Hauptteil ihrer Zeit mit Fischen verbringen zu können). Und wenn Trout Bums wirklich gut schreiben, dann weil sie ihr Handwerk beherrschen und (zu Recht, ohne Überheblichkeit) stolz auf ihre Wortgewandtheit sind. Erfolgsgesegnete Schriftsteller, die dennoch nicht unoriginell werden, sind rar gesät – und die ersten, die zumindest mir in den Sinn kommen, sind Charles Waterman, Gerald Almy und John Gierach.

An dieser Stelle soll ich der Leserschaft versichern, warum John Gierach qualifiziert ist, dieses Buch zu schreiben. Kein Problem – er ist ein echter Bum. Genau der Typ Mann, bei dem sich jeder Vater Sorgen macht, wenn die Tochter ihn mit nach Hause bringt.

     John trägt einen großartigen Hang zur Unabhängigkeit in sich. Das führt (zusammen mit der offensichtlichen Leidenschaft fürs Forellenfischen) zu einem Lebensstil, bei dem die Zeit am Wasser oberste Priorität für ihn hat. Er ist ein echter Fliegenfischer, kein bloßer Beobachter aus dem Faltstuhl, der über die Erfolge der anderen berichtet oder die Ideen anderer Angler nachplappert.

     Im vergangenen Frühjahr waren wir gemeinsam für eine Woche im Blackfeet-Reservat im Norden von Montana. Dort gab es keine extravaganten Unterkünfte oder schicke Restaurants, und auch keine zuverlässige Quelle für Angeltipps. Tag für Tag rumpelten wir über Schotterpisten und kämpften mit den Toteisseen. Abend für Abend breiteten wir unsere nassen Sachen aus und hofften, sie mögen bis zum Morgen trocknen, dann gab es ein paar kalte Snacks vor dem Schlafengehen. Bei jedem eisigen Sonnenaufgang brachen wir wieder auf, immer auf der Suche nach der unfassbaren Aushängeforelle.

     Dann kam der Regen und machte der Frühjahrstrockenheit ein Ende. An einem einzigen Nachmittag fiel innerhalb von fünf Stunden mehr Wasser vom Himmel, als die Region in den letzten fünf Monaten gesehen hatte – und wir wurden nass. In den belebten Seen kam allerdings Schwung in die Population der Regenbogenforellen, sodass wir, als uns ein alter Mann anhielt und sagte: „Ich bin Medizinmann und es wird die nächsten fünf Tage durchregnen“, zunächst nicht wirklich wussten, ob wir das als Fluch oder Segen auffassen sollten.

     An diesem Abend kam nur ein einziger weiterer Angler zum Kipp Lake – und der blieb im Auto sitzen und beobachtete von dort seine Angel im Rutenhalter. Der Regen setzte direkt ein, von Anfang an dicht genug, dass wir uns schutzsuchend in unseren Regenmänteln zusammenkrümmten. Aus dem Regenguss wurde ein Wolkenbruch, und der Wind, dem dort draußen weder Bäume noch Hügel entgegenstehen, trieb die Tropfen vor sich her, immer stärker und stärker, bis uns die Wassermassen in Böen um die 60 km/h ins Gesicht prasselten. Es wurde so schlimm, dass der Mann im Auto das Wetter nicht länger ertrug und abfuhr. Wir blieben.

     Irgendwann hatten wir endlich genug über den Kipp Lake gelernt, um ein paar seiner großen Regenbogenforellen zu fangen. Von meiner ersten Forelle am nächsten Tag, einem Sechspfünder, waren wir tief beeindruckt. Vor Johns erster Forelle, einem Siebenpfund-Rogner, so jung, mit einer Fetteinlagerung am Rücken, erstarrten wir in Ehrfurcht.

     Wir hätten uns diese Stunden in einer Bar vertreiben können (nur ein bisschen weiter die Straße rauf), und niemand hätte uns einen Vorwurf gemacht. Aber John dachte nicht im Traum daran, zumindest hat er es nie erwähnt. Er war zum Angeln da. Mit dem eisernen Willen eines Mannes, der Tag für Tag am Wasser ackert, der das Wetter so nimmt, wie es kommt, und trotzdem Forellen fängt – ein Trout Bum mit Weststaatennote.

John ist ein exzellenter Repräsentant der Trout Bums, verkörpert alles, was an dieser Anglerzunft originell und einzigartig ist – eine Schande, dass er nicht für immer so bleiben kann. Dafür schreibt er einfach zu gut, um dem Erfolg lange entgehen zu können. Und am allerschlimmsten: Er ist auch noch gewissenhaft, reicht seine ausgefeilten Werke pünktlich ein, sodass ihn Chefredakteure und Verleger mit stets neuen Aufträgen überhäufen.

     Mit jedem neuen Buch steigt leider auch sein Expertenstatus (das brocken Bücher, noch viel mehr als Artikel, einem Autor nun mal ein). Sein erstes  Werk ,Flyfishing the High Country‘ ist ein schmaler, aber höchst informativer Band. Jetzt hat er Trout Bum geschrieben, mit einem so dermaßen philosophischen und humorvollen Naturalismus gesegnet, dass es ihn zur Kultfigur (einer Art Henry David Thoreau in schlabbriger Watgarnitur) erheben könnte.

     Zu meinen Lieblingsstellen zählen sowohl lustige als auch nachdenkliche Teile des Buches. Beim Kapitel „Zen und die Kunst des Nymphenfischens“ werden sich Leser das Schmunzeln kaum verkneifen können, über „Die Fliegenrute“ müssen die meisten sicher noch lange nachdenken. Mit diesem Buch wird wohl so mancher weitere Angler zum begeisterten Gierach-Fan konvertieren.

     Es wäre tragisch, wenn John zu unserem nächsten Angelurlaub in einem 12-Meter-Wohnmobil vorführe oder die Filmcrew für seine Sendung mitbrächte oder darauf bestünde, seine Gierach-Designerwatstiefel in Szene zu setzen. Irgendwie klingt die Vorstellung, wie John am Kipp Lake seinen Wein im Schlick kühlt, weniger vergnüglich als eine lauwarme Dose Bier und ein abgepacktes Twinkie-Küchlein nach einem knochenharten Angeltag.

     Aber ich würde wetten, dass Johns zunehmender Ruhm ihn nicht allzu sehr verändert. Vielleicht wird er dem Druck des Lektorats manchmal nachgeben und mehr Artikel oder Bücher schreiben, doch sein Anspruch und Talent werden immer die Qualität seiner Arbeit gewährleisten. Und nichts und niemand kann seine Leidenschaft am Wasser bremsen, entspringt sie doch einer angeborenen Fischzination. Solange John die Freiheit wertschätzt, die es ihm ermöglicht, sein Anglerdasein tagtäglich auszuleben, wird er ein Trout Bum bleiben.

                                   – Gary LaFontaine 1986

Übersetzung(©) Ruth Alvermann & Vera Wolters

Da hast du ihn nun. Den ersten Einblick in die deutsche Ausgabe von Trout Bum. Ich hoffe, der Begriff ist nun verständlicher. Vielleicht überzeugt dich Gary LaFontaines Vorwort auch davon, dass die Übersetzung des Buches ‘Trout Bum’ eine Bereicherung für die deutschsprachige Angelliteratur sein wird. Auch du kannst dazu beitragen, dass es veröffentlicht wird. Klicke auf den orangen Button und erfahre wie.

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Filed Under: Aktuelles, Bücher

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Comments

  1. Kurt says

    at

    Ich würde „Bum“ mit „Narr“ übersetzen, etwas klassisch, trifft es aber

    Reply
    • Tankred Rinder says

      at

      Gefällt mir gut, merke ich mir. Danke Kurt! LG Tankred

      Reply

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