Entomologie für Fliegenfischer – vom Vorbild zur Nachahmung

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Anlässe sich selbst oder seine Nächststehenden zu beschenken gibt es zahlreich. Geburtstage, Weihnachten oder andere bedeutende Ereignisse bieten Gelegenheit sich, oder anderen was besonderes in den Geschenkkorb zu legen. Und auf etwas Besonderes trafen vor einigen Jahren deutschsprachige Fliegenfischer, nachdem sie jahrzehntelang händeringend auf eine Veröffentlichung warten mussten, die englischen Standardwerken wie Trout Flies of Britain & Europe: The Natural Fly and Its Matching Artificial (John Goddard) auf Augenhöhe begegnen konnten.

Mit Entomologie für Fliegenfischer (Reisinger, Bauernfeind, Loidl) liegt uns  ein besonderes Geschenk vor, ein sehr wertvolles obendrein. Der Wert dieses Buches drückt sich nicht nur im vielleicht erhöht erscheinenden Verkaufspreis von €60 aus. Rechnet man jedoch diesen stolzen Preis auf die Langlebigkeit dieses Buches auf, wird man feststellen ein Schnäppchen erstanden zu haben. Es ist selten, dass ein Sachbuch derartige Verzückung und Schwärmerei auslöst.

Entomologie für Fliegenfischer besitzt nämlich die seltene Qualität – jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster – wahrscheinlich nicht zu meiner Lebzeit übertroffen zu werden. Und nein ich bin noch keine 80 Jahre alt.

Walter Reisinger, Ernst Bauernfeind, Erhard Loidl ballten in diesem umfassenden Werk, ihr gesammeltes Wissen und Leidenschaft für das Fliegenfischen, die Grundnahrungsversorgung von Forelle & Äsche und deren Imitationen.  Anders als im englischsprachigem Raum, wurde dem Thema Insektenkunde und deren Bedeutung für die Fliegenfischerei, im deutschen Kulturkreis vor der Erscheinung dieses Werks keine fundierte Veröffentlichung gewidmet. Die drei offensichtlich befreundeten Fliegenfischer Reisinger (der Fliegenfischer & Initiator), Bauernfeind (der Biologe) und Loidl (der Fliegenbinder), wollten diesem Mangel ein Ende setzen. Das sie mit ihrem Werk dabei die Latte vorlegten, an der zukünftige Bücher zum Thema Fliegenfischen und Entomologie gemessen werden, war ihnen vielleicht zu Anfang ihres Projekts nicht bewusst.

Entomologie für Fliegenfischer behandelt akribisch das Vorkommen, Verhalten und die Lebensweise der aus der Sicht der drei Autoren wichtigsten Nahrungsgruppen von Forelle & Äsche. Der Hauptaugenmerk liegt dabei auf EPT – Ordnungen (Ephemeroptera – Eintagsfliegen, Plecoptera – Steinfliegen, Trichoptera – Köcherfliegen) – und deren Bedeutung für das Fliegenfischen. Eine detailliert gestaffelte Flugzeittabelle, gibt nicht nur Hinweis auf Hauptzeiten des Vorkommens, sondern setzt dem lateinischen Gattungsnamen, geläufige englische und deutsche Bezeichnungen gegenüber um den Kauf oder das Nachbinden zugehöriger Muster zu unterstützen.

Dieses Nachschlagewerk – anders ist dieses beachtliche Buch nicht zu bezeichnen – wirft einen verblüffend weiten Blick auf das Insektenvorkommen obiger Hauptgruppen in ganz Mitteleuropa und liefert zur Hilfe bei der Identifikation, bestechende Fotografien zu allen vorgestellten Insekten. So kommt auch der vielfach reisende Fliegenfischer in den Genuss, über Vorkommen unterschiedlichster Gattungen informiert zu sein und ohne die Zeit für längere Beobachtungen, informierte Entscheidungen bei der Bestückung der Fliegendose vorzunehmen.

Dem nicht genug, werden häufig auftretende Gattungen geläufigen Fliegenmustern und deren passender Hakengröße, Bindematerial- und Anleitungen gegenübergestellt. In der Vielzahl an vorgestellten Bindeanleitungen kann man sich verlieren. Systematisches Nachbinden aller dargestellten Musterimitationen würde die Fliegendose auf Jahre ausfüllen. Folglich wird dieses Buch auch in diesem Aspekt seinem Charakter als Nachschlagewerk gerecht und bildet die perfekte Ergänzung zu anderen Bindeanleitungen die sich bereits im Bücherregal sammeln.

Wie viele Fliegenfischerbücher im deutschsprachigem Raum, lehnt sich auch Entomologie für Fliegenfischer stark an Fliegenmustern – trocken oder nass – klassischer amerikanischer Prägung an. Schlussfolgernd werden Zweiflüglern und Landinsekten – besonders wichtige Nahrungsquellen an britischen und skandinavischen Stehgewässern und zunehmend auch heimischen Flüssen – nicht die Beachtung geschenkt die diese vielleicht verdienen. Was solls, diese Veröffentlichung orientiert sich an Fliegenfischern des Alpen- und Alpenvorraums, die noch oft Wassergüte und damit verbundenes Insektenaufkommen vorfinden, wie einst Charles Ritz und Hans Gebetsroither.

Reisinger, Bauernfeind und Loidl ist der schwierige Spagat geglückt ein Thema zugänglich aufzubereiten, ohne dabei die Wissenschaftlichkeit eines umfänglichen Sachgebiets aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch ist in erster Linie ein Eintauchen in die Komplexität der für Fliegenfischer bedeutenden Entomologie. In zweiter Linie Anregung and Anleitung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die geeignetste Imitation ans Vorfach zu knüpfen. Und schliesslich in dritter Linie ein Buch, welches man gerne zur Hand nimmt um verführt durch bildschöne Veranschaulichung, Eindrücke einer Naturwelt zu sammeln die den meisten von uns so sicherlich verborgen bleibt.

Ich kann die Klasse dieses Buch nicht ausreichend unterstreichen und wünsche mir einzig als Ergänzung ein Nachfolgewerk, welches sich neben Trout Flies of Britain & Europe: The Natural Fly and Its Matching Artificial (John Goddard) auch noch mit Lake Flies and Their Imitation (C.F. Walker) misst.

Walter Reisingers fantastischen Fotos von Larven und Nymphen fanden ihren Weg in unser Buch – ‚Nymphenfischen: Geheimnisse entlarvt‘.
Ab sofort erhältlich auf www.nymphenfischen.com 

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